Die Wiedereröffnung im Markgräflichen Opernhaus, ist das für Sie ein Auswärtsspiel wie jedes andere oder doch Championsleague-Finale in Wembley?

Balasz Kovalik: Für uns ist das auf jeden Fall ein wichtiger Moment. Ich glaube aber, dass, auch wenn man als Künstler sehr geehrt ist, auf bedeutenden Bühnen oder bei besonderen Gelegenheiten aufzutreten, die Leistung davon nicht abhängen sollte. Hier geht es nicht ums Gewinnen, wie beim Sport, auch wenn man selbstverständlich die Atmosphäre des Ortes vollkommen wahrnehmen soll, es geht darum, ein gemeinsames künstlerisches Erlebnis herzustellen. Deswegen spielen wir das Märchen von "Artaserse" nicht eins zu eins ab. Das ist eine Barockopern-Intrigenstory, so etwas wie heute eine Seifenoper: einfach ein Unterhaltungsprogramm. Die Leute saßen vier, fünf Stunden im Opernhaus, man ist rausgegangen, hat getrunken und geredet. Es war nicht wie heute, dass man da saß und stumm und still zusah. Es war eine lebendige Angelegenheit, deswegen sind die Stories sehr schön und kurzweilig und poetisch. Die Handlung aber folgt immer dem selben Muster.

Liebe, Macht, Intrige!

Kovalik: Ja. Das kann man auch so inszenieren. Aber wir haben uns gedacht, dass das allein für diese Gelegenheit zu flach wäre. Wir kamen drauf zu untersuchen, warum Wilhelmine zur Eröffnung dieses Stück ausgewählt hat. Es wurde dazu auch noch "Il Trionfo del Ezio" gespielt, das wissen wir. Wahrscheinlich wurde aber keine der beiden Opern voll gespielt, wahrscheinlich wurden nur Highlights und Querschnitte präsentiert. Es gibt einen interessanten Brief von Wilhelmine, die gerade in Ludwigsburg eine Oper angekuckt hatte, in dem sie schimpft, wie schlecht die Aufführung war. Mein Gott, wer spielt Metastasio ohne Striche, fragt sie.

Alle Opern wurden dem Publikumsgeschmack angepasst

Also: Warum hat Wilhelmine das Stück denn ausgewählt?

Kovalik: ihr Mann Friedrich und ihr Bruder Friedrich waren aufgeklärt. Und in diesem Stück sehen wir einen aufgeklärten Herrscher, einen atypischen Diktator Artaserse, der ein überlegener philosophisch denkender Mensch ist, der seine Entscheidungen auch mal bereut, kein absoluter Herrscher. Die Herrscher wollten sich allegorisch auf der Bühne sehen, sich als Venus, als Apoll oder als überlegene historische Gestalt wiedererkennen. In der Eremitage kann man übrigens sehen, wie Wilhelmine die Räumlichkeiten für Inszenierungen nutzt, sie hat auch sich selbst dargestellt, als Frau, die sich für die Familie aufopfert, als Frau, die stark ist und sich für den Mann hingibt. Sie fühlte sich als Opfer, das nach Bayreuth geschickt wurde und nicht den englischen Thron besteigen durfte. Interessant sind daher einzelne Szenen in diesem Stück: Wir sehen einen Vater, der grausam mit seinem Sohn umgeht, und können uns Friedrich Wilhelm, den Soldatenkönig, vorstellen. Wir sehen den Vater, der die Tochter zwingt, zu heiraten - wie bei Wilhelmine geschehen. Und im "Ezio" sehen wir die liebe Schwester, die sich für den Bruder einsetzt und aufopfert und ihn liebt. Und wir sehen den Freund, der sich aufopfert.

Wilhelmine konnte sich in der Oper wiedererkennen

In dem wir Hermann Katte erkennen können, der sich nach dem verunglückten gemeinsamen Fluchtversuch für den jungen Preußenprinz Friedrich opferte und hingerichtet wurde.

Kovalik: Ja, diese Momente mussten Wilhelmine an ihr eigenes Leben erinnern. Sie inszenierte sich gern. In ihren eigenen Stücken, aber auch in der Eremitage in ihren Bildern. Sie hatte auch Humor, einen spitzen, feinen Sarkasmus. Auch ihre Tochter Friederike wurde gegen ihren Willen verheiratet, aus Hohenzollern-Staatsraison. Sie hat mit ihrem Bruder Friedrich II. darüber korrespondiert, sie hat bissig mit ihm über diese Hochzeit ihrer Tochter gestritten. Gestritten hat sie mit Friedrich II. auch über die Marwitz, die sich ihr Mann Markgraf Friedrich als Mätresse genommen hat. Sie ersuchte die Marwitz vom Hof wegzubekommen, indem sie sie mit einem österreichischen Grafen verheiratete, was Friedrich nicht gefallen konnte, weil Österreich der Feind war. Man sieht, wie politische Interessen das Privatleben beeinflusst haben.

Der Donnerstag wird ein wichtiger Tag für Bayreuth, einer der wichtigsten des Jahrzehnts. Spüren Sie Druck?

Kovalik: Nein, spüre ich nicht. Wir arbeiten für das Publikum, das zu diesem Festakt kommt, Wir wollten uns auseinandersetzen mit dem Opernhaus und der Rolle, die es für Wilhelmine gespielt hat. Die Kunst war ihre Rettung. Ihr Leben hier war zunächst ein bisschen armselig, aber was ein großes Wunder, was für ein großes Glück hat sie hier erlebt. Sie konnte sich verwirklichen, ihr Mann hat das ermöglicht, und so hat sie Bayreuth in ein Zentrum verwandelt. Das gibt es sonst in Deutschland nicht noch einmal. Unglaublich, die Schönheit, die Größe, der durchdachte Plan dahinter. ich staune, was diese Frau erreicht hat. Ich würde am liebsten auf die Knie gehn und zu ihr sagen: Madame, Sie sind wunderbar! Das kann nicht einfach gewesen sein, in einer Männergesellschaft, in der sonst die Männer alles diktieren. Wir wollen sie ehren, Druck spüren wir keinen.

Unheimlich große Vorfreude

Wir groß ist die Vorfreude?

Kovalik: Unheimlich. Wenn man Theater macht, dann hat man viele Fragen, bekommt aber nie eine Antwort. Man kann gefallen wollen, aber – das ist nicht unser Weg. Wir suchen lieber in dem Material, das wir haben, die wichtigen Themen. Wenn man das Ergebnis sieht, wird man merken, dass wir das ernst genommen haben. Nicht nur ich, sondern auch meine Studenten. Das ist doch eine unheimlich tolle Sache, dass wir gefragt wurden, dass also junge Sänger am Anfang ihrer Karriere auf dieser wunderbaren Plattform der Geschichte begegnen. Was kann ein junger Künstler da anderes spüren als Rückenwind?  

Worin besteht das besondere Flair des Hauses?

Kovalik: Es hat Energie. Natürlich fühlten wir uns zunächst mal wie in einem Museum. Andererseits sind wir nah dran, sitzen dort, wo sie gesessen hat vor 300 Jahren. Und da merkten wir, dass wir doch nicht in einem Museum sind. Das Haus fängt an, unser Blut zu saugen, das ausgetrocknete Holz saugt unsere Säfte. Es wacht auf - und das ist ein besonderer Moment.

Ein bisschen fühlt man sich wie in einer Kirche.

Kovalik: In einer Kirche darf man eine Messe zelebrieren. Wir zelebrieren Kunst in einem Tempel für die Museum. Das ist ganz besonders, das ist - schön.  

Eine Legende kehrt zurück

Wie ist die Zusammenarbeit mit der berühmten Wagner-Sängerin Anja Silja, die hier ihre erste Barockoper absolviert?

Kovalik: Wunderbar. Sie ist eine Legende. Anja hat eine starke Bindung zu Bayreuth, sie hat ihre Karriere hier eigentlich begonnen, sie ist hier eine große Künstlerin geworden. Wie Wilhelmine hat sie hier ihr künstlerisches Können entfaltet. Sie war in Berlin unterdrückt; in Bayreuth, wo sie sich zunächst unglücklich fühlte, konnte sie sich trotz allem entfalten Vielleicht wäre sie in London glücklicher geworden, aber vielleicht hätte sie dort mehr dem Protokoll genügen müssen und sich weniger der Kunst widmen können. Vielleicht ist das ähnlich wie mit Anja Silja, die sich hier als Wagner-Sopranistin entfalten konnte. Es ist interessant, mit Anja Silja durch die Straßen zu gehen und Erinnerungsmomente zu erleben.

Wie arbeitet sich's mit ihr?

Kovalik: Hervorragend, sie ist eine große Darstellerin, eine große Künstlerin, die hier in einer Sprechrolle zu erleben ist. Sie hat eine unheimlich große Disziplin. Die Welt der Barockoper ist für sie ein bisschen fremd. Eine Barockoper ist anders strukturiert als ein Wagner oder Verdi, und das war für sie ganz interessant, das hat sie noch nie in ihrer sechzigjährigen Karriere erlebt. Ich glaube, sie ist, wenn sie auch ein bisschen aufgeregt ist, ziemlich neugierig.

Alles andere als eine Primadonna

Und wie ist der Weltstar als Mensch?

Kovalik: Wunderbar. Wir haben da keine eingebildete Primadonna, die egozentrisch alles um sich drehen lässt. Wir haben eine tolle Kollegin, die mitmacht, mitmachen will, die auch die jungen Sängerinnen als Kolleginnen akzeptiert. Sie leistet sich keine keine Allüren, man sieht, dass sie durch Wielands Schule gegangen ist.

Inwiefern genau?

Kovalik: An dieser Disziplin, diesem Willen, der Kunst alles unterzuordnen und daran zu arbeiten. Die Varnay, die Mödl, die waren doch alle wahnsinnig diszipliniert. Weniger Show, mehr Konzentration auf die Kunst. Aber abseits der Bühne waren das lockere lebendige Menschen. Diese Rote-eppich-Show kam später. Ich bin auch die ganze Zeit im Haus, komme kaum raus, arbeite 13, 14 Stunden. Ich habe das so gelernt, also ist mir das sympathisch. Und davon kann man auch als junger Sänger viel lernen. Das gibt es doch an vielen Häusern gar nicht mehr, diese großen Ensembles, so das man von den erfahreneren Sängern lernen kann.