Messer-Mord in Bayreuth Gefahr besteht, dass er nochmal zuschlägt

Dass ein Täterprofil veröffentlicht wird, ist selten. Aber die Bayreuther Ermittler haben nach dem Mord in Oberkonnersreuth keine heiße Spur. Jetzt hoffen sie darauf, dass Freunde, Familie oder andere Leute aus dem Umfeld des Täters diesen nach oder vor der Tat als seltsam erlebt haben.

Bayreuth - Er gilt als Super-Star unter den Profilern, hat Fälle wie den Maskenmann gelöst, war beim Fall Peggy dabei und hat bei der Soko Bosporus und den NSU-Morden schon früh den Hinweis auf Fremdenfeindlichkeit gegeben. Jetzt sucht Alexander Horn (47) zusammen mit der Bayreuther Soko Radweg den Messermörder von Oberkonnersreuth. Der Kurier sprach exklusiv mit ihm über den Fall und Horns Herangehensweise. Und die Gefahr, dass der Täter wieder zuschlägt.

Daniel W. war zur falschen Zeit am falschen Ort, als er auf seinen Mörder traf. „Ermittlungstechnisch ist das die schwierigste Ausgangslage“, sagt Horn. Zwei Fremde treffen aufeinander, ohne Grund sticht der eine zu. Die Spurenlage ist dürftig. Ein Hammerkopf, der in der Nähe des Tatortes lag, sei vielleicht kein Zufall, „aber wir finden keine Geschichte dazu“. Im gesamten Umfeld des Opfers gebe es keinen „Konflikt“, nichts, an dem sich ein Motiv festmachen ließe. W. wird dem Kurier gegenüber stets als freundlich und umgänglich beschrieben. Jemand, mit dem man gerne zusammen war. Niemand, der eine dunkle Seite hätte. Dass hier für die Ermittler im Moment keine Spur weiterführt, zeigt der ungewöhnliche Schritt, den Horn jetzt geht – und schon einmal gegangen ist: Er „beschreibt“ den Täter, wie er sich vor oder nach der Tat verhalten haben könnte.

„Es gibt Referenz-Fälle“, sagt Horn. Also Fälle von großer „Zerstörungswut“ ohne erkennbaren Grund. Einen davon löste die Soko 14. Juli in Bad Reichenhall: Am 14. Juli überfiel ein 20-jähriger Bundeswehrsoldat einen 73-jährigen Mann von hinten, stach 30 Mal auf ihn ein. Ohne Grund. Kurz darauf überfiel er ein 17-jähriges Mädchen, das gerade noch überlebt hat. Der Mann hatte, wie der Täter in Bayreuth, ein Messer dabei, war bereit zu töten. „Es geht um das Zerstören“, sagt Horn, der quasi in die Psyche der Täter blickt und ihr Verhalten vor- und nachher beschreibt. Dabei sind die Ermittler angewiesen auf Leute aus dem Umfeld des Täters. Sie sind diejenigen, die am ehesten sehen, wie er sich vor- oder nachher verändert hat. Oft sind es die einzigen, die es sehen. Und es melden sollten. Aber er weiß, es gibt Hemmungen. „Nein, der kann es nicht sein“, hieße es öfter. Wie bei dem Mörder, dessen Hände verletzt waren. Doch die Arbeitskollegen zweifelten. „Das Umfeld von den Tätern, die wir ermittelt haben, konnten sich das auch nicht vorstellen“, sagt Horn.

Vor allem auf besonderes Verhalten vor- oder nachher legt er Wert. Wie beim Fall Mareike. Die 20-Jährige aus Waldmünchen wurde ermordet. Alle in ihrem Umfeld spekulierten über den Täter, nur einer nicht: der 30-jährige Täter. Das war im Umfeld der Ermordeten aufgefallen. „Wir gehen dann mit Sorgfalt und der gebotenen Sensibilität vor“, sagt Horn.

Die Psyche des Täters zu beschreiben und damit an die Öffentlichkeit zu gehen, kommt bei Ermittlungen nicht allzu häufig vor. Oft dann, wenn es mit der Ermittlungsarbeit nicht weitergeht. Wenn Freunde, Kollegen, Familie und Bekannte überprüft wurden. In Horns bekanntestem Fall, dem Maskenmann, hat es zum Täter geführt. Der Mann, der in norddeutsche Schullandheime einbrach und mindestens drei Morde beging, musste einen Ortsbezug haben und sich mit Kindern auskennen. Tagsüber veröffentlichte Horn das Profil, der entscheidende Hinweis ging schon am Abend ein.

Jetzt sucht er einen Täter, der den Ort in Bayreuth gekannt hat. Der wusste, dort ist es stockfinster nachts, man wird von keinem gesehen. Der wusste, dass er gut entkommen konnte. Der vielleicht schon öfter da war, vielleicht spazieren, vielleicht, weil er in der Nähe jemanden besucht hat. Der die Kurve kannte, in der Radler wie Daniel W. bremsen müssen. Der dort gewartet hat. Und W., so die Spurenlage, sofort massiv angegriffen hat. Und dann in einem Gewaltexzess getötet hat.

Die Fälle, in denen massivste Gewalt plötzlich ausbreche, sagt Horn, würden gerade erforscht. Aber man sei noch nicht so weit. Aber es würde mehr werden. „Wir stellen eine Entwicklung fest, die wir beobachten.“ Ob der Täter das zum ersten Mal gemacht hat? „Schwierig zu sagen“, antwortet Horn, „aber er war bereit, hohe Gewalt anzuwenden.“ Auf die Frage, ob von diesem Täter eine Wiederholungsgefahr ausgeht, sagt er: „Es ist nicht auszuschließen.“

Alexander Czech, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken, weiß, dass die Bayreuther wegen der Tat verunsichert sind. „Seit der Tat sind die Streifen verstärkt, insbesondere in der Nacht“, sagt er, auch während der Ausgangssperre. Das werde auch so bleiben.

 

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