Das Ukraine-Tagebuch „Wir hatten die letzten Tage wirklich Todesangst“

Thomas Simmler mit seiner Tochter Sofia und deren Mutter Irina. Foto: /Privat

Russische Soldaten greifen jetzt auch Marhanez an. Die Stadt, in der Thomas Simmler mit seiner Familie lebt. Er berichtet, warum er und seine Familie getrennt voneinander geflohen sind.

Am Donnerstag bin ich aus Marhanez abgehauen. Letzte Woche wurde schon die andere Stadtseite beschossen. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ging es dann bei uns los. Um 1 Uhr nachts saß ich auf dem Sofa und habe Fernsehen geschaut. Auf einmal hörte ich es zischen. Und dann hat es dreimal hintereinander richtig laut geknallt. Da haben sie in Marhanez das Kulturzentrum angegriffen. Dort in der Nähe soll angeblich ein Wohnheim mit ukrainischen Soldaten sein. Bei dem Angriff haben die Russen dann 13 Zivilisten getötet.

Da hat Irina beschlossen, sie geht mit unserer Tochter zu ihrer Schwester nach Dnjepropetrowsk. Ich habe aber gesagt, ich gehe da nicht hin. Die Fronten sind dort zwar noch weiter weg, und mit der Artillerie kommen sie da noch nicht hin. Ich möchte aber nicht riskieren, dass die Russen auf der Südfront irgendwann durchbrechen und uns so den Rückzugsweg abschneiden können. Das mach ich nicht mit. Ich habe aber gesagt, sie kann gerne zu ihrer Schwester. Solange Dnjepropetrowsk ein sicherer Ort ist, ist sie dort gut aufgehoben. Aber auf Dauer bezweifle ich das einfach.

Ich bin dann mit mit einem Morgenkonzert aufgestanden. Von 7 bis 12 Uhr hat die ukrainische Artillerie geschossen. Das ist Wahnsinn. Ich hab mein ganzes Gepäck bei der Post abgegeben und es in die Westukraine geschickt. Um 12.14 Uhr bin ich unter Sirenen zum Zug. Ich war so froh, wie ich im Zug gesessen und immer weiter weggekommen bin. Irgendwann hört dann auch die Reichweite der Artillerie auf, und die ist momentan das Allerschlimmste. Da gibt es keinen Alarm wie beim Luftangriff, wo man noch in den Keller kann. Man hört ein Zischen und wenn man im Weg steht, ist man tot. Da hat man keine Chance, dem auszuweichen.

Ich war 24 Stunden mit dem Zug unterwegs. Ich konnte auch endlich mal wieder gut schlafen. Wir hatten die letzten Tage wirklich Todesangst. Am Freitagmittag gegen 12.30 Uhr bin ich dann in Lemberg angekommen und bin mit dem Bus noch zwei Stunden weiter nach Truskawez gefahren. Hier bin in einem Privatzimmer über booking.com untergekommen. Ich habe erst einmal für eine Woche reserviert, aber ich werde sicherlich länger hierbleiben, um die Situation im Ostern weiter zu beobachten. Ich bin froh, aus dieser Scheiße erst mal raus zu sein.

Hans-Thomas Simmler aus Mainleus hält sich seit vielen Wochen bei seiner neunjährigen Tochter Sofia und deren Mutter Irina in der Südost-Ukraine auf. Russische Truppen sind in Sichtweite stationiert.

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