Zu Gast in Bayreuth Habeck und seine Idee von der Verantwortung

Co-Bundesvorsitzender der Grünen spricht am Alten Schloss in Bayreuth  – Rede mixt  lockeren Ton und harte Analyse.

Bayreuth - Die Grünen der Region wollten beides. Große Bühne – und trotzdem locker. Und ihr Stargast bot am Donnerstagabend (16. September 2021): genau das. Robert Habecks Auftritt auf der runden Bühne im  Ehrenhof hatte Passagen, die auch zu philosophisch-politikwissenschaftlichen Fachzirkeln passen würden. Gleichzeitig hatte sie Momente, in denen der 52-Jährige für knapp 400 Zuhörer wie der unbefangene Typ von nebenan wirkte.

Der erste dieser Momente gleich zum Start: „Ich habe den Namen der Band vergessen“, sagte Habeck, der neben Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock seit 2018 Co-Bundesvorsitzender und aktuell  Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen ist. Es lag nicht am  Können der Musiker, die rund um seinen Auftritt toll spielten.  Wer am gleichen Tag schon Auftritte in Dingolfing und Regensburg hatte und nach der Nacht nach Dresden und Leipzig weiterfährt, kann sich wahrscheinlich wirklich nicht jedes Detail merken. Habeck ging damit offen um und gab der Band einfach einen neuen Namen. Take five nannte er sie. Weil die Grünen in Bayern auf dem Wahlzettel an fünfter Stelle stehen. „Alles andere können Sie vom heutigen Abend wieder vergessen“, sagte er ironisch.

Dabei lieferte der aus Flensburg stammende Habeck eine kurzweilige Vorstellung. Nicht nur, weil er die Frage aus dem Publikum, warum er Dänisch könne, in Dänisch beantwortete. Es war eine von nur vier Fragen, die zeitlich hinhauten. Gestellt wurden sie von Susanne Bauer, der Direktkandidatin der Grünen im Wahlkreis Bayreuth, die vor Habeck sprach und ihrer 20-minütigen Rede sich vor allem für eine Verbesserung in sozialen Fragen und bei der Pflege stark machte.

Habeck dankte Kanzlerin  Angela Merkel (CDU) für ihre Lebensleistung persönlich. Er sagte aber auch: „Es ist gut, dass die Ära Merkel jetzt endet.“ Krisen seien immer erst eskaliert, bevor reagiert wurde. Nach Fukushima die Energiewende. Und nach Corona habe man plötzlich gemerkt, „dass Gesundheitsämter, die mit Faxen kommunizieren, aus der Zeit gefallen sind.“

Hauptaugenmerk legte Habeck in seiner Rede auf den Klimaschutz. Und zitierte immer wieder das Bundesverfassungsgericht und dessen Forderung, den CO2-Ausstoß bis 2040 um 88 Prozent zu senken. Die Regierung habe zugesagt, das umzusetzen. „Doch wer A sagt, muss auch B sagen“, fand Habeck. „Bis 2040 schaffen wir das nicht, wenn wir erst 2038 mit dem Kohleausstieg fertig sind.“

Diese Aussage müsse klar getroffen werden. Das verstehe er unter dem Begriff Verantwortung, sagte Habeck, dem man anmerkte, dass er vor der Politik  Schriftsteller war. Worte definiert er genau. Der Begriff Klimaschutz sei falsch, sagte er. Man schütze vielmehr die Menschen und die Existenz eines demokratischen Zusammenlebens. Und das wiederum, „das bedeutet Freiheit“, sagte der Grüne unter Jubel.

Das sagte Robert Habeck nach seinem Auftritt im spontanen Interview

Herr Habeck, Sie waren schon  oft in Bayreuth. Aber hatten  Sie schon einmal so eine Bühne hier im früher tiefschwarzen Bayern?

Robert Habeck: Ich war mindestens schon dreimal hier. Und bin es immer  gern. Ich erinnere mich an eine Lesung,  dann war ich  schon ein paar Mal im Wahlkampf in Bayreuth. Bühnen und Publikum sind mit der Zeit immer größer geworden. Auch das zeigt: Tiefschwarz ist Bayern  lange nicht mehr.

Herr Söder war in Bayreuth im Stadion. Warum waren die  Grünen im  Ehrenhof?

Habeck: Wir mussten wegen Corona in einigen Städten auch  auf Plätze außerhalb des Zentrums ausweichen. Aber natürlich ist eine Veranstaltung wie hier in der Altstadt nicht zu ersetzen. Dann bleiben Passantinnen und Passanten stehen, die gar nicht vorhatten, dazuzukommen. Der Kontakt mit den Menschen ist  näher, man kommt ins Gespräch. Das ist gelebte Demokratie und für mich ein großes Privileg.

Sie haben die Union heute Abend viel und deutlich kritisiert, aber auch die Unterschiede zur SPD herausgearbeitet. Mit einem von beiden werden Sie vielleicht bald regieren. Wie geht das?

Habeck: Natürlich steht uns die SPD programmatisch am nächsten. Aber wir schließen keine Gespräche aus, außer mit der AfD. Es wäre falsch, wenn demokratische Parteien aufhörten, miteinander zu reden. Außerdem: Wenn alle immer alles ausschließen würden, wäre am Ende keine Regierung mehr möglich –  oder der Wortbruch nach der Wahl vorprogrammiert. Beides sollten wir vermeiden.

Tim Pargent will Sie als Minister auf den roten Teppich der Festspiele einladen. In welchem Ministeramt könnten Sie Deutschland  am meisten helfen?

Habeck: Dass es unser und auch mein Ziel ist, die nächste Bundesregierung an entscheidender Position mitzuprägen, ist ja kein Geheimnis. Aber es geht dabei weder um mich noch um Posten, sondern um ein möglichst starkes grünes Ergebnis, weil dieses Land nach all den GroKo-Jahren dringend Veränderung braucht. Ich bitte deshalb um Verständnis, dass ich auf Spekulationen um Ministerämter an dieser Stelle verzichte.

So fanden Sie die Rede

Melanie Büttner, 26, und Jan van den Heuvel, 24, aus Bayreuth:

Wir sind bewusst gekommen, um Politiker in der Realität zu sehen und mit einem Fernsehauftritt vergleichen zu können. Die Veranstaltung war super, sehr interessant. Habeck  war total  sympathisch und nah an den Bürgern. Der Eindruck von vorher hat sich bestätigt.

Patrick Pittroff, 29, aus Bayreuth:

Ich bin hier, weil ich politikinteressiert bin und finde es schön, dass jemand nach Bayreuth kommt. Mir hat gefallen, dass Fragen beantwortet wurden. Meine wurde sogar drangenommen. Außerdem finde ich es gut, dass Habeck konkret geworden ist. Ich bin jetzt überzeugt.    Stimmen eingefangen von: Leon Zechmann

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