Zum 900. Geburtstag der Gemeinde schreiben Dietmar Stadter und Heinz Nestrojil die Geschichte auf eine etwas andere Art auf Zum 900.Geburtstag: Aufseß aus Sicht des kleinen Mannes

Von Thorsten Gütling

Die Gemeinde Aufseß feiert Geburtstag, 900 Jahre wird sie alt, und zwei Männer schreiben die Geschichte auf. Nicht wie Wissenschaftler es tun würden und schon gar nicht, wie es der Adel von Aufseß tun würde. Das hat die Geschichte aus seiner Sicht bereits erzählt. Jetzt sind die kleinen Leute dran. Ihr Wissen wollen die Autoren festhalten.

„Was die beiden leisten, kann man mit Geld gar nicht bezahlen", sagt Aufseß' Bürgermeister Ludwig Bäuerlein. Denn: Nicht alles, was das Adelsgeschlecht getan hat, sei immer gut für die Bürger gewesen. „Wo große Schlösser da kleine Häuser", nennt das Dietmar Stadter. Und kleine Häuser gab es in Aufseß zuhauf.

Stadter ist einer der beiden Autoren. Gemeinsam mit Heinz Nestrojil hat er sich vor zwei Jahren an ein Mammutprojekt gewagt: Das Wissen der Alten konservieren. Das Ergebnis bis heute: mehrere Hundert Seiten. So viele, dass noch gar nicht klar ist, ob das Werk in Druck gehen und für Jedermann bezahlbar sein wird. Aber zwei Jahre Arbeit haben eben auch viel zutage gefördert.

Zu Fuß gingen die beiden Geschichtsfans von Haus zu Haus, baten die Bürger von Aufseß, Heckenhof und Oberaufseß um Erinnerungen und alte Bilder. Die für Stadter interessanteste Quelle, das sind die alten Aufseßer selbst, die bei einem Bier davon erzählen, wie die Flurnamen Taubenleite und Vogelherd zustande kamen. „Weil die armen Leute dort die Kromadla, die Krammetsvögel, fingen, um nicht zu verhungern", hat Stadter erfahren.Infolge von Flurbereinigungen sind viele solcher Namen heute verschwunden. Unter den Alten kennt sie jeder. Fast 1000 Flurstücke gibt es in Aufseß und Stadter kennt sie alle.

Wer den Erinnerungen der alten Aufseßer in dem Buch folgt, der merkt aber auch: So gut war die gute alte Zeit gar nicht. Auch in Aufseß gab es Familien, die mit einfachsten Arbeiten ihren Lebensunterhalt bestreiten mussten – mit dem Sammeln von Ameiseneiern zum Beispiel. Die wurden getrocknet und zu Händler getragen die sie als Vogelfutter weiterverkauften. Pläne zeigen, welche Häuser schon um 1800 standen und noch heute stehen.

Stadter ging allen Hausnamen auf die Spur. Fragte nach, welche Berufsgruppen wo zuhause waren, verfolgte die Geschichte der Häuser teilweise bis zu den ersten Bewohner zurück. „64 verschiedene Gewerke gab es im Laufe der Jahre in Aufseß", weiß Stadter heute. Darunter eine Seilerei, Bürstenbinder und Rechenmacher, alleine in Aufseß fünf Brauereien und eine Fallmeisterei. Bis 1877 war der Fallmeister, der Tierkadaver zu Seife verarbeitete, neben dem Schloss untergebracht. Arme Leute holten sich bei ihm ihr Essen. Dann wurde dem Baron der Gestank zuviel. Der Fallmeister musste umziehen, an seiner Stelle wurde ein Schweizer Haus gebaut – der Baron war vorher offenbar auf Reisen.

"Wer genau der Baron, weiß ich nicht. Viel wichtiger ist mir, wie es die Leute damals gesehen haben", sagt Stadter. Und aus dem Blickwinkel der Leute musste die „Hüttn" eben umziehen. Den neuen Standort bezeichneten sie aberschnell genauso. Wer heute in Aufseß von der Hüttn spreche, könne also beides meinen. Klarer ist da schon, was unter der Speck zu verstehen ist. Die Pfarrwiese am Wald, sagt Stadter und zeigt aus dem Fenster des Gemeindehauses. Dorthin wurde früher das Vieh getrieben. Durch die Eicheln wurden sie dann fett, bekamen also Speck auf die Hüften.

Info: Im März soll eine Ausstellung Teile des Buches zeigen. Bis dahin bleibt Interessierten der bebilderte Kalender zum Jubiläumsjahr, der für fünf Euro im Haus der Gemeinde und im Dorfladen gekauft werden kann.

 

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