Weltgrößtes Musikfestival Mythen und Wasserfluten bei den Salzburger Festspielen

Valery Tscheplanowa als "Buhlschaft" und Tobias Moretti als "Jedermann" in Hugo von Hofmannsthals Stück "Jedermann". Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

SALZBURG. Vergangenes Jahr regnete es bei einem Gewitter mächtig durchs marode Dach des Großen Festspielhauses in Salzburg. Hernach war davon die Rede, dass der Klimawandel auch bei den Salzburger Festspielen angekommen sei, zumindest meteorologisch. Dieses Jahr wohl erstmals auch künstlerisch, wenn der für seine politischen Statements bekannte US-Regisseur Peter Sellars beim weltgrößten Musik- und Theaterfestivals Mozarts „Idomeneo“ inszeniert (ab 27. Juli). Auftakt für einen sommerlichen Reigen von fast 200 Aufführungen, darunter fünf Opern- und vier Schauspielneuinszenierungen, der am 20. Juli mit dem „Jedermann“ beginnt und bis Ende August dauert.

In der Eröffnungsoper um den Kreterkönig Idomeneo, der seinen eigenen Sohn opfern soll, geht es musikalisch wie szenisch äußerst turbulent zu. Es gibt ein mächtiges Seeungeheuer, zwei fürchterliche Stürme sowie alles verschlingende Wasserfluten. Markus Hinterhäuser sagt zwar in einem Interview, es sei „lächerlich zu sagen, wir machten hier eine Oper über den Klimawandel“. Doch vieles deutet darauf hin, dass man Sellars Inszenierung genau so wird deuten können. „Wir müssen über die Zukunft sprechen. Die Zeit ist reif für ernsthafte Veränderungen“, wird Sellars von den Festspielen zitiert.

Dramaturgische Klammer dieser Saison sind antike Mythen, die ewig gültigen Fragen nach der menschlichen Existenz, getrieben von Leben und Tod, Liebe und Hass, Sieg und Niederlage, Schuld und Sühne. In diesen Archetypen sieht Hinterhäuser den „Urgrund allen Theaters“. Neben „Idomeneo“, dirigiert von dem exzentrischen Griechen Teodor Currentzis, gibt es Luigi Cherubinis selten gespielte „Médée“, die noch seltener gespielte, 1936 uraufgeführte Oper „Oedipe“ des rumänischen Komponisten George Enescu, schließlich Giuseppe Verdis „Simon Boccanegra“ und sogar eine Operette: Jacques Offenbachs „Orphée aux enfers“ („Orpheus in der Unterwelt“).

Hinterhäuser gilt vielen als grenzgenialer Programmzauberer, dem es immer wieder gelingt, ungewöhnliche künstlerische Konstellationen zu organisieren. Diesmal hat man den Eindruck, dass er sich die großen Knaller für die kommenden Saison aufgespart hat, in der die Festspiele ihr 100-jähriges Bestehen feiern. Mit dem Duo Sellars/ Currentzis versucht Hinterhäuser, dessen Vertrag gerade bis 2026 verlängert wurde, nahtlos an den überwältigenden „Titus“-Erfolg seiner ersten Intendantensaison anzuknüpfen, was immer ein gewisses Risiko birgt.

Mit dem bildverliebten Achim Freyer als Regisseur des „Oedipe“ und dem Operettenspezialisten Barrie Kosky für Offenbachs „Orphée“ geht Hinterhäuser kein Risiko ein. Noch weniger, wenn er für Verdis Blockbuster den Dirigenten Waleri Gergijew mit Regisseur Andreas Kriegenburg zusammenspannt. Eine sichere Bank ist auch die Wiederaufnahme von Romeo Castelluccis letztjähriger Erfolgsinszenierung von Richard Strauss' „Salome“.

Der „Jedermann“ bleibt ein nie fertiges „Work in progress“. An Michael Sturmingers modernistischer Regie wurde abermals gefeilt und das Ensemble fast zur Hälfte neu besetzt. Valery Tscheplanowa ist erstmals die „Buhlschaft“ und entspricht weniger denn je dem Klischee der prallen Pin-up-Geliebten des reichen Mannes, der dem Tod ins Auge sieht. In der Doppelrolle von „Jedermanns Gutem Gesell“ und „Teufel“ ist Gregor Bloéb zu erleben. Er ist der leibhaftige Bruder von „Jedermann„ Tobias Moretti, was Hugo von Hofmannsthals Dauerbrenner ein wenig zur Familienshow werden lässt.

Mit Spannung erwartet werden zwei Theater-Uraufführungen: Theresia Walsers brandneues Stück „Die Empörten“, eine „finsteren Komödie“ mit finalem Knalleffekt, und Albert Ostermaiers Monolog „Zum Sisyphos. Ein Abendmahl“ abermals mit Tobias Moretti in der einzigen Rolle und dargeboten im Wirtshaus „Zum Jedermann“ mit kulinarischer Begleitung. Die zahlreichen Symphonie-, Kammer- und Solistenkonzerte sind meist ebenso kulinarisch. Nicht fehlen darf auch dieses Jahr Anna Netrebko, die in einer konzertanten Aufführung von Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“ auf der Bühne steht. Wie immer an der Seite ihres Mannes Yusif Eyvazov. Noch ein Familientreffen.

 

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