Ukrainerinnen in Bad Berneck Diese Frauen helfen sich selbst

Geflüchtet aus der Hölle von Charkiw nach Bad Berneck: Frauen und Kinder mit ihren Helferinnen Kerstin Schröder (links vorne) und Ina Götz (zweite von rechts, links daneben Mariia Kharkova). Foto: Peter Rauscher

Viele Orte in der Region haben geflüchtete Menschen aus der Ukraine aufgenommen. In Bad Berneck haben sich Frauen auch Charkiw zusammengetan und meistern ihren Alltag weitgehend selbst. Schwierig wird’s allerdings, wenn die Bürokratie ins Spiel kommt.

Hilfe für geflüchtete Menschen aus der Ukraine ist in Bad Berneck zu einem großen Teil zur Selbsthilfe geworden. „Wir haben den ersten Geflüchteten, die im März nach Bad Berneck gekommen sind, gezeigt, was sie wo finden. Danach haben es selbst übernommen, die nachkommenden Flüchtlinge bei uns einzuweisen“, sagt Kerstin Schröder. Zusammen mit ihrem Mann Jörg, mit Ina Götz und zwei weiteren Helfern unterstützen sie die inzwischen rund 25 Frauen und Kinder aus dem Kriegsgebiet.

Alle aus dem gleichen Ort

Alle 25 stammen aus Charkiw und kennen sich von dort schon aus Friedenszeiten. Die Millionenstadt im Nordosten der Ukraine war eines der ersten Angriffsziele der russischen Truppen, wurde aber inzwischen von ukrainischen Einheiten zurückerobert. Swetlana, die erste Ukrainerin, die im März nach Bad Berneck kam, hatte ihren Bekannten zuhause vor deren Flucht berichtet, dass in dem Fichtelgebirgsstädtchen noch Platz wäre.

Männer mussten zurückbleiben

Und so wollten die nachkommenden Frauen mit ihren Kindern – auch eine Oma ist dabei – gezielt nach Bad Berneck. Die Männer mussten sie im Kriegsgebiet zurücklassen. Viele Bekannte und Freunde in derselben Stadt, die sich gegenseitig stützen – das schafft ein Stück Vertrautheit gerade auch für die Kinder in einer fremden Umgebung.

Drei Tage ohne Licht im Keller

Mariia Kharkova hat die Angriffe auf Charkiw zu Kriegsbeginn zusammen mit ihren beiden drei- und achtjährigen Kindern hautnah erlebt. Tagelang musste die Familie im Keller Schutz suchen, drei Tage ohne Licht, berichtet die 32-jährige Englischlehrerin dem Kurier. Von draußen waren die Luftangriffe, Flugzeuge, Bomben und Explosionen zu hören. Im Zug floh sie mit den Kindern über die Slowakei nach Deutschland. Auch sie kam schon im März nach Bad Berneck. Freundlich seien die Menschen hier, es fehle ihnen in Bad Berneck an nichts und für die große Hilfe seien sie sehr dankbar, sagt sie.

Flübb hat Erfahrung

Kerstin Schröder und ihre Mitstreiter haben mit der Flüchtlingshilfe Bad Berneck (Flübb) bereits seit Jahren Erfahrung bei der Betreuung Geflüchteter gesammelt. Das kommt ihnen nun zugute. „In den Ämtern kennt man uns inzwischen, ist freundlicher und auskunftsfreudiger als noch vor ein paar Jahren“, sagt sie.

Formulare, Formulare

Der Umgang mit Behörden ist der Bereich, in dem die Frauen aus der Ukraine am meisten Unterstützung brauchen. Sie haben zwar alle gültige Pässe – in kyrillischer und lateinischer Schrift – und sind privat in Wohnungen untergebracht; aber die Anerkennung als Geflüchtete, der Erhalt von Geldleistungen, die Anmeldung bei der Krankenversicherung, Einschulung, Kontoeröffnung – all das ist mit viel Bürokratie und Formularen verbunden, vor der auch Deutschsprechende kapitulieren könnten.

Alles neu im Mai

Und weil ab 1. Juni nicht mehr die jeweiligen Landratsämter und Städte, sondern die Jobcenter für die Leistungen an ukrainische Geflüchtete zuständig sind, „müssen wir für alle nochmal alles neu beantragen“, sagen Schröder und Götz. Wobei diese Anträge auch wieder erst dann bearbeitet werden, wenn die Antragsteller die so genannte Fiktionsbescheinigung erhalten haben, die die Ausländerbehörde wiederum erst ausstellen muss…. „Dabei sind die Fälle doch so klar, warum muss immer alles so kompliziert sein?“ fragt Ina Götz.

Lehrerin für Willkommensklasse

Die schulpflichtigen Kinder werden nach den Pfingstferien die Schule besuchen. Englischlehrerin Mariia Kharkowa hat sich in der Bad Bernecker Sebastian-Kneipp Grund- und Mittelschule angeboten, eine Willkommensklasse zu betreuen. Die gibt es dort noch nicht, weil man eben noch keine Lehrerin gefunden hatte. Nun sind aber auch hier erst mal die Behörden gefragt.

Ab sofort Sprachunterricht

Für die kleineren Kinder ist es schwierig, Kita-Plätze in Bad Berneck zu finden. So übernimmt Kerstin Schröder als evangelische Dekanatsjugendreferentin die Betreuung, wenn die Mütter ab sofort zweimal wöchentlich nachmittags einen Deutschkurs im Kukuk im alten Kindergarten besuchen. Eigentlich wollen alle Frauen mit ihren Kindern so schnell wie möglich in die ukrainische Heimat zu den Männern und Papas zurück, aber wann das möglich sei wird? Mariia Kharkova zuckt unsicher mit den Schultern. „Vielleicht im Herbst.“

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