Neue Vorwürfe Emtmannsberger Bank: Schaden offenbar noch höher

Jan Kalbitz (links) und Markus Weber, die Vorstände der Raiffeisenbank Emtmannsberg, erheben schwere Vorwürfe. Foto: Andreas Harbach

EMTMANNSBERG. Der Fall der mutmaßlichen Millionenuntreue durch einen ehemaligen Vorstand der Raiffeisenbank Emtmannsberg weitet sich aus. Sowohl der Zeitraum als auch die Schadenssumme seien deutlich größer als bislang bekannt, sagen die aktuellen Vorstände. Vorwürfe, die die federführende Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen in Hof auf Nachfrage bestätigte.

Seit vier Wochen ist Markus Weber jetzt Vorstand der Raiffeisenbank Emtmannsberg und damit quasi Nachfolger von Stefan L., der das Institut um viel Geld erleichtert haben soll. Seither kämpft der 59-Jährige sich mit dem anderen Vorstand Jan Kalbitz durch Daten und Papiere und gelangt so auch zeitlich immer weiter in die Vergangenheit.

Unregelmäßigkeiten bereits ab 2001

Ihre dabei gewonnenen Erkenntnisse machen sie sicher: Stefan L. habe nicht erst seit 2017 rund zwei Millionen Euro veruntreut und dabei die Bankbuchführung verschleiert und Kontoauszüge der Bank manipuliert, wie es bislang hieß. Stattdessen habe es Unregelmäßigkeiten bereits ab 2001 gegeben, also mehr oder weniger mit dem Eintritt von Stefan L. in die Bank. Auch Oberstaatsanwalt Andreas Cantzler bestätigte dem Kurier: „Aufgrund des bisherigen Ermittlungsergebnisses ist davon auszugehen, dass erste Untreuehandlungen bereits 2001 stattgefunden haben.“

Schaden steigt auf 3,3 Millionen Euro

Der mittlerweile ermittelte Schaden belaufe sich auf 3,3 Millionen Euro, und man wisse noch nicht, ob es dabei bleibt, sagen die Vorstände. Oberstaatsanwalt Cantzler bestätigt, dass die Bank die Summe so angibt und ergänzt ebenfalls: „Der Schaden wird im Rahmen des derzeitigen Ermittlungsverfahrens berechnet und kann noch nicht abschließend benannt werden.“

Schuldanerkenntnis: Verteidiger verweist auf niedrigere Summe

Der Hofer Rechtsanwalt Walter Bagnoli, der L. vertritt, sagte auf Nachfrage, er könne die genannte höhere Schadenssumme derzeit nicht bestätigen und wies darauf hin, dass L. bereits vor einiger Zeit ein Schuldanerkenntnis abgegeben habe. Die darin angegebene Summe sei deutlich niedriger.

„In der Bank herrscht seit drei Monaten Ausnahmezustand“, sagt Kalbitz, der sich derzeit im Urlaub befindet. Man habe sich seit Bekanntwerden der Vorwürfe durch Zehntausende Belege gearbeitet, doch laufe die interne Prüfung noch immer. Weber, der bis zu seinem Einsatz in Emtmannsberg Vorstand einer größeren VR-Bank in Unterfranken war und jetzt von einem „Einsatz in schwierigem Umfeld“ spricht, sagt dazu: „Das ist ein Fall, der meine Vorstellungskraft übersteigt. Auch wegen der hohen kriminellen Energie, mit denen die Taten begangen wurden.“ L. habe sich aus Kasse und Geldautomat bedient, habe Kontoauszüge, Urkunden und Unterschriften gefälscht. Auch diese Vorwürfe bestätigte die Staatsanwaltschaft.

Kameras als Helfer?

Besonders schwer wiegt aber ein Vorwurf der Banker, der für sie auch ein Stück weit zeigt, wie das Ganze trotz der regelmäßigen Prüfungen überhaupt habe passieren können. Demnach seien sechs Kameras in der Bank platziert gewesen, mit denen L. Mitarbeiter habe überwachen können, darunter auch eine im Zimmer seines Mit-Vorstands Kalbitz. „Er hat also immer gewusst, wer sich wo befindet und wer überhaupt in der Bank ist“, sagen die beiden Banker. Damit habe er zum Beispiel gewusst, wann er gefahrlos in die Kasse oder den Geldautomaten greifen konnte. Anschließend habe er die Konten entsprechend manipuliert. Inwiefern dieses Instrument auch dazu diente, persönliche Daten von Mitarbeitern auszufiltern, darüber lasse sich nur spekulieren. Zu diesen Aspekten lägen ihr keine Erkenntnisse vor, heißt es dazu von der Staatsanwaltschaft.

Mitarbeiter wollen Anzeige erstatten

Einige Mitarbeiter wollten wegen der Überwachung Anzeige erstatten, seien aber nicht nur deshalb tief getroffen. „Wir fühlen uns alle auch persönlich hintergangen und benutzt“, sagt Kalbitz, und Weber ergänzt: „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen.“ Von Normalität könne in der Bank noch lange nicht wieder die Rede sein, auch wenn es schön sei, dass die Kunden weiter zu dem Institut stehen und der Betrieb vergleichsweise reibungslos laufe. Das tue den Mitarbeitern gut, die keinerlei Schuld trügen. Allerdings müsse man weiter intensiv den Ermittlungsbehörden zuarbeiten, was viel Zeit und Energie koste.

Mit welchen Mitteln L. gearbeitet habe, zeige auch, dass er nicht einfach „nur“ mittels hochmoderner Scanner und Drucker die Beträge auf den Kontoauszügen der Bank gefälscht habe. „Er hat auch jeweils die Sollzinsen für die geänderten Beträge neu berechnet und eingesetzt“, sagt Weber.

Wirtschaftliche Unabhängigkeit in Gefahr

Was die rund 20 Mitarbeiter besonders belastet – durch den der Bank entstandenen Schaden sei die wirtschaftliche Unabhängigkeit in Gefahr, zumal das Geschehen in eine für die Branche sowieso nicht leichte Zeit falle. Was das genau bedeutet, könne man allerdings erst sagen, wenn die endgültige Bilanz erstellt sei. Das gelte auch für die Frage, ob man eine Fusion mit einer anderen genossenschaftlichen Bank eingehen müsse. Frühestens Ende Oktober oder im November könnten Informationsveranstaltungen für die Mitglieder abgehalten werden. Die Generalversammlung werde dann voraussichtlich im Dezember stattfinden.

"Geld der Kunden sicher"

Kalbitz und Weber betonen, dass das Geld der Kunden sicher sei – schon allein durch das Sicherungssystem des genossenschaftlichen Verbundes. Schaden sei „ausschließlich“ der Bank entstanden.

Stefan L., der sich seit knapp drei Wochen wieder auf freiem Fuß befindet, wurde in dieser Woche erneut kurzzeitig festgenommen, nachdem der Haftbefehl vom Gericht wieder in Kraft gesetzt worden war. Beim Haftprüfungstermin wurde das Vorliegen von Haftgründen wie etwa Flucht- oder Verdunkelungsgefahr aber erneut verneint und L. wieder entlassen.

Haftbefehl weiter außer Vollzug

Rechtsanwalt Bagnoli sagte, er könne zu den von der Bank gemachten Vorwürfen derzeit nichts sagen. Allerdings sei es ja nun mal so, dass gerichtlich entschieden worden sei, „dass keine zwingenden Haftgründe vorliegen, die ein Invollzugsetzen des Haftbefehls rechtfertigen“.

Oberstaatsanwalt Cantzler bestätigte, dass sich L. im Laufe der Ermittlungen umfassend zu den Tatvorwürfen geäußerte habe. Ob und wann ein Ende des Ermittlungsverfahrens absehbar ist, da wollte er sich nicht festlegen. Mit einem Abschluss sei aber nicht vor sechs Monaten zu rechnen.

 

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