Nahles war nach dem schlechten Abschneiden der SPD bei der Bundestagswahl 2017 Fraktionsvorsitzende geworden und im April 2018 als erste Frau an die Spitze der Partei gewählt worden. Sie hatte sich dafür eingesetzt, nach dem Scheitern der Verhandlungen über eine "Jamaika-Koalition" von Union, Grünen und FDP wieder in eine große Koalition einzutreten. Die Entscheidung ist in der SPD bis heute höchst umstritten.
Als mögliche Nachfolger von Nahles an der Parteispitze wurden bisher vor allem die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, und der niedersächsische Regierungschef Stephan Weil gehandelt. Weil signalisierte am Sonntag bereits im NDR, dass er keinen Wechsel nach Berlin anstrebe: "Ich bin und bleibe furchtbar gerne Ministerpräsident aus Niedersachsen und habe keine anderen Ambitionen."
Auch Vizekanzler Olaf Scholz könnte jetzt wieder ins Spiel kommen. Als möglicher Kandidat für den Fraktionsvorsitz gilt der bisherige Vizechef Achim Post. Der SPD-Linke Matthias Miersch und Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz hatten noch vor der Rücktrittsankündigung erklärt, nicht gegen Nahles antreten zu wollen - was nicht automatisch bedeutet, dass sie eine Kandidatur grundsätzlich ausschließen.
Wann die beiden Spitzenposten der SPD neu besetzt werden, ist noch unklar. Mehrere führende SPD-Politiker warnten am Sonntag vor Schnellschüssen. Der nächste Parteitag ist für Dezember geplant. Sollte der Wechsel früher vollzogen werden, wäre dafür ein Sonderparteitag notwendig. Auch eine Mitgliederabstimmung über die Nahles-Nachfolge wurde schon ins Gespräch gebracht. In der Fraktion war die Wahl eines neuen Vorsitzenden turnusmäßig für September geplant, könnte aber problemlos auch für früher angesetzt werden.
Kurz vor ihrer Entscheidung hatte Nahles noch demonstrative Rückendeckung von ihren Stellvertretern im Parteivorstand bekommen. Auch das konnte sie aber nicht mehr umstimmen. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) bedauerte den Rücktritt. "Das Land und die SPD haben Andrea Nahles viel zu verdanken", sagte der Finanzminister. Der SPD-Abgeordnete Florian Post nannte den Rücktritt dagegen "richtig und konsequent". Er sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Das war die letzte Möglichkeit, den Riss und die Spaltung wieder zu kitten." Post hatte Nahles in den vergangenen Tagen scharf kritisiert.
Mehrere SPD-Politiker zeigten sich erschüttert über den Umgang mit Nahles. "Da hat auch Frauenfeindlichkeit eine Rolle gespielt", sagte Fraktionsvize Karl Lauterbach der "Welt". "Wir müssen darüber nachdenken, ob wir mit diesem Umgang tatsächlich Vorbild sein können." Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, nannte den öffentlichen Umgang mit Nahles "schändlich". "Einige in der SPD sollten sich schämen." Ex-Parteichef Sigmar Gabriel sagte: "Die SPD braucht eine Entgiftung."
Linke und AfD forderten eine Neuwahl des Bundestags. "Die ehemals große Koalition bewegt sich im Chaos", sagte Linksfraktionschef Dietmar Bartsch im ZDF. "Ich glaube, eine faire Lösung wäre jetzt, die Wählerinnen und Wähler zu befragen." Auch AfD-Partei- und Fraktionschef Alexander Gauland sagte: "Wir wollen Neuwahlen haben."
Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner schloss einen Koalitionswechsel zu "Jamaika" mit Union und FDP ohne Neuwahlen aus. Damit wären bei einem Bruch der großen Koalition nur Neuwahlen oder eine Minderheitsregierung möglich.
Seit 1946 hatte die SPD insgesamt 18 Vorsitzende, darunter drei kommissarische Parteichefs: 11.05.1946 - 20.08.1952 Kurt Schumacher 27.09.1952 - 14.12.1963 Erich Ollenhauer 16.02.1964 - 14.06.1987 Willy Brandt 14.06.1987 - 29.05.1991 Hans-Jochen Vogel 29.05.1991 - 03.05.1993 Björn Engholm 03.05.1993 - 25.06.1993 Johannes Rau (kommissarisch) 25.06.1993 - 16.11.1995 Rudolf Scharping 16.11.1995 - 12.03.1999 Oskar Lafontaine 12.03.1999 - 21.03.2004 Gerhard Schröder 21.03.2004 - 15.11.2005 Franz Müntefering 15.11.2005 - 10.04.2006 Matthias Platzeck 14.05.2006 - 07.09.2008 Kurt Beck 07.09.2008 - 18.10.2008 Frank-Walter Steinmeier (kommissarisch) 18.10.2008 - 13.11.2009 Franz Müntefering 13.11.2009 - 19.03.2017 Sigmar Gabriel 19.03.2017 - 13.02.2018 Martin Schulz 13.02.2018 - 22.04.2018 Olaf Scholz (kommissarisch) seit 22.04.2018 Andrea Nahles