Menschenraub in Kulmbach Prozess um Entführung auf offner Straße

Archivfoto: Wittek

BAYREUTH/KULMBACH. Vier Männer zerren in Kulmbach vor den Augen dreier Zeugen in ihren schwarzen BMW und fahren davon. Seit Montag steht das Quartett vor dem Landgericht, angeklagt wegen schweren Raubes, Entführung und gefährlicher Körperverletzung. Drei sagen aus und bestreiten ein Rollkommando nach Mafia-Art. Sie schildern eine schief gelaufene Geschäftsaussprache.

Das Geschäft, das der Ursprung dieses Falls gewesen sein soll, hat mit der Herkunft aller Beteiligten zu tun und soll im Sommer 2018 in Teheran im Iran stattgefunden haben. Damals bekam ein Mann umgerechnet 6000 Euro dafür, dass er einen anderen auf illegalem Weg nach Deutschland bringen sollte. Der Empfänger des Geldes war ein Verwandter des Mannes, der am 27. Oktober 2018 an der Ecke Kronacher-/Heinrich-von-Stephan-Straße in Kulmbach in den schwarzen BMW mit Kölner Kennzeichen gezerrt worden sein soll. Der Fahrer dieses Autos, ein 32-Jähriger Iraner, der in Köln eine Autowerkstatt betreibt, sagt: „Wenn das alles geplant gewesen wäre, Herr Richter, wäre ich dann mit meinem eigenen Auto gekommen?“

Neben dem 32-Jährigen saßen in dem Auto sein knapp ein Jahr älterer Bruder und zwei Landsleute im Alter von 25 und 29 Jahren. Der 29-Jährige ist, wie das Brüderpaar, aus Köln. Der 25-Jährige ist aus Braunschweig. Die drei Kölner lernten den Braunschweiger mit der furchteinflößenden Bodybuilderfigur erst am Tag der Autofahrt nach Kulmbach kennen.

Schleuser schuldete dem Angeklagten wohl Geld

Der Grund für diese Fahrt: Jene 6000 Euro, die in Teheran den Besitzer gewechselt hatten. Das Geld will er Kölner Werkstattbesitzer locker gemacht haben, um einen Cousin aus Teheran herauszuschleusen. Empfänger des Geldes soll der Mann aus Kulmbach gewesen sein – der aber laut den Angeklagten die Leistung nicht erbrachte. Der Cousin des Werkstattbesitzers steckte erst in der Türkei fest und soll dann nach Teheran zurückgekehrt sein. Vermittelt haben will das Geschäft der 29-jährige Angeklagte, dessen Bruder von dem Kulmbacher nach Deutschland geschleust worden sein soll. Der 29-Jährige fühlte sich „irgendwie verantwortlich“. Jedoch: Er hatte den Kontakt nur vermittelt, wusste aber nicht, wo der Schleuser wohnte. Da kommt nun der Bodybuilder aus Braunschweig ins Spiel: Der soll zeitgleich mit dem Bruder des 29-Jährigen eingeschleust worden sein und konnte weiterhelfen: Mit einem Mann in Kulmbach, der wiederum genau wusste, wo in Kulmbach der Schleuser wohnte.
Der Braunschweiger Bodybuilder bestand darauf, mit nach Kulmbach zu fahren, nach Aussagen der Mitangeklagten habe der Schleuser ihm noch Geld geschuldet.

Bruder sagt aus, er hätte mit einem Messer "gepiekst"

Der Werkstattbesitzer aus Köln sagte: „Wir wollten nur mit ihm reden. Es war dumm und ist ganz anders gelaufen als wir das wollten. Ich weiß, ich hätte nicht einfach losfahren sollen.“ Doch war es wirklich eine Entführung? Der 32-Jährige sagte einerseits, der Schleuser habe nicht ganz freiwillig mitkommen wollen. Andererseits habe der Schleuser angedeutet, er wolle die offene Forderung begleichen und in Offenbach wolle er deshalb mit einem Geschäftspartner darüber sprechen.

Bis das Opfer dieses Falls die „Forderung“ anerkannte, fielen Drohungen, wurde er mit der stumpfen Seite einer Messers auf den Kopf geschlagen, geboxt und bekam von dem Werkstattbesitzer eine Ohrfeige. „Ich habe ihm immer wieder gesagt, er braucht keine Angst zu haben“, sagte der Werkstattbesitzer. Sein Bruder sagte aus, er sei ganz spontan mitgefahren und habe den Schleuser mit einem Messer in den Oberschenkel gepiekst, damit der „sein Bein ins Auto tut.“ In Offenbach versprach das Opfer, das Geld innerhalb von 40 Tagen zurückzuzahlen. Das Quartett ließ in gehen und will ihm seinen zuvor abgenommenen Geldbeutel zurückgegeben haben. Der Mann stieg in den Zug Richtung Kulmbach und ging zur Polizei. Der Prozess wird fortgesetzt.

 

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