Lost Places Das ehemalige Hotel Post in Warmensteinach

WARMENSTEINACH. Der Putz bröckelt von den Außenwänden, die Betontreppe zum Eingang ist abgesperrt. Dort wo einst Gäste ein und aus gingen, ist heute niemand mehr. Im Hotel Post in der Bahnhofstraße in Warmensteinach sieht es noch so aus, wie die letzte Besitzerin Uta Pöhner-Rieß es 2006 zurückgelassen hat.

Der Wirtsraum noch ausgestattet, die Betten bezogen, sogar die Zimmerschlüssel hängen an Ort und Stelle. Auf einer alten Werbe-Postkarte heißt es: „Moderne Fremdenzimmer mit fließend Wasser – Zentralheizung. Gemütlicher Aufenthaltsraum, sonnige Terrasse und Balkon vorhanden.“ So grün wie auf der Ansichtskarte strahlt die Fassade schon lange nicht mehr, der Glanz aus alten Tagen ist schon länger vergangen.

Investor lässt Gebäude einfach da stehen

„Es war im Dezember 2006, als ich Warmensteinach den Rücken gekehrt habe“, erinnert sich Uta Pöhner-Rieß zurück. Die heute 75-Jährige hatte damals Insolvenz anmelden müssen, das Hotel mit Anbau ging in den Besitz der Sparkasse über. Der ganze Komplex wurde dann an einen Investor aus Bayreuth verkauft. „Und der hat am Gebäude nichts mehr gemacht“, sagt Pöhner-Rieß verärgert. „Alles ist verwildert, aus einem Gullydeckel hinter dem Haus wachsen Bäume. Es ist schade, dass so ein schönes Gebäude so heruntergekommen ist.“

Seit mehr als 100 Jahren Familienbesitz

Ein bisschen hängt sie schon noch am Hotel, erzählt sie, hat aber mit ihrer Zeit in Warmensteinach abgeschlossen. Und das, obwohl das Wirtshaus mit Fremdenzimmern mehr als 100 Jahre lang in Familienbesitz war. „In den 1890er-Jahren haben meine Urgroßeltern das Gebäude gekauft und es an die nachfolgenden Generationen weitervererbt“, erzählt die ehemalige Besitzerin, die nach Heidelberg in die Nähe ihrer Töchter gezogen ist. Von 1906 bis 1932 befanden sich auch die Diensträume der Poststelle im Gebäude, die dem Hotel Post seinen Namen gaben. Vorher war die Wirtschaft unter Gasthof zur Eisenbahn bekannt.

Urlauber wurden oft noch mit Pferdewagen herumgefahren

Pöhner-Rieß ist eine geborene Engemann und im Haus aufgewachsen. Sie erinnert sich noch gut an die Berliner Welle, die unter anderem ihr Vater ins Rollen brachte. 14 Reisebüros habe es im Ort gegeben, die Wirtschaft und das Hotel florierten. „Vor allem in den 60er-Jahren wurde die große Werbetrommel gerührt, wir waren oft zu Wiedersehenstreffen in Berlin und haben so die Gäste wieder ins Hotel Post gelockt“, erklärt die gebürtige Warmensteinacherin. „Die Urlauber wurden oft noch mit Pferdewagen herumgefahren.“ Im Hotel Post gab’s in den Sommermonaten außerdem einmal in der Woche einen Tanzabend, ab und an Theateraufführungen und einen Kinderfasching.

Nach der Wende gab es noch ein kurzes Hoch

„Es war auf jeden Fall richtig was los bis zur Grenzöffnung“, sagt Pöhner-Rieß. Dann hätte es zwar noch einmal ein Tourismushoch gegeben, das aber schnell wieder einknickte, nachdem die erste Neugier der ehemaligen DDR-Bürger abflaute. „Außerdem hätten wir in die elf Zimmer investieren und alles neu verrohren müssen. Es gab noch Schrankduschen, das war dann einfach nicht mehr zeitgemäß“, erzählt sie. Es lief nicht mehr gut im Hotel Post, woraufhin Pöhner-Rieß die dazugehörigen Wirtsräume Anfang der 90er-Jahre an einen Italiener verpachtete, sie selbst kümmerte sich um die Fremdenzimmer. Bis sie 2006 schließlich aufgeben musste und das gesamte Inventar in die Insolvenzmasse überging. „Deshalb sieht es noch genauso aus in den Räumen.“

Auch die dritte Bürgermeisterin Warmensteinachs, Hildegard Heser, erinnert sich noch gut an das Hotel Post: „Bei den Berliner Tanz-Abenden fand so manches Berliner Mädchen einen Mann in Warmensteinach und ist hier geblieben. Gefeiert haben dort auch die Warmensteinacher gerne.“ Egon Pöhner – der erste Mann von Uta Pöhner-Rieß – hätte die Leute angelockt, sei gesellig gewesen.

Und was wird jetzt aus dem einstigen Gasthaus und Hotel? „Die Gemeinde hat das Hotel Post 2018 erworben und in das Förderprogramm „Innen statt Außen“ aufgenommen“, sagt Bürgermeister Axel Herrmann. „Was genau mit dem einstigen Hotel passiert, steht bisher nicht fest. Wir werden höchstwahrscheinlich eine Machbarkeitsstudie einholen, ob sich der Erhalt lohnt.“

Weitere Teile der Serie "Lost Places" finden Sie:


Lost Places, oder auch „vergessene Orte“, sind Bauwerke der jüngeren Geschichte, die im Kontext ihrer ursprünglichen Nutzung in Vergessenheit geraten sind. Der Kurier hat einige dieser Orte aufgespürt und erzählt ihre Geschichte. Alle Gebäude und Grundstücke wurden mit dem Einverständnis der Eigentümer betreten. Um die ganz besondere Atmosphäre dieser verlassenen und oft vergessenen Gebäude einzufangen, werden die Fotos in der digitalen HDR-Technik aufgenommen.

HDR steht für High Dynamic Range – zu deutsch: Bild mit hohem Dynamikumfang. Hierzu werden – je nach den jeweiligen Lichtverhältnissen – Belichtungsreihen mit mindestens drei Aufnahmen von einem Motiv gemacht. Die Einzelaufnahmen werden dann am Computer mit einer speziellen Software zu einem Bild zusammen gefasst. Die natürlichen Farben verstärken sich dabei und es entsteht die besondere Lichtstimmung in den Fotos.

Es gehört darüber hinaus zum Ethos der Lost-Place-Fotografie, dass in den verlassenen Gebäuden nichts verändert wird. mx

 

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