Kunstwerk verschönert den Luitpoldplatz Die Magie der Video-Licht-Installation am Rathaus

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Schauen in den Abendhimmel und schauen aufs Bayreuther Rathaus: Philipp Geists Kunstwerk verschönert den Luitpoldplatz. Foto: Harbach Foto: red

Jeden Abend während der Festspielzeit lädt die Installation von Philipp Geist zu einem kostenlosen Freilichtkinoerlebnis ein. Von dem wechselhaften Spiel der Farben und Formen, den eingestreuten Zitaten aus Wagner-Opern und der dumpf aus zwei Boxen dröhnenden Musik geht eine seltsame Magie aus. Ein Sog entsteht, der einen, wenn man sich auf ihn einlässt, so schnell nicht mehr loslässt.

Fast magnetisch ziehen einen diese Bilder und Töne an. Tag für Tag, Abend für Abend, trifft es Vorübergehende und Anwohner gleichermaßen. Denn ich wohne direkt gegenüber. So oft wie in diesen Tagen habe ich das Rathaus noch nie angestarrt. Fast wie eine Mondsüchtige. Wie konnte es soweit kommen?

Vielleicht, weil das Rathaus unbeleuchtet, offen gesagt, zu einem der unschönsten Gebäude der Stadt zählt. Ein nüchterner Funktionsbau. Der ganze Platz darum ist nicht viel besser. Hier die gläserne, wuchtige Architektur der Sparkasse. Da die alte, gequetschte Häuserzeile. Und mittendrin ein plumper Brunnen, der wenigstens momentan nicht zu sehen ist. Nichts passt hier zusammen, aber man hat sich daran gewöhnt. Geht eilig daran vorbei, parkt sein Auto gegenüber und verschwindet in seine Wohnung.

Jetzt ist es anders. Geists Installation zwingt einen geradezu innezuhalten. Wieder bewusst hinzuschauen. Und plötzlich merkt man, was diesem Platz sonst fehlt: Schönheit und Zauber.

Denn jetzt zieht er die Menschen an. Besonders an warmen Sommerabenden wie am Freitag. Ein Pärchen steht in der Wiese am Luitpoldplatz und schaut. Ein Mann lehnt an einem Laternenpfosten und schaut. Ein Fotograf baut sein Stativ auf, richtet die Kamera gen Rathaus. Die weißüberzogenen Biertischgarnituren sind voll besetzt, dicht an dicht sitzen die Frauen und Männer, Jüngere, Ältere, bunt gemischt. An den Stehtischen und unter den Schirmen bilden sich kleine Grüppchen.

Die einen unterhalten sich intensiv, trinken Aperol Spritz und Weizen und lassen sie berieseln. Die anderen schauen konzentriert und wollen nichts verpassen, sind stille Zuschauer, echtes Kinopublikum. Auf den Bordsteinkanten sitzen Menschen und auf der steinernen Umrandung der Blumenbette. Steigen von ihren Fahrrädern ab, bleiben mit ihrem Cabrio stehen und schauen.

Lassen sich verzaubern von dem wildbunten Bilderreigen. Finden es beruhigend, ja entspannend länger darauf zu schauen. Genießen das großstädtische Flair, das der Platz plötzlich hat. Weil sein Hochhaus leuchtet als wäre es die Neonwerbefläche in einer City wie Tokio. Nehmen teil an einem Event, den es so schnell hier nicht mehr geben wird.

Und man kommt schnell ins Gespräch. Wie mit dem Ehepaar Manfred und Annemarie Hübsch aus Heinersreuth, das sämtliche Wagner-Opern kennt. Was sie von dem Kunstwerk halten? „Eine gute Idee“ sei es. Jetzt, wo Bayreuth so viele Baustellen habe, ein Plus in der Festspielzeit, sagen sie. Wie viele andere, hat auch Birgit Bergner von der Videoinstallation gehört und wollte selbst mal sehen, wie sie wirkt. Je länger sie hinschaut, umso besser gefällt sie ihr, sagt sie. Und Rosemarie Ertl kommt mit dem Rad von der Chorprobe in der Schlosskirche. Am Luitpoldplatz steigt sie ab, macht eine Pause und schaut. Sie rätselt, wessen Kopf da wohl eben abgebildet wird, in der Vielfalt der Elemente immer wieder auftaucht. „Nietzsche vielleicht?“

Nicht alle, die den Kopf in den Nacken legen und zum Rathaus starren, als gäbe es dort eine Sonnenfinsternis, lassen sich von dessen Magnetfeld einfangen. „Unvergleichlich besser“ sei die Illumination von Schloss Fantaisie gewesen. Oder die der Coburger Studenten vor einiger Zeit. „Vom Hocker haut mich das nicht“, sagt einer der Kritiker. Die Schrift sei klein und wechsle zu schnell, auf Dauer sei das alles langweilig. Die Nörgler verharren nicht so lange wie die Begeisterten.

Gegen halb zwölf leert sich der Platz gegenüber des Rathauses. Nur noch einige Nachtschwärmer sitzen da. Zwei junge, gebürtige Bayreuther, inzwischen Münchner, lümmeln in den Liegestühlen, trinken Bier, finden: „Das hier macht den Abend rund.“ Wo doch eh schon alles zu habe, wo man sonst draußen sitzen könnte. Der Bau sei ja sonst „brutal hässlich“. Und ein bisschen Kunst, sagen sie, tut nicht weh und schade der Provinz nicht. Sie könnten sich vorstellen, unken sie, dass mancher Anwohner nicht so begeistert sei von den Lichtstrahlen.

Nun gut, nicht alle, die am Luitpoldplatz leben haben ihre Wohnung nach vorne hin zur Straße hin. Einige wie ich nutzen die Chance, ihr zu entfliehen. Sehen auf dem Rathaus Kometenschweife, tanzende Sternschnuppen, Worträtsel. Gemälde, die mal impressionistisch wirken, dann wieder wie gedruckt aussehen oder an Pop-Art-Werke erinnern. Ich sehe Tropfen und zuckende Glühwürmchen, einen Ring, der vor dem Gebäude zu schweben scheint.

Der Platz hat plötzlich Poesie.

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