Gaststättensterben Das Wirtshaus als Studienobjekt

KULMBACH/BAYREUTH. Das Wirtshaus ist in Gefahr. Ein Kulturgut sagt servus. Das ist schlecht, meinen Experten, denn es erfüllt auf dem Land ganz unterschiedliche Funktionen. „Die Bedeutung der gastronomischen Betriebe ist vielfältig“, erklärt Prof. Doris Schmied, Kulturgeografin an der Universität Bayreuth. Sie erforscht zusammen mit Studenten die Ursachen des Wirtshaussterbens.

Die Gaststätte sei Arbeitgeber und sozialer Bezugspunkt. Für die Menschen sei sie ein dritter Raum nach der Wohnung und dem Arbeitsplatz. „Solche Bezugspunkte sind gerade auf den Dörfern sehr wichtig“, sagt Schmied. „Wenn sie verschwinden, wird es problematisch.“ In einem Projekt will sie mit Bachelor-Studenten erstmals das Wirtshaussterben im Kulmbacher Land erforschen.

Hoffnung Studenten zu begeistern

„Es wird viel über das Thema geredet“, sagt Schmied. „Aber es gibt bisher nur wenige empirische Studien dazu.“ Auf Initiative der Kulmbacher FDP-Kreistagsfraktion beschäftigt sich der Landkreis nun mit dem Thema und verfolgt es zusammen mit der Genussregion Oberfranken weiter. Norbert Heimbeck, Geschäftsführer der Genussregion Oberfranken, hat den Kontakt zur Bayreuther Professorin hergestellt. „Wir sehen, dass Wirtshäuser dicht machen“, sagt Heimbeck. „Aber wir wissen nicht, wie dramatisch die Situation ist.“ Er hoffe, dass sich die Studenten für das Thema begeistern und mit ihrer Hilfe bald belastbare Zahlen vorliegen werden. Das große Ziel sei es, den Dörfern ihre Wirtshäuser als zentrale Ankerpunkte zu erhalten, betont Heimbeck. „Wir müssen etwas tun. Wenn sie sterben, geht ein Stück sozialer Zusammenhalt verloren.“

In und um Thurnau sterben die Gaststätten

Jetzt im Sommer, während der vorlesungsfreien Zeit, sollen die weiteren Details des Forschungsprojektes erarbeitet werden. Die Studierenden können selbst entscheiden, wie ihre Ziele aussehen und welche Aspekte der oberfränkischen Wirtshauskultur in ihren Untersuchungen eine Rolle spielen. Zum Start des Wintersemesters im Oktober geht es dann richtig los. Das Projekt trägt den Arbeitstitel „Entwicklung der Dorfwirtshäuser in Oberfranken.“ Ob sich die Arbeiten schwerpunktmäßig auf den Landkreis Kulmbach oder auf den ganzen Regierungsbezirk beziehen, ist noch nicht entschieden. Für die Marktgemeinde Thurnau hat Veit Pöhlmann bereits Vorarbeit geleistet. Der FDP-Kreisrat ist Inhaber der Pöhlmannschen Gastwirtschaft im Ortsteil Limmersdorf. Innerhalb der vergangen 40 Jahre sei in 14 Dörfern rund um Thurnau ein großes Wirtshaussterben eingetreten, sagt er. Von ehemals 15 Gaststätten seien bis heute gerade einmal zwei übrig geblieben.

Dorfgaststääten haben Konkurrenz

Doris Schmied hat bereits vor dem Beginn des Projektes mehrere Interviews zu dem Thema geführt. Dabei kam unter anderem zur Sprache, dass die klassische Dorfgaststätte häufig in Konkurrenz steht mit Sportheimen oder Feuerwehrhäusern. In Orten, die kein eigenes Dorfhaus und keine andere Begegnungsstätte haben, sind Einwohner und Vereine oftmals darauf angewiesen, dass sie sich im Wirtshaus treffen können. Das zeige die verbindende Funktion, die die Einrichtung erfüllt. Vor den Studierenden liege keine leichte Aufgabe, sagt Schmied. „Ein Problem wird sein, an die Daten zu kommen.“ Die Gastronomie wird von mehreren unterschiedlichen Stellen betreut. Herauszufinden, welche Wirtschaften es gibt und welche es gegeben hat, könne schwierig werden.

Das Seminar will auch praktische Ansätze verfolgen. „Wenn uns genügend Zeit bleibt, dann könnten wir eine App erstellen“, sagt Doris Schmied.

 

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