Frauenhaus Hochfranken Letzter Ausweg aus der häuslichen Hölle

Brigite Gschwendtner
Sozialpädagogin Julia Martini und Alexander Wagner kümmern sich im Frauenhaus Hochfranken um Betroffene. Deshalb unterstützten sie auch die Orange-Day-Aktionen im Fichtelgebirge. Foto: /Brigitte Gschwendtner, Foto oben: Jörg Lange, dpa

Wer hier landet, hat meistens ein jahrelanges Martyrium hinter sich. Doch erst wenn Ärzte, Kindergärtnerinnen oder Nachbarn sich einschalten, flüchten Misshandelte ins Frauenhaus Hochfranken. Die Verantwortlichen ermutigen die Opfer, sich schneller zu melden. Das geht auch anonym.

Landkreis Wunsiedel - Kaum ist das Tor zu, igeln sich Mutter und Kinder in ihrem Zimmer ein. Endlich in Sicherheit. Ihren neuen Rückzugsort verlassen viele Frauen in den ersten Tagen kaum. Sie müssen zur Ruhe kommen. Erst dann sind sie in der Lage, sich um all das Organisatorische zu kümmern, das ein überstürzter Umzug mit sich bringt – von der Anmeldung im Job-Center bis hin zum Schulbesuch der Kinder.

„Wir hören zu“

Letzter Ausweg Frauenhaus Hochfranken: Die wenigsten Opfer meldeten sich selbst, die meisten würden gebracht: Von Mitarbeitern der Polizei, des Jugendamtes oder von Bekannten, erklärt Sozialpädagogin Julia Martini. Weil Betroffene ihren gewalttätigen Partner oft fluchtartig verließen, müssten sie im Frauenhaus komplett neu ausgestattet werden, sagt Alexander Wagner vom Wunsiedler Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO), des Frauenhaus-Trägers. Erst nach Tagen erzählten die Frauen, was ihnen angetan worden ist. „Wir sind da, wir haben Zeit und wir hören zu“, sagt Julia Martini. Die Neuankömmlinge bedrückten neben dem Erlittenen auch Geldsorgen und Existenzängste.

Pandemie verstärkt Problem

Die Pandemie verstärkte die häusliche Gewalt eindeutig: „Die Zahl derer, die wir unterbringen, ist gestiegen“, sagt Wagner. Dennoch sind im Frauenhaus, das für die Landkreise Wunsiedel und Hof sowie die Stadt Hof zuständig ist, Plätze frei. Denn Corona senkte die Verweildauer der Opfer stark. Blieben die Bewohnerinnen früher oft die Maximalzeit von zehn Wochen, seien es aktuell meist nur drei bis vier Tage. „Dadurch haben wir immer Kapazitäten frei“, erklärt Wagner.

Angst um das Ungeborene

Erst in Extremsituationen wagten es Betroffene, Außenstehenden ihre Not zu offenbaren und die Gewaltspirale nach jahrelangem Martyrium zu verlassen: Wenn ein Opfer mit gebrochenen Rippen im Krankenhaus lande, im Kindergarten die blauen Flecke der Tochter auffielen oder eine Schwangere Angst um ihr ungeborenes Kind bekomme. „Vergangenes Jahr hatten wir drei Geburten im Frauenhaus. Aktuell wohnen zwei schwangere Frauen hier“, erzählt Julia Martini.

Zehn Prozent der Kosten bleiben

Zwei Sozialpädagoginnen, eine Erzieherin, ein Hausmeister und Ehrenamtliche wie Alexander Wagner kümmern sich um die Bewohnerinnen. Der Freistaat, die Kreise Wunsiedel und Hof sowie die Stadt Hof übernähmen 90 Prozent der Frauenhaus-Kosten, erklärt Wagner.

Neubau geplant

Sieben Plätze stehen zur Verfügung, allerdings bekommt jede Frau nur ein Zimmer – selbst wenn sie vier Kinder mitbringt. „Es ist sehr eng“, sagt Wagner. Deshalb sei der Neubau mit kleinen Appartements so wichtig. Bekanntlich fördert das Bundesfamilienministerium das geplante Frauenhaus für 2,5 Millionen Euro. Das bisherige in Selb ist in einem so schlechten Zustand, dass die Opfer provisorisch an einem anderen Ort untergebracht sind. Zu ihrem Schutz wird die Adresse nicht genannt.

Martyrium nicht gesellschaftsfähig

Die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt sei hoch, vermutet Wagner. Nur ein Bruchteil der Gequälten hole sich tatsächlich Hilfe. „Gewalt betrifft nicht nur die Unterschicht“, stellt Martini klar. Doch je höher das gesellschaftliche Ansehen sei, desto geringer sei die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau ihr Martyrium offenbare.

Gewaltschutzkonzept schafft Netzwerk

Um diese Hürden abzubauen, fragt am Notruf-Telefon niemand nach Namen – auch die Online-Beratung läuft anonym. Seit Sommer gibt es zudem das Gewaltschutzkonzept der Diakonie Hochfranken: ein trägerübergreifendes Netzwerk, um Beratungsangebote und Vermittlungen weiterführender Hilfen effektiver zu gestalten.

Rechtsanspruch fehlt in Bayern

Was fehlt noch? Die Istanbul-Konvention müsse endlich umgesetzt werden, fordert Wagner. Diese verpflichte EU-Staaten, gegen Gewalt gegen Frauen vorzugehen. Doch die AWO als Träger müsse jährlich immer noch 20000 Euro aufbringen, weil es in Bayern keinen Rechtsanspruch auf einen Frauenhaus-Platz gebe, kritisiert Wagner. „Dabei ist das so wichtig – ich verstehe nicht, warum die Politik sich so schwer damit tut.“

Spenden und Kontakte wichtig

Wer helfen will, kann Geld oder Sachen spenden. Gebraucht werden Kleidung, Haushalts- und Hygieneartikel. Dankbar sind Frauen und Kinder auch über seelische Unterstützung bei Spaziergängen, beim Basteln, Backen oder ähnlichen Aktionen. Die Verantwortlichen bitten um vorherige Absprache. Hilfe für Opfer gibt es rund um die Uhr unter 09233/400960 oder 0171/4571545

>>> Verantwortliche des Frauenhauses­ Hochfranken wissen, was Übergriffe begünstigt: Sie nennen acht Punkte, die in einer Part­ner­schaft gefährlich sind. <<<

 

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