Der Borodino-Stein auf dem Gelände des Schlosses Fantaisie wird kaum beachtet Bayreuther Geheimnisse: Ein Denkmal für tapfere Russen

Redaktion
Der Borodino-Stein erinnert auf Französisch an die Gegner der Franzosen in einer blutigen Schlacht auf russischem Boden. Foto: Thissen Foto: red

Mit einem unscheinbaren Stein, der auf dem Gelände des Schlosses Fantaisie liegt und an die Schlacht von Borodino erinnert, beschäftigt sich die zwölfte Folge unserer Adventsserie zu den Bayreuther Geheimnissen. Heike Thissen hat herausgefunden, warum er 2000 Kilometer entfernt von der Schlacht aufgestellt wurde.

Die Schlacht bei Borodino rund 100 Kilometer westlich von Moskau zählt zu den blutigsten Kämpfen des 19. Jahrhunderts. Weil Napoléon (1769-1821) an jenen Tagen Ende August und Anfang September 1812 erbittert gegen das russische Heer kämpfte, starben insgesamt rund 80 000 Soldaten auf beiden Seiten. Ausgerechnet an diese verlustreiche Schlacht im Russlandfeldzug des französischen Kaisers erinnert eine Inschrift auf dem Gelände des friedlichen Schlosses Fantaisie. Übersetzt lautet sie: „Den Manen (gute Sterbegeister) der tapferen russischen Armee, gefallen in der Schlacht von Borodino, genannt an der Moskwa, am 27. August – 7. September und während des denkwürdigen Feldzuges von 1812. (…) Dieses Denkmal ist ihnen gewidmet von einem ihrer Waffenbrüder.“ Kurioserweise ist der Text, der den Gegnern der Franzosen huldigt, auf Französisch verfasst.

Der Waffenbruder, von dem die Rede ist, ist Herzog Alexander Friedrich Karl von Württemberg (1771-1833). In jungen Jahren nutzt er Schloss und Anlage der Fantaisie als Sommerresidenz, lässt aber beides im Lauf der Jahre verkommen. Kein Wunder, so vielbeschäftigt, wie er ist: Im Alter von 29 Jahren wird er in die russische Armee aufgenommen und ist ab 1811 Gouverneur von Weißrussland. So kommt es, dass er 1812 als General der russischen Armee auch bei der Schlacht von Borodino kämpft. Was er dort erlebt, dürfte an Grausamkeit kaum zu überbieten sein. So beschreibt es auch Albrecht Adam, ein Schlachtenmaler auf Seiten der Franzosen: „Der Boden aber war von Leichen und Verwundeten übersät. (…) es war ein ununterbrochenes Hin- und Herwogen des Kampfes, ein gegenseitiges gräßliches Morden.“ Der Kampf sei von beiden Seiten mit beispielloser Erbitterung und Hartnäckigkeit geführt worden. „Bluttriefend schleppten sich die Soldaten aus dem Kampfe, an vielen Stellen war das Feld mit Leichen bedeckt; was ich an Verwundungen und Verstümmelungen an Menschen und Pferden an diesem Tag gesehen, ist das Gräßlichste, was mir je begegnete und läßt sich nicht beschreiben“, ringt Adam um Worte. Am Ende steht kein eindeutiger Sieger fest. Napoléon kann zwar nach Moskau einmarschieren, doch besiegelt er damit das für die Franzosen desaströse Ende seines Russlandfeldzugs: Zwei Monate lang sind seine Soldaten ununterbrochen unterkühlt, hungrig und krank, bevor ihr Befehlshaber sich Mitte Oktober 1812 zum Rückzug entschließt, den die meisten von ihnen nicht überleben werden.

All diese Erlebnisse müssen Herzog Alexander so beschäftigt haben, dass er später im 2000 Kilometer entfernten Bayreuth einen Stein für seine gefallenen Kameraden aufstellen ließ. Und weil Französisch die Sprache seiner Welt, nämlich die des Adels, war, sind die Zeilen nicht auf Deutsch oder auf Russisch, sondern auf Französisch verfasst. War es nun an der Zeit für ihn, sich auf dem Fantaisie-Gelände zur Ruhe zu setzen? Nein! Ab 1822 leitete er das russische Verkehrsministerium. Sein Lebensmittelpunkt, so viel steht fest, war Russland und nicht Bayreuth.

Erst sein Sohn Alexander Friedrich Wilhelm (1804-1881), der ebenfalls General der russischen Armee ist, besinnt sich trotz der großen Distanz auf das kleine Juwel Fantaisie, das einst seine Großmutter Herzogin Friederike Dorothee Sophie von Württemberg (1736-1798) erworben hat. Er nutzt es von 1839 bis 1881 als Sommerresidenz und lässt sowohl Schloss als auch Garten nach seinen Vorstellungen umgestalten. Was Besucher heute bei ihrem Spaziergang sehen, stammt zu großen Teilen von ihm. So erinnert auf dem Gelände der Fantaisie eigentlich jeder Zentimeter an diesen Alexander. An den anderen Alexander, seinen Vater, erinnert dagegen nur ein wenig beachteter Felsbrocken mit Inschrift.

Info: Das Buch „Bayreuther Geheimnisse“ ist beim „Nordbayerischen Kurier“ erschienen, hat knapp 200 Seiten, ist durchgehend bebildert und kostet 14,90 Euro. 
Erhältlich ist das Buch in der Kurier-Geschäftsstelle, Maxstraße 58-60, und im Buchhandel. Alle Beiträge unserer Adventsserie gibt es im Dossier „Bayreuther Geheimnisse“.

 

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