Bundesbank „Das Schicksal Europas liegt in unseren Händen“

Joachim Wuermeling. Foto: Tim Brakemeier/dpa/Archiv

FRANKFURT. Mutiger und konsequenter muss die EU werden, fordert Bundesbank-Vorstandsmitglied Joachim Wuermeling. Er lobt den Euro – aber was sagt er zur deutschen Finanzbranche?

Herr Wuermeling, wenn 
Sie an Europa denken – was 
fällt Ihnen dazu aktuell 
stichpunktartig ein? 

Joachim Wuermeling: Erfolg, Zusammenhalt, Krisenbewältigung und Diskussionskultur. Europa ist in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreicher gewesen als vielen Menschen bewusst ist.  

Inwiefern? 

Wuermeling: Die osteuropäischen Staaten wurden integriert, die Finanz- und Wirtschaftskrise überwunden und der Zustrom von Flüchtlingen eingedämmt. Dies ging durchaus auch mit langwierigen Debatten, schmerzlichen Kompromissen und unpopulären Entscheidungen einher. Das hat bei manchen Bürgern zu Enttäuschungen geführt und antieuropäischen Parteien Zulauf beschert. 

Wie geht es weiter? 

Wuermeling: Wie es aussieht, werden die Herausforderungen größer statt kleiner. Aber wir alle wissen: Europa kann sie nur gemeinsam bewältigen. Nur wenn wir weiterhin zusammenhalten, können wir uns gegen globale Gefahren schützen. 

Sie waren lange Zeit Europapolitiker, heute sind Sie Bundesbank-Vorstand. Was kann die Bundesbank für Europa tun? 

Wuermeling: Europa braucht eine starke Währung, auch um sich in der Welt zu behaupten. Die Bundesbank hat Sitz und Stimme im EZB-Rat, wo die wesentlichen Entscheidungen für unsere gemeinsame Währung fallen. Dort haben wir maßgeblichen Einfluss auf die Geldpolitik und bringen immer wieder unsere Stabilitätskultur ein. 

Mit welchem Ergebnis? 

Wuermeling: Auch wenn die Währungsräume nicht unmittelbar vergleichbar sind: Der Euro ist stabiler als es die D-Mark je war. Mit Blick auf die Zukunft wird es einiger Anstrengungen bedürfen, die gemeinsame Währung auch für die kommenden Jahre wetterfest zu machen. 

Wie könnte es gelingen? 

Wuermeling: Wir haben hier sehr klare Vorstellungen, die nicht immer allen gefallen. Die Vergemeinschaftung von Haftungsrisiken kann zum Beispiel nur funktionieren, wenn sich alle an die vorgegebenen Regeln halten. Nur so machen wir das Finanzsystem sicherer und die Währungsunion krisenfester. 

Europas Finanzmärkte 
standen schon besser da. 
Was muss jetzt passieren? 

Wuermeling: Das europäische Finanzsystem ist heute widerstandsfähiger als noch vor ein paar Jahren, vor allem weil wichtige Lehren aus der Krise gezogen worden sind. Und auch die Währungsunion ist stabiler geworden, beispielsweise durch die Einführung des Euro-Rettungsschirms (ESM). Weitere Schritte müssen folgen, um den Euro dauerhaft zu stärken. 

Welche Schritte? 

Wuermeling: Wir brauchen unter anderem einen voll integrierten Finanzmarkt, damit wir nach dem Brexit unsere Volkswirtschaft selbstständig mit Finanzprodukten versorgen können. Dazu müssen auch wir in Europa bereit sein, im Interesse des großen Ganzen Zugeständnisse zu machen.  

Der Euro verbindet Europa. Auch die Menschen? 

Wuermeling: Davon bin ich persönlich überzeugt. Und auch Untersuchungen zeigen dies: Laut der aktuellen Eurobarometer-Umfrage befindet sich die Zustimmung zum Euro in der Bevölkerung auf einem Höchststand. Drei Viertel der Befragten im Euroraum sind für den Euro. Selbst in den ehemaligen Krisenländern ist eine deutliche Mehrheit für die Gemeinschaftswährung.  

Überrascht Sie das? 

Wuermeling: Das ist bemerkenswert, denn die Bewältigung der Schuldenkrise war für die Menschen dort mit großen Einschnitten verbunden. Offenbar wurde erkannt, dass die Ursache für die Finanzkrise nicht der Euro war, sondern die verfehlte Politik in den jeweiligen Staaten. Umso wichtiger sind weitere Reformen, die ähnliche Krisen verhindern. 

Hat der Euro 
die Erwartungen erfüllt? 

Wuermeling: Was die Preisstabilität betrifft, auf jeden Fall. Schaut man sich die Preisentwicklung im Euroraum seit der Einführung des Euros an, zeigt sich, dass das Stabilitätsversprechen des Euros erfüllt wurde. Dafür haben auch wir als Bundesbank gesorgt.

Was meinen Sie konkret? 

Wuermeling: Die durchschnittliche jährliche Inflationsrate während der vergangenen beiden Jahrzehnte betrug 1,7 Prozent. Das liegt unter dem Durchschnitt der Preissteigerungsraten, die wir zu DM-Zeiten hatten. Dass sich der Euro als so wertstabil erwiesen hat, ist auch auf das klare Mandat und die politische Unabhängigkeit des Eurosystems zurückzuführen. 

Was lief 
nicht so gut? 

Wuermeling: Im Zuge der Finanz- und Staatsschuldenkrise haben sich Schwachstellen im Ordnungsrahmen der Währungsunion gezeigt. Zum Beispiel sind die europäischen Fiskalregeln zur Begrenzung der Staatsverschuldung nicht streng genug angewendet worden. 

Welchen Einfluss hat 
die Bundesbank auf die 
europäische Geldpolitik? 

Wuermeling: Die Bundesbank ist Teil des Eurosystems. Das bedeutet, dass der Bundesbankpräsident als Mitglied im EZB-Rat über die Geldpolitik im Euroraum mitentscheidet und sie mitgestaltet. Diese Aufgabe nehmen wir sehr ernst. Es geht darum, gemeinsam Kompromisse zu erarbeiten. Ziel jeder geldpolitischen Entscheidung ist es, Preisstabilität für den Euroraum als Ganzes zu gewährleisten. Entsprechend müssen alle und auch wir etwaige nationale Interessen hintanstellen. 

Nach der Bankenkrise haben Europas Banken konsolidiert. Ist die Banken-Basis stabil? 

Wuermeling: Der Konsolidierungsprozess hat bereits weit vor der Krise begonnen und setzt sich fort. Fusionen, die aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll sind und aus denen solidere Institute hervorgehen, tragen auch zur Stabilität des Bankensektors insgesamt bei. Trotz der Konsolidierung der vergangenen Jahre gibt es im Euroraum immer noch rund 4600 Kreditinstitute, davon fast 1600 in Deutschland. Die Vielfalt und das Angebot für die Verbraucher sind also weiterhin groß und durch digitale Anbieter sogar noch gewachsen.  

Sind Europas Banken 
stark genug für den
 globalen Wettbewerb? 

Wuermeling: Es ist kein Geheimnis, dass die großen europäischen Institute im internationalen Vergleich weniger profitabel sind und an den Börsen nicht so hoch bewertet werden wie etwa die amerikanischen Großbanken. Als Bankenaufseher schauen wir aber in erster Linie auf die Stabilität und Solidität der Banken und nicht auf den Profit der Eigentümer. 

Mit welcher Erkenntnis? 

Wuermeling: Die Widerstandsfähigkeit der europäischen Institute wurde erst im vergangenen Jahr durch die Ergebnisse des europäischen Stresstests belegt. Dennoch haben wir die Ertragslage der Banken im Blick. Denn natürlich ist Wettbewerbsfähigkeit – ob global oder national – ein wichtiger Faktor, um die Widerstandsfähigkeit langfristig zu sichern. 

Die Banken zahlen 
Milliarden an Strafzinsen 
an die EZB. US-Banken 
bekommen Milliarden 
für ihre Einlagen bei der 
Notenbank. Ein 
ungleicher Wettbewerb? 

Wuermeling: Die Geldpolitik hat den Auftrag, die Preisstabilität im Euroraum zu wahren. Natürlich sind die niedrigen Zinsen eine Herausforderung für Banken, die ihren Schwerpunkt im klassischen Einlagen- und Kreditgeschäft haben. Wir werden aber den Stabilitätskurs nicht verlassen, damit die Banken mehr Gewinne machen. Die Zahlungen aufgrund der negativen Zinsen auf Notenbankeinlagen spielen nur eine untergeordnete Rolle. 

Welche genau? 

Wuermeling: Im Verhältnis zum Zinsüberschuss der Banken im Euroraum machen sie nur rund zwei Prozent aus. Der Einfluss auf den Gewinn ist also geringer als viele denken. Es bleibt Aufgabe der Banken und nicht der Geldpolitik, ihre Profitabilität zu steigern. 

Ihr ganz persönlicher 
Wunsch für Europa? 

Wuermeling: Mehr Mut und mehr Gestaltungswille. Das Schicksal Europas liegt in unseren eigenen Händen. Wir können allen wirtschaftlichen Bedrohungen trotzen, kommen sie aus den USA, aus Russland oder aus China. Wir müssen es nur wollen. Aber wir müssen mutiger und konsequenter sein und – bei aller legitimen Wahrung der eigenen Interessen – auch bereit zu Kompromissen. Für unser eigenes Wohl und das unserer Kinder.  
 

 

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