Antiziganismus Leben am Rande der Gesellschaft

Das Sinti-und-Roma-Denkmal im Berliner Tiergarten nahe dem Brandenburger Tor erinnert an die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma. Entworfen hat das im Oktober 2012 eingeweihte Denkmal der israelische Künstler Dani Karavan. Foto: Zentralrat der Sinti und Roma/Jens Jeske

Anlässlich des Holocaust-Gedenktages der Sinti und Roma am Montag, 2. August, hält Markus End, Antiziganismusforscher an der Technischen Universität Berlin, um 18.30 Uhr im Iwalewahaus einen digitalen Vortrag, in dem er die Ergebnisse einer zweijährigen wissenschaftlichen Forschungsarbeit einer von der Bundesregierung eingesetzten Expertenkommission vorstellt.

Bayreuth - Es gibt Rassismus und Antisemitismus. Aber Antiziganismus, rassistische Vorbehalte gegen die Bevölkerungsgruppe der Sinti und Roma in Deutschland? Ja, den gibt es auch. In einem rund 500 Seiten umfassenden Bericht „Perspektivwechsel – Nachholende Gerechtigkeit – Partizipation“ hat die Unabhängige Kommission Antiziganismus die Situation in Deutschland dargelegt. 2019 war dieser Bericht von der Bundesregierung in Auftrag gegeben worden. Seit Mai 2021 liegt er vor und wurde am 24. Juni 2021 im Bundestag debattiert.

Der in Berlin an der Technischen Universität (TU) am Zentrum für über Antiziganismusforschung tätige Politologe Markus End stellt am Montag, 2. August, dem Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma, den Bericht in einem digitalem Vortrag vor. Beginn ist um 18.30 Uhr im Iwalewahaus.End gehört neben zehn weiteren Wissenschaftlern der Expertenkommission an. Der Bericht stützt sich auf 15 aktuelle, von der Kommission initiierte Studien.

Antiziganismus ist allgegenwärtig

Antiziganismus mag in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden, sagt End im Kurier-Gespräch, aber er sei allgegenwärtig, wie eine Umfrage unter Betroffenen ergeben habe. In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens würden Sinti und Roma Ausgrenzung erfahren. Sei es im zwischenmenschlichen Bereich, sei es bei Behörden und besonders bei der Polizei. Es gebe, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Bericht, viele Beispiele für „institutionellen Antiziganismus“.

Warum, fragt End, ist der 2. August, der Holocaust-Gedenktag der Sinti und Roma für die hunderttausende ermordeten Menschen dieser Volksgruppe während der Nazidiktatur, nicht im Bewusstsein der Menschen verankert? Weil es kein Interesse dafür gebe. Weil der Holocaust an den Sinti und Roma in Deutschland nie aufgearbeitet worden sei. Im Gegenteil: Überlebende der Vernichtungsmaschinerie und Nachkommen der Opfer wurden, wenn überhaupt, erst spät entschädigt. Ihr Anspruch auf Entschädigung wurde mit der Begründung abgelehnt, sie seien nicht aus rassistischen Motiven verfolgt worden, sondern als Kriminelle.

Schlechte Wohnverhältnisse

Stattdessen sei die Diskriminierung nach dem Ende der Nazizeit fortgesetzt worden. Sinti und Roma seien von Kriegsende an an den Rand der Orte gezwungen worden. Sie musten sich mit schlechten Wohnverhältnissen zufrieden geben. Sie wurden in Ghettos abgedrängt, wo sie Jahrzehnte wohnen mussten. In den Schulen seien Kinder auf Lehrer gestoßen, die sie bereits Jahre zuvor ungleich behandelt hätten. Als sie sich in den 50. und 60. Jahren um Entschädigung bemühten, seien ihre Daten an die Polizei weitergegeben worden. Die ökonomischen und sozialen Folgen seien fatal. Kaum Schulbildung, keine Lehrstellen und damit auch keine bis wenige Möglichkeiten, Aufnahme in der Gesellschaft zu finden. Die Nachwirkungen der Ausgrenzung besonders in den Jahrzehnten nach Kriegsende würden bis heute fortwirken, sagt Ende. Hinzu kämen die in den Familien weitergetragenen Traumata.

Einseitiges Bild

Berichte über Sinti und Roma in der heutigen Zeit würden sich beschränken auf jene Roma, die als Migranten nach Deutschland kommen. Und damit ein falsches oder zu einseitiges Bild zeigen.

Die Kommission fordert eine umfassende Strategie gegen Antiziganismus. Dringend notwendig sei ein „grundlegender Perspektivwechsel in der deutschen Gesellschaft, der die strukturellen Ursachen des Problems in den Block nimmt“: Eine „Politik der nachholenden Gerechtigkeit“.

Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma

In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurden 4200 bis 4300 Sinti und Roma, hauptsächlich Frauen, Kinder und Alte, die im „Zigeunerlager“ im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau unter erbärmlichsten Bedingungen vegetieren mussten, in den Gaskammern ermordet. Forschungen ergaben, dass seit Februar 1943 etwa 22.700 Männer, Frauen und Kinder aus dem Deutschen Reich, aber auch aus dem angeschlossenen Österreich, Böhmen und Mähren, Polen, den besetzten Niederlanden und Belgien nach Auschwitz deportiert wurden. Es herrschte drangvolle Enge, Nahrung und medizinische Versorgung gab es kaum. Bis Ende 1943 waren schon 75 Prozent der Inhaftierten, darunter rund 7000 Kinder unter 14 Jahren, an Hunger oder Infektionskrankheiten gestorben.

Das Europäische Parlament hat 2015 den 2. August zum europäischen Holocaust-Gedenktag für die Roma und Sinti erklärt. Dieser Tag stehe symbolisch für die über 20.000 Sinti und Roma, die insgesamt in Auschwitz ermordet wurden, und für die über 500.000 Sinti und Roma, die im NS-besetzten Europa Opfer des Holocaust wurden. Sinti und Roma nennen den Tag „ Porajmos“, Verschlingen. gb

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