Schüler haben frei, Eltern müssen arbeiten Buß- und Bettag macht vielen Familien Probleme

Von Ulrike Sommerer und Sarah Bernhard
Am Mittwoch ist Buß- und Bettag, für evangelische Christen ein Tag zum Innehalten. Doch für Eltern bedeutet er den puren Stress, gilt es doch, die Betreuung der Kinder zu organisieren. Denn die haben heute schulfrei. Obwohl der Tag längst kein gesetzlicher Feiertag mehr ist. Foto: dpa Foto: red

Alle müssen arbeiten, aber Schulen (und auch einige Kindergärten) bleiben geschlossen: Der Buß- und Bettag stellt viele Familien vor ein Betreuungsproblem. Der Kurier hat gefragt: Wohin mit den unbetreuten Kindern? Und: Sollte man christliche Feiertage nicht generell abschaffen und dafür zusätzliche Urlaubstage gewähren?

Während die Schüler sich am Buß- und Bettag über einen freien Tag freuen können, stöhnen viele Eltern. Wer keine Oma in greifbarer Nähe hat, die zum Kinderhüten eingesetzt werden kann, muss Urlaub nehmen. „Gerecht ist das nicht, sagt Maria Lampl vom Bayerischen Elternverband. Sie fordert eine klare Entscheidung. „Entweder ist das nun ein Feiertag, oder eben nicht.“ Die Regelung, Buß- und Bettag als Feiertag zu streichen, den Kindern aber trotzdem frei zu geben, sei ein „Zwitterwesen“.

Während die Schüler daheim sind, bedeutet unterrichtsfrei für die Lehrer aber nicht automatisch dienstfrei. In der Regel finden an diesem Tag Fortbildungen statt. Manche Schulen reagieren aber auch auf die Krux mit dieser Regelung zu einem Feiertag, der nur für Kinder gilt, und bieten eine Notfallbetreuung an.

Mehr als 14 Schulen bieten Notbetreuung

Das staatliche Schulamt meldet 14 Schulen, mindestens, in Stadt und Landkreis Bayreuth, die eine Betreuung der Kinder gewährleisten. Darunter die Volksschule Waischenfeld. Schulleiterin Therese Schwemmlein sagt, man wolle mit diesem Angebot einfach sicher gehen, dass alle Kinder untergebracht sind - auch, wenn die Eltern arbeiten müssen. Das Angebot der Schule verstehe sich als eines für den Notfall. Auch viele Kindergärten reagieren und bieten sogenannte Notgruppen an.

Buß- und Bettag war ein evangelischer Feiertag. „Bei uns spielt dieser Tag keine Rolle“, sagt daher Gerlinde Grießhammer, Leitung des katholischen Kindergartens Santa Maria in Speichersdorf. Am Buß- und Bettag ist daher auch „ganz normal geöffnet“, genau wie im, ebenfalls katholischen, Kindergarten St. Franziskus in Speichersdorf.

Anders dagegen bei den Protestanten in Speichersdorf: Beide evangelische Kindergärten haben an diesem Tag geschlossen. Schließlich sei der Buß- und Bettag ein evangelischer Feiertag, sagt Kerstin Ruckdeschel, Leiterin der Krabbelkiste. Und da sei eben zu. Das sei schon immer so gewesen, Beschwerden von den Eltern gebe es nicht. Wohl weil die Schließtage den Eltern langfristig im Vorfeld bekannt gegeben werden, also planbar seien.

Betriebsrat des Klinikums springt ein

Wer in einem größeren Unternehmen arbeitet, hat vielleicht Glück und kann eine betriebliche Betreuung in Anspruch nehmen. Zum Beispiel werden am Klinikum Bayreuth Kinder von Mitarbeitern betreut. „Bei uns organisiert das schon seit Jahren der Betriebsrat“, sagt Pressesprecherin Christiane Fräbel. Rund zehn Kinder nehmen das Angebot in Anspruch, nicht nur betreut zu werden, sondern auch die Notaufnahme zu besichtigen. Gipsarm inklusive. In diesem Jahr sollen außerdem Plätzchen gebacken werden.

In manchen Orten bieten die evangelischen Kirchengemeinden Kinderbibeltage an, auch, um Betreuung zu gewährleisten. In Weidenberg gibt es dieses Angebot heuer zum ersten Mal. Ute Steininger hatte im Gespräch mit Kollegen von den Betreuungsproblemen erfahren und deshalb mit dem Kindergottesdienstteam einen Kinderbibeltag initiiert. Von 9 bis 15 Uhr werden jetzt am Buß- und Bettag Kinder von vier bis elf Jahren betreut. Inklusive Frühstück und Mittagessen. Rund 30 Kinder haben sich angemeldet, viele Eltern hätten sie außerdem kontaktiert, sagt Steininger, und sich für dieses Angebot bedankt.

Speichersdorfer Kinderbibeltag fällt aus

Einen solchen Bedarf habe es wohl auch in Speichersdorf gegeben, dort waren im vergangenen Jahr sehr viele Kinder beim Kinderbibeltag am Buß- und Bettag, sagt der evangelische Pfarrer Hans Joachim Gonser. In diesem Jahr findet trotzdem kein Kinderbibeltag statt. Aus Personalmangel, wie Gonser sagt. Schließlich sei eine halbe Pfarrstelle nicht besetzt. Gottesdienste gibt es indes. Am Vormittag einen, einen weiteren am Abend. Besser besucht werde der am Vormittag, sagt Gonser. Unter anderem, weil in den Vorjahren immer das Lehrerkollegium der Schule zur Kirche kam.

Sollten kirchliche Feiertage ganz abgeschafft werden?

Immer wieder geistert die Idee durch die Medien, die kirchlichen Feiertage ganz abzuschaffen und dafür den Arbeitnehmern zusätzliche Urlaubstage zu gewähren. Christen könnten weiterhin die kirchlichen Feste feiern, während Muslime etwa am Ramadan-Fest und Juden an Jom Kippur freinehmen könnten. Betriebe hätten so die Möglichkeit, auch an christlichen Feiertagen weiter zu produzieren. Doch in der Region stößt die Idee auf wenig Gegenliebe.

Janine Schuh, Rechtsanwältin mit Tätigkeitsschwerpunkt Arbeitsrecht: „Rechtlich gesehen dienen kirchliche Feiertage der seelischen Erhebung und der Erholung. Durch gemeinsame Feiertage wird jedem die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht und soziale Isolation bekämpft. Wenn man sie durch Urlaubstage ersetzen würde, wäre nicht sicher, ob das noch gewährleistet ist. Zudem regelt Paragraf 6 des Bayerischen Feiertagsgesetzes bereits, dass jüdische Schüler an bestimmten israelitischen Feiertagen schulfrei haben. (Anm. der Red.: Eine ähnliche Regelung hat das Kultusministerium auch für muslimische Schüler herausgegeben.) Auch jüdische Arbeitnehmer haben das Recht, an diesen Tagen von der Arbeit fern zu bleiben. Allerdings bekommen sie für diesen Tag, im Gegensatz zu arbeitsfreien Feiertagen, keinen Lohn.“

Ulrike Gote, Grünen-Landtagsabgeordnete: „Wir unterstützen die Forderung nach einer Würdigung der muslimischen Feiertage, würden uns aber einen anderen Weg wünschen. In Hamburg hat man mit dem Abschluss eines Staatsvertrags einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur verfassungsmäßig gebotenen Gleichstellung des Islam gemacht. Diesen Schritt sollten wir uns auch für Bayern zum Vorbild nehmen und eine entsprechende Regelung finden. Wir setzen uns nicht nur aus religiösen, sondern auch aus kulturellen, sozialen und arbeitsethischen Gründen für den Schutz von Sonn- und Feiertagen ein. Es muss eine besondere Zeit für Familie und Freunde, für den Besuch im Gotteshaus, für Sport, Hobbys und Kulturveranstaltungen oder ehrenamtliches Engagement bleiben.“

Halil Tasdelen, Bayreuther Stadtrat und Muslim: „Man muss die Kirche im Dorf lassen. Wir leben hier und sind froh, dass wir da sind, aber wir können nicht versuchen, die Strukturen, die hier in Jahrhunderten gewachsen sind, zu ändern. Und es ist ja auch so, dass meine Kinder bei religiösen Festen nicht in die Schule gehen müssen, wenn nicht gerade eine Klausur ansteht.“

Felix Gothart, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth (lacht über die Frage): „Man versucht als jüdischer Gläubiger, die Zeit, die man fehlt, wann anders reinzuholen. Oder man nimmt sich frei. Das ist einfach so, mit Diskriminierung hat das gar nichts zu tun. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Christen die Mehrheit sind und die feiern eben ihre Feiertage. Man kann dankbar sein, dass Juden und Muslime ihre Feiertage feiern können. Wichtig ist, dass man die Feiertage der anderen Religionen akzeptiert.“

Peter Meyer, FW-Landtagsabgeordneter: „Der Staat schützt die kirchlichen Feiertage, das entspricht unserer Rechts- und Werteordnung. Der Austausch in die entsprechende Zahl von Urlaubstagen würde die Feiertage zur Angelegenheit von Einzelpersonen verkürzen. Urlaub nehme ich nur, wenn es mir gerade passt – der religiöse Anlass geht dabei unter, die gesellschaftliche Akzeptanz entfällt. Die Muslime sind eine ebenso bedeutende Bevölkerungsgruppe wie die jüdischen Mitbürger. Ich kann mir gut vorstellen, deren wichtige Feiertage in den Schutzbereich des Feiertagsgesetzes mit aufzunehmen.“

Peter Igl, Bezirksgeschäftsführer von Verdi: „Wie Verdi dazu steht, kann ich nicht sagen, die Meinung in der Mitgliedschaft ist noch nicht erfasst. Ich persönlich halte von der Idee nichts. Für das gesellschaftliche Zusammenleben halte ich es für sinnvoll, feststehende freie Tage zu haben, um ohne vorherige Absprachen gemeinsam etwas unternehmen zu können. Dazu gehören auch religiöse Feiern für die, die dies möchten. Ich bin vielmehr sogar dafür, mindestens einen jüdischen und einen muslimischen Feiertag als gesetzlichen Feiertag einzuführen. Schon alleine, um den Austausch von religiösen Kulturen zu fördern. Als Volkswirtschaft können wir uns jeden einzelnen Feiertag leisten und sollten das auch.“

Christoph Rabenstein, SPD-Landtagsabgeordneter: „Die christlichen Feiertage sollten in der bisherigen Form beibehalten werden. Sie haben eine lange Tradition und werden auch von Bürgern gefeiert, die keiner Kirche angehören. Ich denke hier besonders an die Weihnachtsfeiertage. Niemand würde verstehen, wenn diese Tage säkularisiert werden. Auf der anderen Seite ist es Realität, dass viele Mitbürger in Deutschland nicht den großen christlichen Religionsgemeinschaften angehören. Auch für diese Menschen sollte es möglich sein, dass sie ihre Feiertage begehen können.“

Gudrun Brendel-Fischer, CSU-Landtagsabgeorndete: „Ich lehne das ab, dafür sind die kirchlichen Feiertage als Wertekompass viel zu wichtig! Zudem dürfen Religionsfreiheit und Weltoffenheit nicht dazu führen, dass wir unseren kirchlichen Jahresfestkreis auf geben. Unsere christlichen Feiertage haben schließlich einen bedeutungsvollen Ursprung.“

 

Bilder