Tilgung und Zinsen betragen für 2010 etwa 56 Millionen Euro. Das sind die sprichwörtlichen Peanuts angesichts der Kosten der deutschen Einheit von zwei Billionen Euro und doch ein Zeichen für historische Verbindungen durch Verbindlichkeiten.

2010 lebt in Deutschland niemand mehr, der aktiv am Ersten Weltkrieg beteiligt war, von den Schuldigen ganz zu schweigen. Vier Generationen später müssen die deutschen Steuerzahler trotzdem löhnen. Aber auch bei den Gläubigern erhält keiner das Geld, der damals in der Hoffnung auf gute Zinsen oder eine sichere Altersvorsorge sein Erspartes angelegt hat. „Die Käufer der Anleihen haben sie weiterverkauft, die Weiterverkäufer sie vererbt, die Erben sind verblichen, die Scheine aber müssen noch umherirren“, berichtet der Historiker Jörg Friedrich.

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Nach zwei Weltkriegen und mitten im Kalten Krieg glaubt niemand mehr daran, dass Deutschland sie jemals vergüten wird. Die Anleihen-Scheine sind in den 1970er-Jahren sogar auf Flohmärkten zu haben – teilweise für eine Mark. Sprichwörtliche Ramschpapiere. Ihre Geschichte ist die Geschichte von staatlichen Schulden und Zahlungsversprechen.

Der Erste Weltkrieg ist teuer und der Unterlegene wird zur Kasse gebeten. Da sind die Verwüstungen in Frankreich und Belgien, die der Verlierer Deutschland anstandslos bereit ist zu regulieren. Doch seine Gegner wie England und Frankreich haben sich für den Krieg bei den Amerikanern verschuldet – auch dafür soll Deutschland aufkommen. Es geht um 26,5 Milliarden Dollar interalliierter Schulden, rund 200 Milliarden Mark. Dazu steht Deutschland mit 164 Milliarden Mark bei den eigenen Bürgern in der Kreide, weil es seine Aufwendungen über Kriegsanleihen bei ihnen auch nur geborgt hat.

Die erste Reduktion

Der deutsche Steuerzahler soll für alles aufkommen. Er berappt zwar – verglichen mit der Kaiserzeit – bereits ein Vielfaches an Steuern, aber die reichen gerade für den neu geschaffenen Sozialstaat, mit dem sich die Republik beliebt machen muss. Die Reparationsforderungen sind ein Ding der Unmöglichkeit, wie jedem Politiker klar ist. Aber keiner auf der Siegerseite wagt wegen der öffentlichen Meinung zu Hause, das irrsinnige System infrage zu stellen. Der Versailler Vertrag, der 1920 in Kraft tritt (und dem die USA nicht beitreten), regelt das Verfahren. Wenig später wird Deutschland die Endsumme präsentiert: 269 Milliarden Goldmark in 42 Jahresraten – das entspricht 96 415 Tonnen oder 5000 Kubikmeter Gold. Dazu der Verlust von Gebieten, Kolonien und der Handelsflotte. Ein Jahr später wird die Forderung wegen offensichtlicher Unerfüllbarkeit auf 132 Milliarden Goldmark reduziert.

Privatanleger übernehmen

Aber auch das ist noch zu viel. Die Republik taumelt von einer Krise in die nächste. Der Außenminister wird 1922 ermordet, der Finanzminister im Jahr zuvor. Mit der Hyperinflation – also der vollständigen Geldentwertung – wird der Staat wenigstens die Schuld bei den deutschen Banken und Sparern los, die nun vollständig ruiniert sind. Aus 164 Milliarden inländischer Kriegsschulden werden innerhalb eines Jahres 16,4 Pfennige. Wer privat für seine Rente vorgesorgt hat, ist Ende 1923 in Deutschland erledigt.

Doch die Sieger müssen bald erkennen, dass aus Deutschland nicht mehr viel zu holen ist. So folgt auf die große deutsche Inflation 1924 der Dawes-Plan, benannt nach dem amerikanischen Finanzexperten Charles Dawes. Es bleibt bei 132 Milliarden Goldmark Reparationen, ein Zahlungszeitraum ist nun aber offen. Anfangs soll eine Milliarde pro Jahr bezahlt werden, später 2,5 Milliarden. Dazu gibt es für Deutschland an der Wall Street eine Dawes-Anleihe in Höhe von 800 Millionen Goldmark.

Amerika schwimmt im Geld und sucht Anlagemöglichkeiten: Sieben Prozent bei einer Laufzeit bis 1949 bietet Deutschland. Der Kapitalmarkt ist begeistert. So mancher Amerikaner, Schwede oder Schweizer greift zu und erhofft sich eine passable Altersvorsorge. Damit werden nun alte deutsche Schulden bei Staaten (Reparationen) mit neuen deutschen Schulden bei Privatanlegern (Dawes-Anleihe) zurückgezahlt. Im Schlepptau der Anleihe nehmen die öffentliche Hand, Banken und private Unternehmer in Deutschland ausländische Kredite in Höhe von 24,5 Milliarden Mark auf. Der Laden brummt – auf Pump.

Schulden für Schulden

1929 folgt der Young-Plan, benannt nach dem amerikanischen Industriellen Owen Young. Die Reparationen werden nun auf 36 Milliarden Mark festgelegt, die verzinst bis 1988 zu zahlen sind – zwei Milliarden Mark pro Jahr. Dazu gibt es von der Reichsschuldenverwaltung die sogenannte Young-Anleihe für Privatanleger über 1,47 Milliarden Mark zu 5,5 Prozent Zinsen auf 35 Jahre. Zwei Drittel der Summe gehen an die Reparationsgläubiger und zur Stützung der deutschen Konjunktur, da die Weltwirtschaftskrise 1930 Deutschland erreicht hat. Schulden werden wieder mit Schulden beglichen.

Deutschland kann seine alten und neuen Auslandsschulden nur bedienen, wenn es massiv Produkte in dieses Ausland verkauft. Das setzt die Unternehmen in diesen Ländern unter Druck, weil Deutschland bereit ist, zu nahezu jedem Preis seine Waren loszuschlagen. Es kommt zu Zollbarrieren, die immer höher werden. Und je höher sie werden, umso weniger kann Deutschland seine Schulden begleichen. Die Privatanleger bekommen es mit der Angst zu tun.

In der Konferenz von Lausanne 1932 werden die deutschen Reparationsverpflichtungen bei den Siegerstaaten de facto ganz gestrichen, die Schulden bei den Privatanlegern bleiben aber bestehen. Die Nazis zahlen im Zweiten Weltkrieg ungleich nach Freund und Feind. Schweizer und Schweden werden bedient, Engländer nicht. Egal wie – die Papiere werden weiter gehandelt, wenn auch weit unter dem Wert, der in verschnörkelten Lettern auf ihnen steht. Die Käufer spekulieren darauf, dass ein zunächst zahlungsfähiger deutscher Staat auch wieder auferstehen wird.

Nach dem Zweiten Weltkrieg regelt das Londoner Schuldenabkommen 1953 die Rückzahlung der privaten deutschen Auslandsschulden – und reduziert auch diese. Bis 1983 begleicht die alte Bundesrepublik 14 Milliarden Mark.

Die DDR ist an dem Vertragswerk nicht beteiligt und gibt auch nichts. Zinsen in Höhe von 251 Millionen Mark aus den Jahren 1945 bis 1952 werden freundlicherweise bis zur Wiedervereinigung Deutschlands ausgesetzt – niemand rechnet mit ihr.

Ab 3. Oktober 1990 werden sie dann doch mit 20 Jahren Laufzeit wieder fällig. Knapp 200 Millionen Euro werden an die Anteilseigner überwiesen, etwa 90 Prozent der ausgegebenen Papiere sind bedient. Die übrigen gingen wohl verloren oder liegen in irgendwelchen Kisten.

Letztendlich hat Deutschland – gemessen an den ursprünglichen staatlichen und privaten Forderungen nach dem Ersten Weltkrieg – nur einen Bruchteil in Geld beglichen. Ein Erfolg ist das in keinem Fall, denn bezahlt wurde in einer anderen Währung: Die erste deutsche Republik ist in Chaos und Massenelend untergegangen. Es folgte ein weiterer Krieg mit sechseinhalb Millionen getöteten Deutschen, mit der völligen Zerstörung, Verkleinerung und Teilung des Landes. Schulden verschwinden nicht einfach, sie verändern nur ihr Aussehen. Die Peanuts vom 3. Oktober 2010 waren die bittersten Erdnüsse der Geschichte.