Wie aus dem tschechischen Kursbuch hervorgeht, hat die Bahnstrecke von Karlsbad nach Johanngeorgenstadt eine Besonderheit, die man sonst bei kaum einer anderen Lokalbahn findet: An Werktagen sowie an Wochenenden und Feiertagen weichen die Fahrpläne stark voneinander ab. Werkstags sind die Fahrzeiten auf den Schüler- und Berufspendlerverkehr ausgerichtet, an anderen Tagen auf den touristischen Freizeitverkehr. Gerade beim Unfallzeitpunkt gibt es gravierende Abweichungen: An Werktagen muss der Zug aus Johanngeorgenstadt um 15.07 Uhr am Bahnhof Pernink den Gegenzug aus Karlsbad abwarten. Am Wochenende und an Feiertagen darf der Zug hingegen bis Nové Hamry weiterfahren, wo gegen 15.24 Uhr die planmäßige Begegnung mit dem Gegenzug stattfindet. Just in dieser Woche war am Montag in Tschechien Feiertag zu Ehren von Jan Hus. Deshalb kursieren Spekulationen, wonach sich das Bahnpersonal am Dienstag gedanklich noch im "Feiertagsmodus" befunden haben könnte. Die Vermutung, dass es zu einer Fahrplanverwechslung gekommen sein könnte, äußerte Jindrich Berounský von der tschechischen Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft. W.R.

Wie berichtet, sind am Dienstag kurz nach 15 Uhr zwei Regionalzüge der tschechischen Staatsbahn CD frontal zusammengestoßen. Von den insgesamt 33 Fahrgästen starben zwei Insassen, darunter ein Deutscher. Neun Reisende wurden schwer verletzt, weitere 15 erlitten leichte bis mittelschwere Verletzungen, darunter die beiden Lokführer. Der Schaden beläuft sich nach ersten Schätzungen auf 20 Millionen Kronen (rund 800 000 Euro).

Die Bergung der Toten und Verletzten aus den ineinander verkeilten Zügen gestaltete sich relativ schwierig, weil sich die Unglücksstelle zwischen Pernink (Bärringen) und Nové Hamry (Neuhammer) in einem dichten Waldgebiet befand, in dem es keine Zufahrtswege gibt. Zudem mussten die Rettungskräfte den Wald absuchen, weil der Verdacht bestand, dass unter Schock stehende Fahrgäste traumatisiert durch die Gegend irren könnten. Die Retter brachten die Verletzten zunächst zu Fuß oder auf Tragen zum 500 Meter entfernten Bahnhof Pernink. Für den weiteren Abtransport der Schwerverletzten kamen vier Hubschrauber zum Einsatz, darunter auch ein Helikopter aus Sachsen. Am Mittwoch befanden sich noch vier Schwerverletzte im Krankenhaus in Plzen (Pilsen), die einer Kliniksprecherin zufolge außer Lebensgefahr waren.

Der tschechische Verkehrsminister Karel Havlícek, der sich die Unglücksstelle am Dienstagabend persönlich ansah, geht von menschlichem Versagen aus. Mittlerweile hat die tschechische Polizei einen der beiden Lokführer wegen des Verdachts der fahrlässigen Gefährdung der Allgemeinheit festgenommen. Einem Augenzeuge zufolge soll dieser Lokführer unmittelbar nach dem Unfall neben den Gleisen gesessen und dabei gesagt haben "Was habe ich nur getan."

Bahnexperten geben zu bedenken, dass alle Personenzüge zwischen Karlsbad und Johanngeorgenstadt mit Zugbegleitern besetzt sind, die dem Lokführer den Abfahrtsauftrag erteilen. Demnach müsste auch das Begleitpersonal des Unglückszuges eine Mitverantwortung tragen. Außerdem findet bei jeder Fahrt eines Zuges nach Karlsbad am Bahnhof Pernink ein Funkgespräch zwischen dem Lokführer und dem Fahrdienstleiter in Karlsbad statt. Erst nach dem Abfahrtsauftrag darf der Lokführer die Fahrt fortsetzen. Die Aufzeichnungen der Funkkommunikation werden derzeit ausgewertet.

Der Unfall vom Dienstag weckt Erinnerungen an ein ähnliches Unglück, das sich vor fast genau vier Jahren auf der Bahnstrecke zwischen Sokolov (Falkenau) und Klingenthal ereignet hatte. Damals stießen zwei Personenzüge bei Rotava (Rothau) frontal zusammen, sechs Personen erlitten Verletzungen. Die Lokführer sahen damals den jeweils entgegenkommenden Zug und konnten noch die Geschwindigkeit reduzieren. Dies war am Dienstag bei Pernink nicht möglich, weil die Unglücksstelle in einer Gleiskurve lag. Die Lokführer hatten erst kurz zuvor Sichtkontakt und konnten noch aus den Führerständen flüchten, die völlig demoliert wurden.

Der Gewerkschaftsführer Jindrich Berounský wirft dem Verkehrsministerium eine "sträfliche Untätigkeit" bei der Sicherung der Bahnstrecken vor. Das von der Gewerkschaft und der Eisenbahn-Inspektion geforderte Sicherheitssystem "Radioblok" hätte laut Berounský automatisch verhindert, dass ein Zug auf eine Strecke fährt, die von einem entgegenkommenden Zug blockiert ist.

In Deutschland gibt es auch im
Nebenbahnnetz entsprechende umfangreiche Sicherungssysteme. So würde zum Beispiel auf der Nebenstrecke zwischen Hof und Bad Steben ein Zug am Bahnhof Selbitz eine Zwangsbremsung erhalten, wenn der Lokführer vor dem Eintreffen des Gegenzuges und vor der Streckenfreigabe durch den Fahrdienstleiter abfahren würde.