Zum Bundesliga-Start Erstes Müller-Duell seit sieben Jahren

Getrennte Wege: Nach sechs Jahren bei der MT Melsungen ist Philipp Müller (links) mit dem Ende der vergangenen Saison zum SC DHfK Leipzig gewechselt, während sein Zwillingsbruder Michael (rechts) den Weg zu den Füchsen Berlin wählte. Foto: Peter Kolb

HANDBALL. Sieben Jahre lang haben Michael und Philipp Müller gemeinsam in der Bundesliga gespielt – nach einer Saison bei der HSG Wetzlar zuletzt in sechs Spielzeiten bei der MT Melsungen. Wenige Wochen vor ihrem 35. Geburtstag müssen die Zwillinge aus Bayreuth aber noch einmal getrennt in ihr 14. Profijahr gehen, und der Terminplan der Bundesliga will es so, dass sie gleich zum Saisonauftakt aufeinandertreffen. Philipp hat dabei am Sonntag um 13.30 Uhr mit dem SC DHfK Leipzig den Heimvorteil gegen Michael mit den Füchsen Berlin.

„Noch hält sich die Anspannung in Grenzen“, sagt Philipp Müller. „Aber die kommt bestimmt, wenn Michi in anderen Klamotten am anderen Ende des Spielfelds steht.“ Eine ähnliche Stimmungslage lässt auch Michael durchblicken: „Wenn das gleich am ersten Spieltag passiert, haben wir diesen Punkt immerhin schon mal abgearbeitet.“ Ein Familientreffen am Abend vor dem Spiel steht für beide trotz der neuen Gegnerschaft außer Frage. Auf eine Wiederbelebung der oft besonders intensiv geführten Zweikämpfe in den Zeiten des Jugendtrainings bei Haspo Bayreuth scheinen dagegen beide gut verzichten zu können, obwohl sie sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Positionen im rechten beziehungsweise linken Rückraum so gut wie automatisch direkt gegenüberstehen. „Ich habe schon ein wenig Hoffnung, dass wir uns auf dem Feld weitgehend aus dem Weg gehen werden“, sagt Rechtshänder Philipp; „vielleicht wird das gar kein großes Thema, wenn jeder von uns nur zehn Minuten pro Halbzeit spielt“, sagt Linkshänder Michael.

Ganz andere Spielweise

Der 78-malige Nationalspieler fühlt sich in Berlin sehr wohl („Ich wurde von der Mannschaft super aufgenommen, und auch drumherum passt alles“), aber er hat es beim ambitionierten Tabellensechsten der vergangenen Saison erwartungsgemäß schwer, umfangreiche Einsatzzeiten zu beanspruchen. Schließlich spielt dort auf seiner Position mit Fabian Wiede ein Leistungsträger der deutschen Europameister-Mannschaft von 2016, der schon als 16-Jähriger für die Füchse aktiv war (Vertrag von 2010 bis 2023) und daher auch als Identifikationsfigur für den Klub einen hohen Stellenwert hat. Dazu kommt möglicherweise sogar bald noch der kroatische Weltklassespieler Marko Kopljar, der nach einem Achillessehnenriss im März 2018 schon das Ende seiner Laufbahn befürchten musste, nun aber nach 16 Monate langer Leidenszeit mit unermüdlicher Reha-Arbeit wieder mit der Mannschaft trainiert und tatsächlich vor einem Comeback steht. „Das sieht richtig gut aus bei ihm“, berichtet Michael Müller. „Ich bin selbst gespannt, wie das dann wird mit drei Leuten im rechten Rückraum. Für das Team ist es aber jedenfalls nicht schlecht, wenn er zurückkommt, denn das ist ein guter Typ.“

Eine Verletzungspause von Wiede bescherte dem Bayreuther in der Vorbereitung unerwartet viel Einsatzzeit, aber auch das war nicht unproblematisch. „Hier wird anders gespielt und mit viel hartem Eins-gegen-eins der schnelle Abschluss gesucht“, erklärt Michael Müller. „Das ist genau das, was ich in den letzten Jahren in Melsungen nicht gemacht habe. Da ging es vielmehr darum, mit langen Angriffen eine klare Chance herauszuspielen. Dabei habe gerade auch ich selbst viel mit dem Kreis zusammengespielt, was in Berlin weniger gefragt ist.“

Auch deswegen sei die Vorbereitung nicht immer den hohen Ansprüchen gerecht geworden. An der nötigen Qualität des Kaders für einen Platz im Vorderfeld sei zwar nicht zu zweifeln, aber das große Verletzungspech der Vorsaison und nun schon wieder erste Ausfälle vor dem Saisonstart (Rechtsaußen Mattias Zachrisson, Rückraumspieler Jacob Holm) mahnen zur Vorsicht: „Besonders Schlüsselspieler wie Paul Drux dürfen sich nicht verletzen. Die absoluten Spitzenmannschaften sind da breiter aufgestellt.“ Bessere Titelchancen sieht der Bayreuther daher eher in den Pokalwettbewerben, in denen die Füchse in den zurückliegenden Jahren schon gute Erfahrungen gemacht haben: DHB-Pokalsieger 2014, EHF-Pokalsieger 2015 und 2018, sogar Vereinsweltmeister 2015 und 2016. „Der Klub hat die richtige Mentalität dafür, um so etwas zu schaffen. Wenn alle fit sind und alles passt, haben wir gute Chancen, etwas zu gewinnen.“

In anderen Kategorien bewegen sich dagegen die Saisonziele beim SC DHfK Leipzig. „Besser als der elfte Rang im Vorjahr soll es auf jeden Fall werden“, sagt Philipp Müller. „Mit der Mannschaft und dem Umfeld sollte man aber schon einen einstelligen Platz anstreben.“ Die Saisonvorbereitung habe das durchaus bestätigt: „Zwei Niederlagen in einer Woche waren vielleicht ein Dämpfer zur richtigen Zeit. Im Pokal haben wir dann zweimal klar gewonnen. Das war ein Schritt in die richtige Richtung. Wir sind gut aufgestellt und alle fit.“

Als Teamsenior sogar älter als der Trainer

Auch sich persönlich sieht der Bayreuther gut gerüstet für den Start: „In so einer jungen, talentierten Mannschaft lernt man auch in meinem Alter noch etwas dazu. Sogar Trainer André Haber ist ja noch jünger als ich. Da wird ganz anders gearbeitet als in Melsungen mit den fertigen Spielern. Es macht Spaß, noch mal was Neues mitzukriegen.“

Trotz der Rolle als Teamsenior habe er sich aber problemlos eingefunden: „Am Anfang schienen die Jungen alle Angst vor mir zu haben“, sagt der robuste bis harte Verteidiger lachend. „Jetzt wird mir aber ab und zu sogar zugetraut, im Angriff zu spielen. Und der Trainer scheint ganz zufrieden mit dem, was er da gesehen hat. Der kannte mich ja praktisch nur als Abwehrspieler.“

Zu den ganz jungen Teamkollegen gehört übrigens auch Müllers Bayreuther „Landsmann“ Julius Meyer-Siebert, der gerade mit der Silbermedaille von der U 19-Weltmeisterschaft zurückgekehrt ist: „Der hat hier schon den Fuß in der Tür und soll in den kommenden Jahren eingebaut werden. Es ist ja auch beeindruckend, was der Kerl aus seinem gakeligen Körper gemacht hat.“

Unterm Strich erscheint also die aktuelle Stimmung bei den Sachsen etwas entspannter als bei den stärker unter Erwartungsdruck stehenden Hauptstädtern. In Verbindung mit dem Heimvorteil dürften sich somit die Kräfteverhältnisse ziemlich annähern. „Wir sind immer noch ein wenig Außenseiter, aber das tut uns ganz gut“, bestätigt Philipp Müller, während sich Bruder Michael eher zurückhaltend äußert: „So wie wir gerade spielen, sind wir nicht der ganz große Favorit. Außerdem war es für Berlin in Leipzig noch nie leicht. Das wird ganz eng.“

 

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