ZF Auerbach und Bayreuth Aufbruch in Richtung E-Mobilität

Harald Deiss leitet bei ZF das Geschäftsfeld für die Antriebselektronik. Foto: Ralf Münch

AUERBACH/BAYREUTH. Die Autoindustrie ist im Umbruch. In einem wahren Kraftakt soll der Umstieg vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität gelingen. Bei ZF, einem der weltweit größten Zulieferer der Branche, spielen dabei die Standorte in Auerbach und Bayreuth eine mitentscheidende Rolle.

Wer in den neuesten Produktionsbereich im ZF-Werk Auerbach will, muss erst eine strenge Prozedur durchlaufen. Sicherheitsschuhe sind obligatorisch. Eine klebrige Matte soll eventuell daran haftenden Schmutz binden, dann werden blaue Schuhüberzieher aus einem Automaten am Boden übergestreift. Anschließend weiße Mäntel überziehen und die Schuhe mit speziellen Kontaktstreifen erden, damit ungewollte Entladungen die hier produzierten elektronischen Bauteile nicht unbemerkt beschädigen. Erst wenn das geprüft ist, gibt ein Drehkreuz den Weg frei.

100 Millionen Euro investiert

Rund 100 Millionen Euro wurden in den vergangenen sechs Jahren in Auerbach und Bayreuth investiert, sagt Harald Deiss, der in der ZF-Division E-Mobility das Geschäftsfeld für die Antriebselektronik leitet. In den zurückliegenden zehn Jahren hätten sich die beiden Standorte tiefgreifend zu für den Konzern sehr wichtigen Hochtechnologiezentren gewandelt.

Die Entwicklung und Produktion von Steuerungselektronik für Antriebe und Automatikgetriebe sowie der Leistungselektronik für Elektroantriebe bilden hier den Schwerpunkt. „Die bei uns entwickelte Elektronik steuert zum Beispiel die Kupplungs- und Schaltvorgänge in Automatikgetrieben. Dabei arbeitet sie auch mit vorausschauenden Navigationssystemen zusammen und kann so die Schaltvorgänge an die Strecke anpassen“, sagt Deiss.

Technik für nahezu jede Antriebsart

Das Interessante und damit Zukunftsträchtige: Die Technik lässt sich für nahezu jede Antriebsart nutzen. Für klassische Verbrenner ebenso wie für solche, die vielleicht einmal mit synthetischen Kraftstoffen betrieben werden, aber auch für alle Hybridsysteme, für Brennstoffzellenantriebe und für reine Elektrofahrzeuge. „Wir sind für alle Szenarien gerüstet“, sagt Deiss. Technik aus Auerbach und Bayreuth stecke in Fahrzeugen nahezu aller Hersteller, vor allem auch aus dem Premium-Bereich.

Momentan geht der Trend stark in Richtung E-Mobilität, und auch dabei reden die Standorte Auerbach und Bayreuth innerhalb des ZF-Konzerns ein gewichtiges Wort mit. Weil hier die Leistungselektronik für die Elektroantriebe entsteht. Produziert wird an verschiedenen Standorten des von Auerbach aus gesteuerten Geschäftsfelds. Vereinfacht ausgedrückt, wird mit der Leistungselektronik der Gleichstrom aus der Batterie in Wechselstrom umgewandelt, wie ihn der E-Motor braucht. Dabei müssen Spannungen von bis zu 800 Volt und Stromstärken bis 600 Ampere bewältigt werden, erklärt Deiss – also deutlich mehr, als daheim aus der Steckdose kommt.

Gehirn des E-Motors

Die komplette Entwicklungskompetenz für das „Gehirn des E-Motors“, wie Deiss es nennt, liege in Auerbach und Bayreuth und einem zugehörigen, 40 Experten starken Entwicklungsbüro in Regensburg. In Auerbach seien entsprechende Entwicklungslabore eingerichtet worden, in Bayreuth ein sogenannter Tech-Hub, in dem eng mit Wissenschaftlern der Universität zusammengearbeitet werde. Und diese Zusammenarbeit soll noch ausgebaut werden, nicht zuletzt mit dem neuen Forschungs- und Entwicklungszentrum Batterietechnik.

Rund 1300 Mitarbeiter

Rund 1100 Mitarbeiter arbeiten am ZF-Standort Auerbach, weitere 190 sind es in Bayreuth. Bemerkenswert: Gut 300 davon, also rund ein Viertel, sind Entwickler. Und es werden ständig neue Ingenieure gesucht, aus dem Bereich Mechanik und Konstruktion ebenso wie Elektroniker und Informatiker. Gut 80 Stellen seien aktuell ausgeschrieben, sagt Deiss. Die Zeichen in Auerbach und Bayreuth stünden auf Wachstum.

Milliardenauftrag

Woran auch ein Auftrag von BMW für ein neues Achtgang-Automatikgetriebe seinen Anteil haben wird, der für den Konzern ein zweistelliges Milliardenvolumen über mehrere Jahre hat. Auch dafür wird die Steuerungselektronik aus den hiesigen Werken zugeliefert und wird diese ab 2022 zu einem guten Drittel auslasten, sagt Deiss. Dabei hört sich 2022 nur für den Laien nach viel Zeit an, denn der Vorlauf beträgt mindestens drei Jahre, sagt der Standortleiter: „Eigentlich müssen wir bereits 2021 die Serienreife erreicht haben.“ Weil das neue Produkt Platz und Mitarbeiter braucht, wird derzeit die Fertigung gewisser Mikroschalter an einen neuen Standort in Serbien verlagert (der Kurier berichtete).  Für Deiss ein weiterer Schritt für Auerbach vom Produktions- zum Hochtechnologiestandort.

Eine Entwicklung, die anhalten werde – ungeachtet der momentan durchaus spürbaren Zurückhaltung der Autokäufer wegen Dieselgate, Brexit oder drohender Handelskonflikte. Gefragt, wie es in zehn Jahren aussieht, rechnet Deiss für Auerbach und Bayreuth mit einem deutlichen, auch personellen Wachstum im Bereich Entwicklung, während die reine Produktion vor Ort eher moderat zulegen werde. Was auch daran liege, dass zunehmend in den Märkten selber produziert werden müsse. Das ZF-Geschäftsfeld Elektronische Systeme unterhalte unter anderem Produktionswerke in China, Mexiko und Tschechien, Serbien komme jetzt hinzu.


Das Unternehmen

ZF Friedrichshafen ist einer der größten Automobilzulieferer weltweit. Der Umsatz legte im vergangenen Jahr um 1,3 Prozent auf 36,9 Milliarden Euro zu. Unter anderem Währungseffekte hätten dazu geführt, dass der Gewinn von knapp 1,2 Milliarden auf 965 Millionen Euro zurückging, hieß es kürzlich auf der Bilanz-Pressekonferenz. Der Konzern beschäftigt nach eigenen Angaben an rund 230 Standorten in 40 Ländern etwa 149.000 Mitarbeiter. In Deutschland hat ZF gut 50 Standorte.

Die zusammengehörenden Werke in Auerbach und Bayreuth kommen gemeinsam auf knapp 1300 Mitarbeiter, sind die Leitwerke im Geschäftsfeld Elektronische Systeme und spielen damit für ZF eine wichtige Rolle bei der Antriebstechnik sowie bei der E-Mobilität.

 

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