Wolfgang Drechsel ist tot Motoren hatten für ihn Seele

Verschmitztes Lachen, Schalk im Nacken, jede Menge Blödsinn im Kopf und geprägt von einer bedingungslosen Hilfsbereitschaft: So werden die Motorradfahrer Wolfgang Drechsel, den viele nur als Schnuff kannten, im Gedächtnis behalten. Foto: Archiv/Eric Waha

Bücher könnte man über ihn schreiben. Mehrere. Wolfgang Drechsel, der in der vergangenen Woche mit 71 Jahren an den Folgen der unheilbaren Krankheit ALS gestorben ist, hat sein Leben fürs Schrauben gelebt – und seine Werkstätten und Motorrad-Geschäfte in der Nürnberger Straße und zuletzt am Hohenzollernring zum Teil zur Bühne gemacht. Ein Nachruf auf ein Bayreuther Original.

Bayreuth - Es ist selten, dass man bei der Erinnerung an einen Menschen so viel lachen muss. Bei Wolfgang Drechsel ist das so. Mit Wolfgang Drechsel, den viele nur unter seinem Spitznamen Schnuff kannten, ist ein Bayreuther Original gestorben. Und es ist „mit ihm eine Ära zu Ende gegangen. Schrauber wie ihn gibt es heute nicht mehr“, sagt Matthias Schnörer, der ab 1983 einer der ersten Lehrlinge Drechsels in seiner – damals noch Auto- und – Motorradwerkstatt in der Nürnberger Straße war.

Über Jahrzehnte Anlaufstelle für Motorradfahrer

Wolfgang Drechsel, der 71 Jahre alt wurde, war über Jahrzehnte die Anlaufstelle für die Motorradfahrer aus Bayreuth und der Region. Zweirad Drewe – die Abkürzung der Gründernamen Drechsels und seines Freundes Günther Wenzel – war ab 1979 erst in der Nürnberger Straße, dann am Pfaffenfleck und schließlich am Hohenzollernring, genau dort, wo Drechsel bei Zweirad Schwankl seine Ausbildung gemacht hatte, Dreh- und Angelpunkt für Zweirad-Freunde. Vespa, Yamaha, BMW, Triumph, Ducati haben Drechsel und Wenzel verkauft. Drechsel hat sie gewartet und repariert. Aus Lust am Schrauben seit der frühesten Kindheit, wie er einst im Gespräch mit dem Kurier gesagt hat. Denn das Schrauben hat er von seinem Vater Hans geerbt, der in der Saas als Speichen-Hans bekannt war, weil er „in seiner Doppelgarage nicht nur die Fahrräder der Kinder repariert hat, wenn was kaputtgegangen ist. Dort hat er auch Öl und Sprit für die Mopeds verkauft“, sagt Matthias Schnörer, der nur einen Steinwurf entfernt in der Saas aufgewachsen ist.

Ehrlich, witzig, neugierig und kantig

Was Drechsel ausgemacht hat: Seine ehrliche Art, sein Witz – und seine jugendliche Neugier, eigentlich immer ans Limit zu gehen. Auch wenn sein Umgang mit seiner Umwelt oft kantig war: „Wenn ich im Büro war und gehört habe, wie er mit dem einen oder anderen gesprochen hat, habe ich mir oft gedacht: Wolfgang, so kannst doch mit den Leuten nicht reden. Er hat da in kein Qualitätsmanagement aus heutiger Sicht gepasst“, sagt seine Witwe Angelika, die mit Drechsel 40 Jahre zusammen war. Eben einer, der das Herz auf der Zunge trug. „Wir haben bei ihm unheimlich viel gelernt. Nicht nur das Handwerk. Sondern verdammt viel fürs Leben“, sagt Matthias Schnörer. „Das war wie im Theater. Wenn der Schnuff gut drauf war, hat der alle unterhalten.“

„Ein bisschen wie bei ,Irgendwie und sowieso’“

Das unterstreicht auch Ronald Kolb, Lehrling Nummer zwei Drechsels ab 1981, der erst das Kraftfahrzeug-Handwerk und ab 1986 auch noch den Kaufmanns-Beruf dort gelernt hat: „Es war ein bisschen wie bei ,Irgendwie und sowieso‘, der Serie, die damals im Fernsehen lief. Das hat man fast eins zu eins auf unsere Werkstatt übertragen können“, sagt Kolb. „Gemischt mit ,Werner‘. Denn es war nicht nur jeden Tag lustig. Es ist ja doch auch einiges kaputtgegangen“, fügt Schnörer an.

Immer Vollgas

Kaputtgegangen, weil Drechsel nicht nur der Schalk im Nacken saß, sondern weil „bei ihm immer Vollgas war“ – schnell musste es gehen, der Grenzbereich war Drechsels Normalbereich. So wie bei der ersten Vespa PX 200, die wenig später an die stolzen Besitzer übergeben werden solle in den 80er Jahren. „Eine rote PX war das. Wolfgang musste schnell noch eine Probefahrt machen“, sagt Schnörer. „Als er wieder in den Hof reinkam, hab ich ihm aus Spaß ein Zeichen gegeben“ – Schnörer lupft die Hände in die Höhe. „Wolfgang macht einen Wheelie – und war offenbar sichtlich von der Leistung beeindruckt.“ Die Vespa zerschellt im Hof, „kreiselt auf der Seitenbacke aus. Als die Kunden eine halbe Stunde später mit dem Nummernschild kamen, hat er ihnen erklärt, ihm sei da ein Missgeschick passiert. Mussten wir halt eine neue bestellen“, sagt Kolb. Geschichten wie diese könnten ein Buch füllen. Mindestens eins.

Bedingungslos hilfsbereit

Drechsel, der trotz der Tatsache, dass er ein ausgezeichneter Motorradfahrer war, einige schwere Stürze hatte, paart die Neugier und die Lust auf Geschwindigkeit mit einer bedingungslosen Hilfsbereitschaft. „Er war nicht nur immer hinter uns gestanden. Egal, was war. Hat uns geholfen, wenn wir Kummer hatten. Wenn mal die Polizei da war, weil wir als Jugendliche halt die Mopeds frisiert hatten, hat er zu uns gehalten: ,Naa, die Jungs machen doch sowos net‘, hat er gesagt. Und kaum ein anderer sei wie er stets bereit gewesen, für die Kunden nachts oder am Wochenende auszurücken, um Motorräder abzuholen oder auszuliefern. „Geschraubt hat er bis in die Nacht, oft ist er an der Werkbank eingeschlafen, aufgewacht und hat weitergeschraubt“, sagen die beiden ehemaligen Lehrlinge, die Drechsel auch unterstützt hat, wie sie auf Triumph Rennen zwischen 1996 und 2000 gefahren sind. „Lederkombi, Helm, Stiefel, das hat er gesponsert“, sagt Kolb. „Und ich erinnere mich, dass mir mal ein Motor geplatzt ist: So schnell habe ich gar nicht geschaut, hat er mir einen aus einer neuen Maschine ausgebaut und für die letzten drei Rennen geliehen“, sagt Schnörer.

Ein Tag ohne Schraubenschlüssel – ein verlorener Tag

Ein Tag ohne Schraubenschlüssel, das scheint für Drechsel tatsächlich ein verlorener Tag gewesen zu sein: „Als die Mädchen noch klein waren, haben wir zwei Wochen Tunesien gebucht gehabt“, sagt Angelika Drechsel. „Am zweiten Tag hat der Wolfgang am Bootsanleger den ersten Bootsmotor repariert. Am nächsten Tag den nächsten: Keine Ahnung, wie er sich mit den Leuten verständigt hat, aber die haben ihn immer gefunden– und er hat den ganzen Urlaub repariert, während ich mit den Mädchen am Strand war. Und als wir wieder gefahren sind, waren die Tunesier glücklich. Und der Wolfgang auch.“ Weil „für ihn alles, was brummt, eine Seele hatte“ – und deshalb wieder funktionieren musste, wie Angelika Drechsel sagt. Deshalb habe er auch immer drauf geschaut, „dass die Jungs ihre Motorräder gut behandeln“.

Immer im Sinne der Kunden

Drechsel selbst sagte im letzten Gespräch mit dem Kurier, dass er immer gedacht habe, „dass ich einmal mit dem Motorrad abtrete. Aber dass ich mir jetzt so einen Scheiß einfangen muss …“ Die unheilbare Krankheit ALS hat ihm zum Schluss die Kraft genommen, das zu tun, was er sein Leben lang am liebsten tat: schrauben und damit anderen helfen. „Das war immer sein Motto: Er wollte es im Sinne seiner Kunden so preisgünstig wie möglich und gut machen. Und schnell. Denn er ist da immer von sich ausgegangen: er hätte ja auch schnell wieder fahren wollen“, sagt Kolb.

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