Wird Wasser doppelt so teuer?

Von Andreas Gewinner

In der Region droht eine Verdoppelung der Wasserpreise binnen zehn Jahren. Das sagt der Geschäftsführer des Wasserversorgers Juragruppe, Hans Hümmer. Eine Bestandsaufnahme, Suche nach den Ursachen. Und nach möglichen Auswegen.

Das kann teuer werden: Ein Experte hält eine Verdoppelung der Wasserpreise in der Region binnen zehn Jahren für möglich. Foto: Felix Heyder/dpa Foto: red

In Deutschland wird bis 2050 ein Bevölkerungsrückgang von rund neun Prozent auf 75 Millionen erwartet. Im Zeitraum bis 2030 ist den Prognose zufolge Bayern das einzige Bundesland, das an Bevölkerung gewinnt – regional sehr unterschiedlich verteilt: 2011 hatte die Bertelsmannstiftung für die Stadt München ein Plus von 14,8 Prozent vorhergesagt, für den Landkreis Wunsiedel hingegen den bayernweit stärksten Rückgang: 18,9 Prozent. Auch wenn diese Zahlen auch aufgrund des Flüchtlingszustroms der vergangenen Monate schon wieder Makulatur sind, an der Grundrichtung ändert das nichts.

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Kostendeckungsgrad: Das Beratungsunternehmen Rödl & Partner hat herausgefunden, dass die Hälfte der nordbayerischen Wasserversorger jetzt schon nicht kostendeckend arbeiten, wie eigentlich vorgeschrieben. Preiserhöhungen sind hier angezeigt. Für oberfränkische Versorger wurde in der Dekade 2000 bis 2009 ein rückläufiger Kostendeckungsgrad festgestellt.

Eine Prognoseberechnung eines fiktiven oberfränkischen Wasserversorgers hat binnen zehn Jahren eine Wasserpreissteigerung zwischen 31 und 121 Prozent ergeben. Abhängig davon, ob der Versorger Investitionen nur in Höhe der Abschreibungen tätigt, ein Prozent seines Leitungsnetzes jährlich erneuert oder, wie von der Regierung empfohlenen, 3,33 Prozent.

Verbrauch: Der Wasserverbrauch ist allgemein rückläufig, unter anderem wegen immer sparsameren Waschmaschinen und Geschirrspüler oder wegen zunehmender Nutzung von Regenwasser in Toilette und Waschmaschine oder zum Gießen. Im Fichtelgebirge kommen noch zwei Faktoren hinzu: Eine zurückgehende Bevölkerung bedeutet weniger Wasserverbraucher. Ebenso wie in der Vergangenheit zurückgegangene Tourismuszahlen.

Dies wird deutlich am Beispiel Bad Berneck. 2002 gab das Wasserwerk I rund 245 000 Kubikmeter Wasser ab. 2006 waren es nur noch 182 000 Kubikmeter. Zwischen diesen beiden Jahren liegt die Schließung des Siemenskurheims im Jahr 2004, damals der größte touristische Betrieb der Stadt. In Warmensteinach sank der Wasserverbrauch von 170 000 Kubikmeter (1997) fast um die Hälfte auf 87 000 Kubikmeter 2014. In den Jahren dazwischen schloss ein großes Hotel (Sonnenbichl), zwei Großbetriebe (Frankonia, Peukert) und die Brauerei Traßl. Und die Einwohnerzahl nahm ab von 2609 (1997) auf 2148 (2014). Entsprechend ist die Wasserpreisentwicklung: er stieg von rund 85 Cent (1998) auf aktuell 2,50 Euro.

Zurückgehender Wasserverbrauch hat aber auch noch andere Folgen: Der Wasserdurchsatz im Leitungsnetz sinkt, die Gefahr von Verkeimung steigt. Dies lässt sich theoretisch durch das Einziehen kleinerer Rohre (Inliner) abwenden. Doch dann könnte im Brandfall nicht genügend Wasser aus den Leitungen kommen: Kommunen könnten gezwungen sein, längst aufgegebene Löschwasserteiche wieder zu errichten.

Wasserpreis: Wasser ist kein verarbeitetes Produkt, es gibt keine direkten „Herstellungskosten“, die in unmittelbarem Bezug zur Menge stehen. Kosten im Wasserversorgungsbereich sind im Wesentlichen Betriebs-, ferner Investitionskosten, die unabhängig von der Wassermenge anfallen. Der Verbraucher zahlt im eigentlichen Sinne nicht das Wasser selbst, sondern den Betrieb der Versorgungsanlage. Die individuell verbrauchte Wassermenge ist lediglich der Maßstab für die Abrechnung. Heißt: Selbst wenn die Kosten in der Wasserversorgung stabil sind, müssen die Preise steigen, wenn die Wassermenge sinkt.

Was ist zu tun? Man könnte den Anstieg der Wasserpreise stark bremsen, in dem man Investitionen nur noch über Verbesserungsbeiträge finanziert, die Haus- und Grundeigentümer zahlen müssen. Doch da kommen schnell vierstellige Beträge für den Einzelnen zustande. Hümmer nennt die Frage „Gebühr oder Beitrag“ die Wahl zwischen „Pest und Cholera.“ Hohe Beitragszahlungen oder hohe Gebühren: Beides befeuert den Teufelskreis aus zurückgehenden Bevölkerungszahlen, fallenden Immobilienwerten und steigenden Infrastrukturkosten.

Für Hümmer führt an staatlichen Zuschüssen kein Weg vorbei: Und zwar nicht mit der Gießkanne über das ganze Land verteilt oder per Härtefallregelung. Sondern mit einer Förderkulisse die demografische wie geografisch-geologische Aspekte berücksichtigt. Letztere deshalb, weil die Verlegung von Wasserleitungen in felsigem oder karstigem Grund um ein Vielfaches teurer sei als in anderen Gegenden Bayerns, wo Wasserleitungen teils im zeit- und geldschonenden Pflügeverfahren verlegt werden können.

Hümmer, der auch stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft kommunaler Wasser- und Abwasserunternehmer in Franken ist, sitzt derzeit an einem interessanten Pilotprojekt: In der Nördlichen Frankenalb investieren 21 Unternehmen gemeinsam, arbeiten zusammen; acht Millionen Euro werden die nächsten zwei Jahre investiert, drei Millionen Euro Zuschuss gibt das Finanzministerium als Lohn für die Kooperation. „Wir hätten gedacht, dass dieses Pilotprojekt seinen Niederschlag in einer allgemeinen Förderkulisse findet.“ Doch danach sieht es eher nicht aus. Es läuft auf eine Härtefallregelung hinaus, die rückwirkend zum 1. Januar in Kraft treten soll. Dabei sollen „diejenigen kommunalen Einrichtungsträger unterstützt werden, bei denen die Umlage der Sanierungskosten auf Gebühren und Beiträge zu unzumutbaren Belastungen der Anschlussnehmer führen würde“, so Alexander Mayer, stellvertretender Pressesprecher des bayerischen Umweltministeriums. Die angedachten 40 bis 50 Millionen Euro sind für Hümmer angesichts des Investitionsstaus in der Branche „ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Hausgemachte Versäumnisse: Wahr ist aber auch: Viele Kommunen – auch und gerade Bad Berneck und Warmensteinach – haben Investitionen versäumt, als der Freistaat, anders als heute, noch hohe Zuschüsse zahlte. „Zuständig für den Betrieb und Erhalt der öffentlichen Wasserversorgung und Abwasseranlagen sind die Kommunen. Der Freistaat hat die Investitionen der Kommunen in den letzten 60 Jahren mit Zuwendungen in Höhe von 11 Milliarden Euro unterstützt“, so der Sprecher des bayerischen Umweltministeriums.