Winnetou verstaubt im Keller

Ein Regal mit Karl Mays Werken im Bamberger Verlag. Der Autor galt als meistgelesener Schriftsteller deutscher Sprache. Er wurde vor 175 Jahren geboren. Foto: red

Von der Kugel eines Feindes tödlich getroffen, sinkt Winnetou in die Arme seines Blutsbruders Old Shatterhand und haucht die letzten Worte: „Winnetou ist ein Christ. Lebe wohl!“ Ein „Lebe wohl“ möchte man auch Karl May zurufen, dem Autor, der als der meistgelesene Schriftsteller deutscher Sprache gilt. 175 Jahre nach Mays Geburt stehen die berühmten grünen Bände im Lager der Stadtbibliothek – ungenutzt, nahezu vergessen.

Wie denn aktuell die Nachfrage nach Karl Mays Werken sei, will der Kurier von Jörg Weinreich wissen. Der Leiter der Bayreuther Stadtbücherei muss erst einmal den Computer befragen: „Die Ausleihzahlen gehen gegen Null. Selbst die berühmten Bände Winnetou I bis III werden nicht mehr nachgefragt.“ Lediglich Hörbücher und Filme würden vereinzelt noch ausgeliehen: „Dass jemand gezielt nachfragt, das passiert praktisch nicht mehr.“ Seit der Verfilmung „Der Schuh des Manitou“ sei Karl May „kein echtes Thema mehr“, sagt Weinreich.

Alte Helden greifen wieder ein

Woran liegt das Desinteresse? Bei Kindern und Jugendlichen komme es auf die „Gesprächsthemen der Peer Group an“, sagt Weinreich. Soll heißen: Was Freunden und Mitschülern wichtig ist, dafür interessiert man sich auch selbst. Der klassische Western sei als Jugendthema ohnehin nicht mehr so bedeutend wie in früheren Generationen. „Es gibt aber immer noch Titel, aus den Großes wird, „The Revenant“ ist so ein Beispiel. Oder andere Filme, die ich als Post-Western bezeichne: Darin geht es um alt gewordene Helden, die wieder eingreifen müssen“, sagt Weinreich.

Vestaubter Stil, antiquierte Sprache

Ein Hindernis für moderne Leser sei sicher Mays Stil. Seine veraltete Sprache, aber auch die Aufmachung der Bücher mit kleiner Schrift und eng bedruckten Seiten könnten heute abschreckend wirken. Denn das Interesse vieler Menschen an fremden Kulturen und Reisebeschreibungen sei noch groß. Zwar habe sich etwa der Nahe Osten gegenüber Karl Mays Reisebeschreibungen völlig verändert, so dass „gar nichts mehr passt“. Insgesamt wünschten sich Leser aktuelle Themen, sagt Weinreich: „Moderne Thriller haben ein ganz anders Spannungsniveau als Karl May. Insgesamt stellen wir fest, dass die Unterhaltungsliteratur extremer geworden ist. Um die Leser zu erreichen, muss ein Autor alles ein bisschen hochschrauben. Viele Konsumenten scheinen durch das Fernsehen abgestumpft zu sein.“

Für den Flohmarkt

Wenn das alles nicht mehr passt, was geschieht dann mit den Karl May-Büchern im Keller des RW21? „Deutsche Klassiker können sie nicht rauswerfen. Wir müssen überlegen, ob es noch Sinn hat, sie aufzuheben.“ Möglicherweise könnten die Bände beim nächsten Bücherflohmarkt einen neuen Liebhaber finden.

Richtschnur fürs Lesen fehlt

Wie wichtig sind denn die Klassiker heute noch? Weinreich: „Es gibt natürlich Bücher, die man haben sollte, auch wenn sie selten gelesen werden. Jean Paul ist so ein Beispiel.“ Einen verbindlichen Literaturkanon gebe es nicht mehr: „Seit Marcel Reich-Ranicki tot ist, gibt es niemanden mehr, der uns vorschreibt, was wir lesen sollen.“ Vieles von dem, das heute neu erscheine, sei Verbrauchsliteratur, sagt Weinreich. Das sei wenig spannend und oft von früher her bekannt: „Ein Klasssiker hat grundlegende Bedeutung für die großen Themen, die die Menschen bewegen.“ Er verstehe es aber auch, „wenn Menschen einfach nur Unterhaltung wollen“.

 

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