Sind wir nicht alle froh, wenn wir nicht zu einem Unfall kommen, in den ein Motorradfahrer verwickelt ist? Wer ist nicht verunsichert darüber, was als Erstes zu tun ist? Dabei ist die Reaktion des Ersthelfers so entscheidend.
Acht tödliche Motorradunfälle zählte die Polizei im Vorjahr in Oberfranken. Und so steht auch bei der 16. Motorradsternfahrt in Kulmbach das Thema Sicherheit an erster Stelle. Wie ein Motorradfahrer geborgen wird, der unter ein Auto rutscht, zeigten Rettungskräfte am Mittwochabend auf dem Gelände der Kulmbacher Brauerei.
Sind wir nicht alle froh, wenn wir nicht zu einem Unfall kommen, in den ein Motorradfahrer verwickelt ist? Wer ist nicht verunsichert darüber, was als Erstes zu tun ist? Dabei ist die Reaktion des Ersthelfers so entscheidend.
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Die Kulmbacher Brauerei entwickelte als Veranstalter der Motorradsternfahrt einen „Mitmachparcours“ mit einem Unfallszenario. Gestern war die Generalprobe.
Weil das Angebot an den beiden Sternfahrttagen im vergangenen Jahr so gut angekommen ist, wird es in diesem Jahr bei der 16. Motorradsternfahrt am 23. und 24. April wiederholt, erklärt Organisator Michael Schmid. Allerdings ist die Szenerie eine andere: Diesmal wird gezeigt, wie ein Motorradfahrer unter einen Pkw rutscht und aus dieser Situation gerettet wird.
Bei Unfällen prallen Motorradfahrern genauso aufrecht sitzend mit dem Helm gegen die harte Karosserie und verunglücken schwer. Was ist aber, wenn der Fahrer schon vor dem Zusammenstoß stürzt und unter dem Auto liegen bleibt? Denn: „Durch den Kontakt mit dem Unterboden und der Auspuffanlage entstehen besonders starke Verletzungen“, weiß Dekra-Sachverständiger Stefan Luther.
Hebekissen schafft Freiraum
Die Feuerwehr verwendet in so einem heiklen Fall ein sogenanntes Vetter-Hebekissen. "Ein gängiges und wichtiges Hilfsmittel", sagt Heinrich Poperl, Stadtbrandinspektor und Kommandant der Kulmbacher Feuerwehr. Mit Hilfe des aufpumpbaren Hebekissens kann das Unfallfahrzeug angehoben werden. Außerdem stabilisieren die Feuerwehrmänner das Auto mit Holzblöcken, die sie unterlegen. Das dauert einige Minuten. Aber so viel Zeit muss sein, findet Poperl, damit keine Fehler unterlaufen.
Dann kommen die BRK-Sanitäter zum Zug: Sie holen die Verletzten vorsichtig mit einem gelben Spineboard unter dem Auto hervor. "Ihr Kopf darf sich so wenig wie möglich bewegen", warnt BRK-Bereitschaftsleiter Maximilian Türk. Während einer den Kopf am Nacken festhält, zieht der andere Sänitäter mit minimalen Bewegungen den Helm vom Kopf des Unfallopfers. Sofort wird ihr eine Halskrause angelegt. "Die bleibt so lange dran, bis im Krankenhaus die Röntgenaufnahmen abgeschlossen sind und sicher ist, dass keine Verletzungen vorliegen." Im umgekehrten Fall bleibt sie bis zum Beginn der OP am Hals des Patienten. Brüche von Wirbelsäule, Hüfte oder Beinen oder Querschnittslähmungen können die Folge des Unfalls sein.
Gutachter Luther wird zirka 30 bis 50 Mal im Jahr zu Motorradunfällen gerufen. "Meistens sind es schwerere Unglücke", sagt er, "bei denen mit dem Ableben des Verletzten zu rechnen ist." Nach der Bergung beginnt seine Arbeit: die Rekonstruktion des Unfallhergangs. Welche Spuren sind noch auf der Straße zu sehen? Wo liegt das Opfer? Die Hauptursachen für Motorradunfälle sind in seinen Augen mangelnde Fahrpraxis zum Saisonstart, gepaart mit überhöhter Geschwindigkeit, und die fehlende Aufmerksamkeit der anderen Verkehrsteilnehmer. Sehr gefährlich sei, wenn der Motorradfahrer auf einen harten Gegenstand pralle. Das könne eine Leitplanke oder ein Baum sein.
Nach Angaben von Polizeisprecher Alexander Czech sind im Vorjahr acht Menschen in Oberfranken bei Motorradunfällen verunglückt. 494 Verletzte habe die Polizei registriert bei 536 Motorradunfällen insgesamt. "Wir wissen, dass mehr als die Hälfte aller Unfälle von den Motorradfahrern selbst verursacht werden", sagt Czech. "Viele müssen sich an die eigene Nase fassen und besser und vorausschauender fahren." Viele seien zum Saisonstart im Frühling nicht genug vorbereitet. Kritisch sei vor allem das Kurvenfahren. Czech rät daher zu einem kostenlosen Fahrsicherheitstraining beim Landesverband der Bayerischen Fahrlehrer. "Auch für die motorisierten Polizisten ist das Pflicht." Bei der 16. Motorradsternfahrt werden 80 Polizisten aus 13 Ländern erwartet.
Expertentipps für Motorradfahrer
Bevor Motorradfahrer ihre Maschine nach dem Winter aus der Garage holen und losbrettern, sollten sie bestimmte Sicherheitsaspekte beachten. Experten des Landesverbands der Bayerischen Fahrlehrer, der Polizei, der Dekra, dem Tüv Süd und für Motorradzubehör geben fünf wichtige Tipps.
1. Motorrad ausmotten:
Das heißt: Das Motorrad reinigen, jedoch nicht unbedingt mit Hochdruckreiniger (schadet Lager, Sicherungen, Schalter). Beim Waschen das Motorrad auf undichte Stellen kontrollieren.Die Flüssigkeitsstände, Batterie und Beleuchtung prüfen.
2. Reifen überprüfen:
Das heißt: Liegt die Profiltiefe noch bei mindestens 1,6 Millimetern? Sind Profil, Flanken und Ventilkappen okay? Passt der Reifendruck? Und: Länger als sechs Jahre sollten Motorradreifen nicht gefahren werden.
3. Bremsen untersuchen:
Das heißt: Auf undichte Stellen achten und den Bremsverschleiß beurteilen. Die Bremsflüssigkeit alle zwei Jahre wechseln – selbst oder in einer Fachwerkstatt.
4. Fahrerausrüstung durchschauen:
Das heißt: Ist die Kombi vollständig (Thermounterwäsche, Nierenschutz, Helm)? Wie alt sind Helm und Visier? (hat es Kratzer?)
5. Tücken der ersten Ausfahrt beachten:
Das heißt: Nicht gleich ans Limit gehen! Auf Frostschäden und Reste von Rollsplitt auf der Fahrbahn achten (besonders gefährlich in Kurven, beim Bremsen und Beschleunigen). Damit rechnen, dass ein Motorradfahrer wegen der kleineren Silhouette von anderen im Verkehr leicht übersehen wird.⋌red