Wie langjährige Anwohner den Abriss der Häuser in der Unteren Herzoghöhe erleben GBW: Der Abriss der alten Heimat

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Hannelore Weingut schaut von ihrer neuen Wohnung aus auf das Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Der bagger arbeitet sich gerade durch die ehemalige Wohnung ihrer Mutter. Foto: Eric Waha Foto: red

In der Von-Platen-Straße knirscht und knackt es. Mit chirurgischer Präzision, aber großem Lärm, arbeitet sich ein Bagger von oben durch das Haus mit der Nummer 9. Eines von mehreren Häusern aus der Von-Platen- und der Fröbelstraße, deren Zeit jetzt gekommen ist. Die Gemeinnützige Bayreuther Wohnungsbaugesellschaft (GBW) reißt ab, was "schon vor 30 Jahren weggehört hätte". Anwohner verfolgen den Abriss von ihren neuen Wohnungen aus.

Für 25 Millionen Euro wird in zwei Bauabschnitten das Quartier neu bebaut. Die Bewohner, die in den Häusern gewohnt haben, die jetzt verschwinden, sind zum Teil innerhalb des Viertels umgezogen. Eine von ihnen: Hannelore Weingut. Ihre Geschichte und ihre Verbindung zu den Häusern in der Von-Platen-Straße ist eine besondere.

"Mein Wohnzimmer ist schon weg"

Hannelore Weingut steht am Fenster ihrer Wohnung in der Von-Platen-Straße 6. Sie wohnt im ersten Stock. Wie bislang auch schon im Haus gegenüber. "Mein Wohnzimmer ist schon weg", sagt sie. In dem Moment des Gesprächs mit unserer Zeitung arbeitet sich der Bagger durch die Reste der Wohnung, in der Hannelore Weingut aufgewachsen ist. "1940 sind wir eingezogen in diesem Haus." Erstbezug war das damals. Die Häuser, die zwischen 1938 und 1940 "in Einfachbauweise gebaut" worden sind, wie die GBW es nennt, waren da gerade fertiggestellt. "Meine Mutter hat immer gesagt, sie hat noch den Maurersdreck rausgekehrt." Sie selbst kann sich an den Einzug nicht mehr erinnern. "Dazu war ich zu klein." Ein Jahr vorher ist sie auf die Welt gekommen.

Sie lebte dort, bis sie heiratete

Hannelore Weinguts Vater ist im Krieg gefallen. Die Mutter und die beiden Kinder bleiben in der Wohnung im Kreuz. "Ich habe dort gewohnt, bis ich geheiratet habe. Sogar die Hochzeit haben wir in der Wohnung gefeiert. Das war damals halt so", sagt Hannelore Weingut. Zwischen 1960 und 1995 lebt und arbeitet Hannelore Weingut in Obernsees, betreibt mit ihrem Mann ein Friseurgeschäft. Dann zieht sie wieder in die Stadt, in die Wohnung über ihre Mutter. "Das sind auch schon wieder 22 Jahre, dass ich wieder zurück bin", sagt sie. "Mir passt's hier." Die Nahversorgung sei vergleichsweise einfach. Bäcker und Metzger gibt es noch im Kreuz. Der Weg zum nächsten Supermarkt ist überschaubar. Arzt und Apotheke sind nicht weit weg. Bushaltestellen gibt es ebenfalls in der Nähe. "Es ist zwar ein ständiges Kommen und Gehen durch die vielen Studenten, die hier wohnen", aber die Gemeinschaft sei durchaus in Ordnung. "Und: Die Leute kümmern sich auch um die Wohnungen. Wenn man mal ein Problem hat, sind sie schnell da", sagt Hannelore Weingut.

Die Maler sind gerade raus, als die Nachricht vom Abriss kam

Als sie die Nachricht bekommen hat, dass die GBW die Häuser abreißen wird, war sie allerdings nicht besonders erfreut. "Ich war sauer. Kurz vorher hatte ich den Maler da. Und dann kommen die uns sagen, sie reißen ab." Hannelore Weingut ist die erste Mieterin, die eine neue Wohnung bezieht, als die Umzugswelle beginnt. Und sie nimmt ihren Nachbarn gleich mit. Stefan Heimann wohnt unter ihr. Im gleichen Haus. Mit ihm habe sie sich immer schon gut verstanden, sagt sie. "Ich fühle mich hier in meiner neuen Wohnung genauso wohl wie drüben", sagt Hannelore Weingut. Hinter dem Haus gibt es eine kleine Loggia, die ihr Vormieter gebaut hat. Dort sitzt sie im Sommer gern. Fast wie ein kleiner Garten, der von der Straße aus nicht zu sehen ist. Statt Balkon. Denn den gibt es bei den alten Häusern nicht.

Interesse statt Wehmut

Den Abbruch verfolgt sie oft von ihrem Fenster aus. Mit Interesse, nicht mit Wehmut. "Ich bin nicht der Mensch, der etwas nachtrauert. Ich kann ja hier wohnen." Wenn ihr Mann noch leben würde, der würde sicher auch die eine oder andere Stunde am Fenster stehen und den Abriss verfolgen, sagt sie. "Staub und Dreck halten sich in Grenzen. Die räumen auch immer blitzsauber auf. Da kann man fast vom Boden essen." Dass irgendwann Altes Neuem weichen muss, das sei "doch ganz normal", sagt Hannelore Weingut.  Noch einmal umziehen in die neuen Häuser, wenn die ab 2018 fertig sind, will sie nicht. "Dann bin ich fast 80. Da ziehe ich nicht mehr um."  

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