Wie bekommt ein Waldbauer sein Holz eigentlich aus dem Wald? Ein Baum steht dem Holz im Weg

Von Thorsten Gütling

„Der Baum muss weg“, sagt Rainer Vogel. Ein Bergahorn, kerzengerade gewachsen, nur wenige Äste, ein weißer Ring um den Stamm. Letzteres deutet darauf hin, dass der Baum dicker werden, viele Samen abwerfen, und eines Tages gutes Geld einbringen soll. Die Bayerischen Staatsforsten, denen der Baum gehört, würden ihn daher gerne stehen lassen. Aber Rainer Vogel sagt: „Wegen dem Baum komme ich nicht an mein Holz.“ Hundert bereits gefällte, kräftige Stämme, liegen nur wenige Meter entfernt. In Vogels Waldstück.

Waldbauer Rainer Vogel bleibt auf seinem Holz sitzen. Weil der Bayerische Staatsforst einen Ahornbaum nicht fällen will. Das aber müsst er. "Anders", sagt Vogel, "komme ich nämlich nicht an mein Holz". Foto: Ronald Wittek Foto: red

Das Problem: Um an sein Holz im Wald bei Tannenbach zu kommen, muss Vogel durch den Staatsforst. 20 Meter lang sind die Stämme, für die er bereits einen Käufer gefunden haben will. Der Holztransporter, der die Stämme wegbringen soll, kommt aber nicht ran ans Holz. Mit Führerhaus und Ladung ist der Wagen rund 26 Meter lang. Zu lang, um im Wald rangieren zu können. Einige Bäume hat Försterin Sabine Schulze deshalb schon geschlagen. „Darunter eine Fichte, die sowieso demnächst weg gemusst hätte“, sagt Fritz Maier, Gebietsleiter bei den Bayerischen Staatsforsten in Nordhalben im Landkreis Kronach. Darunter aber auch Bäume, die noch einige Jahre hätten wachsen können. Und für die die Staatsforsten dann mehr Geld bekommen hätten. „Hätten sie sich alles sparen können“, sagt Vogel. Denn: Der Ahorn steht im Weg.

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"Wie bekomme ich mein Holz aus dem Wald?"

„Man muss sich eben überlegen: Wie bekomme ich mein Holz aus dem Wald?“, entgegnet Maier. Vogel hätte demnach zwei Optionen: Er könnte seine Stämme kürzen, damit der Holztransporter kürzer würde und um den Ahorn herum rangieren könnte. Drei bis vier Meter Holz müsst er wohl von jedem Stamm absägen, schätzt Vogel. „Ein Wertverlust, der in keinem Verhältnis zum Wert des Ahorns steht“, sagt Vogel und rechnet mit rund 1000 Euro, die ihm dann fehlten. Kann sein, dass das Sägewerk für das Holz dann weniger zahle, gibt Gebietsleiter Maier zu. Vogel könnte ja aber auch größere Teile absägen, dann wäre der Wertverlust geringer. Mit Längen unter sieben Metern könnten die Werke schließlich weniger anfangen. Und Wertverluste habe der Staatsforst aufgrund der bereits gefällten Bäume auch.

"Das würde mich eineinhalb Tage kosten“

Option zwei: Vogel rückt noch einmal mit dem Traktor an und schleppt die Stämme auf den nahe gelegene Forstweg. Vielleicht 30 Meter entfernt. „Das würde mich eineinhalb Tage kosten“, sagt Vogel, der selbstständige Koch, der in Oberwaiz die Gaststätte Vogel betreibt. Zeit, die er nicht habe. Vogel bleibt daher dabei: Der Ahorn muss weg.

"Den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht"

Nach drei Wochen stimmt Maier schließlich zu und beauftragt Forstwirte damit, den Baum zu fällen. Weil gerade im Wald der kleinere Bauer eben oftmals ohne Hilfe des Größeren Probleme habe. Und weil man ein guter Nachbar sein wolle. Dass der Staatsforst damit einen Präzedenzfall schafft, dem andere nacheifern, glaubt Maier nicht. Im Gegenteil: Vogel soll die Arbeit und den Baum bezahlen. 15 Euro pro Quadratmeter Holz. Maier sagt: „Vogel hat einfach den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. Aber die Waldbauern sollen merken: Mit denen kann man reden. Nur besser von Anfang an.“