Einen Schwerpunkt in der Berufswelt von 1972 bildete der Kulmbacher Einzelhandel. Es gab viele Angebote für einen Ausbildungsplatz in der Branche. Das Lederwaren-Geschäft Flanderka in der Langgasse suchte „Lehrmädchen zur Ausbildung als Verkäuferin“. Ein paar Haustüren weiter warb das KDM um „junge, aufgeweckte Menschen“ für die Lehrstellen in Verkauf, Verwaltung, Büro und Dekoration. „Unser Haus ist der Beginn einer erfolgreichen und krisenfesten Berufslaufbahn“, schrieb das KDM. Sofort nach dem Abschluss der Lehre werde den Mitarbeitenden eine gut bezahlte Position geboten.
„Verkäuferin ist ein interessanter Beruf“, verkündete ebenfalls in der Langgasse das Haushaltswarengeschäft Louis Dörnhöfer. „Noch interessanter wird der Beruf in einer Branche, die einer zukünftigen Hausfrau liegt. Bescheid wissen über die neuesten technischen Errungenschaften der Küche, über moderne Gläser, gediegenes Porzellan und raffinierten Tisch- und Heimschmuck.“ Die damalige Werbung führt uns heute vor Augen, wie die Geschlechterrollen vor 50 Jahren definiert waren.
Ob die Arbeit im Fotostudio etwas für weibliche oder männliche Auszubildende ist, darüber waren sich die Kulmbacher Betriebe im Jahr 1972 nicht so ganz einig. Foto Bleyl suchte Fotografinnen und Fotografen sowie Arbeitskräfte im Verkauf, egal welchen Geschlechts. Nur bei der Fotolaborantin sollte es für Bleyl eine Frau sein. Lichtbild Tichi stellte ausschließlich intelligente Mädchen ein, die Fotografin oder Fotolaborantin werden wollen.
Die Fleischerinnung Kulmbach-Stadtsteinach suchte 1972 einerseits Fleischer und andererseits Fleischerei-Verkäuferinnen. Letzterer sei „ein wirklich typischer Frauenberuf“, schrieb die Innung und versprach den Bewerberinnen eine „umfassende Ausbildung im Verkauf und im Herrichten appetitlicher Aufschnittplatten“. Reine Männersache waren der Metallbau und die Bauschlosserei und ebenso die Tätigkeit in der Weberei bei der Kulmbacher Spinnerei.
Für das Kulmbacher Bekleidungswerk Adolf Krebs spielte das Geschlecht keine Rolle. Alle sollen „die Stütze eines modernen und fortschrittlichen Betriebes von morgen sein“, hieß es in der Stellenausschreibung. Heute wissen wir, dass die Firma Krebs ebenso wie zahlreiche andere Firmen mit dem Fortschritt doch nicht mithalten konnte. Im Laufe der Jahre sind viele Ausbildungsbetriebe verschwunden.