Wenn sich Geschichte nach 50 Jahren wiederholt Historischer Kampf um die Azubis

Stefan Linß

Vor 50 Jahren werben Betriebe im Kulmbacher Land fast verzweifelt um Lehrlinge. Ihr Versprechen von einem Beruf mit Zukunft können nicht alle halten.

Mit plakativen Botschaften warben die Firmen 1972 um junge Leute. Die Kulmbacher Textilfirma Hasso suchte mit dieser Anzeige nach Lehrlingen. Foto: /Linß

In der bundesdeutschen Wirtschaft herrschte Vollbeschäftigung. Es gab Lehrstellen wie Sand am Meer. Im Jahr 1972 war es hart für die Unternehmen, genug Nachwuchskräfte zu finden. Der Mangel an Personal war auch in Oberfranken enorm. Im Kampf um die Gunst der jungen Leute machten die Firmen mit vollmundigen Versprechungen auf sich aufmerksam. In Werbeanzeigen haben Betriebe aus dem Kulmbacher Land ihre Ausbildungsstellen angepriesen und verheißungsvolle Worte verwendet. Das Kulmbacher Stadtarchiv hat die Anzeigen aufbewahrt.

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Erich Olbrich kennt als Mitarbeiter des Stadtarchivs nicht nur die Anzeigen von damals. Er hat vor 50 Jahren selbst seine Lehre begonnen und erinnert sich gut an die Zeit. „Alle Firmen haben dringend Leute gesucht“, sagt Olbrich im Gespräch mit unserer Zeitung. Wer sich im Anschluss an die Schule nach einem Beruf umschaute, hatte die Qual der Wahl.

Industrie, Handwerk oder lieber doch zur Bundesbahn? Erich Olbrich standen in jungen Jahren viele Wege offen. Er ist in Presseck aufgewachsen und hatte auch an seinem Heimatort etliche Möglichkeiten. Die Textilindustrie im Frankenwald boomte. Ob es eine Branche mit verheißungsvoller Zukunft sein wird, konnte 1972 noch niemand sagen.

Olbrich liebäugelte eigentlich mit dem Beruf des Automechanikers. „Mein Lehrer hat mir abgeraten. Er hat gesagt, die Technik wird sich überholen und Automechaniker haben keine Zukunft.“ Der junge Pressecker glaubte seinem Lehrer und entschied sich für eine Lehre als Schreiner. Während der Ausbildung holte er an der Abendschule die Mittlere Reife nach. Anschließend verpflichtete er sich bei der Bundeswehr, ehe er später bei der Stadt Kulmbach anfing.

Egal, welchen Karriereweg die jungen Leute damals gewählt haben. Für alle war es ein gutes Gefühl, Chancen zu haben und gebraucht zu werden.

Die Marktleugaster Fahnenfabrik Eleonore Meinel suchte 1972 für das neue Ausbildungsjahr „volksschulentlassene Talente“, die sich vorstellen können, als weibliche oder männliche Musterzeichner, Grafiker und Kartenschläger einen „konkurrenzlosen Zukunftsberuf“ zu ergreifen.

Nach der dreijährigen Lehrzeit werden feste Arbeitsplätze bei bester Bezahlung zugesichert, stand in der Annonce. Nicht nur die Berufe im Karosseriebau oder in der Heizungs- und Sanitärbranche wurden als zukunftssicher angepriesen. Unter der Überschrift „Ein Beruf mit Zukunft“ warb die Strickwarenfabrik Kurt Oehme aus Bindlach unter anderem für ihre Standorte in Trebgast und Mannsflur um angehende Industrienäherinnen zur Herstellung von Bademoden sowie um Zuschneiderinnen und Stricker.

Brauer und Mälzer galt ebenfalls als ein „Beruf für die Zukunft“. Das betonten die vier Kulmbacher Brauereien EKU, Mönchshof, Reichelbräu und Sandler. Wenn sich ein Beruf seiner Krisenfestigkeit rühmen könne, dann sei das der traditionsreiche Brauberuf, hieß es in der Werbeanzeige von 1972. An dieser Krisenfestigkeit in Vergangenheit und Gegenwart werde auch die Zukunft nichts ändern.

Die Firma Hasso im Kulmbacher Industriegebiet Goldenes Feld stellte angehende Näherinnen, Schneiderinnen und Industriekaufleute ein. „Komm zu Hasso!“, forderte die Anzeige im Comic-Stil die jungen Leute auf.

Nebenan versprach das Dressin-Werk den Weg in einen sicheren und aussichtsreichen Beruf. Die Kosmetikfirma bildete Industriekaufleute und Chemie-Laboranten aus.

Einen Schwerpunkt in der Berufswelt von 1972 bildete der Kulmbacher Einzelhandel. Es gab viele Angebote für einen Ausbildungsplatz in der Branche. Das Lederwaren-Geschäft Flanderka in der Langgasse suchte „Lehrmädchen zur Ausbildung als Verkäuferin“. Ein paar Haustüren weiter warb das KDM um „junge, aufgeweckte Menschen“ für die Lehrstellen in Verkauf, Verwaltung, Büro und Dekoration. „Unser Haus ist der Beginn einer erfolgreichen und krisenfesten Berufslaufbahn“, schrieb das KDM. Sofort nach dem Abschluss der Lehre werde den Mitarbeitenden eine gut bezahlte Position geboten.

„Verkäuferin ist ein interessanter Beruf“, verkündete ebenfalls in der Langgasse das Haushaltswarengeschäft Louis Dörnhöfer. „Noch interessanter wird der Beruf in einer Branche, die einer zukünftigen Hausfrau liegt. Bescheid wissen über die neuesten technischen Errungenschaften der Küche, über moderne Gläser, gediegenes Porzellan und raffinierten Tisch- und Heimschmuck.“ Die damalige Werbung führt uns heute vor Augen, wie die Geschlechterrollen vor 50 Jahren definiert waren.

Ob die Arbeit im Fotostudio etwas für weibliche oder männliche Auszubildende ist, darüber waren sich die Kulmbacher Betriebe im Jahr 1972 nicht so ganz einig. Foto Bleyl suchte Fotografinnen und Fotografen sowie Arbeitskräfte im Verkauf, egal welchen Geschlechts. Nur bei der Fotolaborantin sollte es für Bleyl eine Frau sein. Lichtbild Tichi stellte ausschließlich intelligente Mädchen ein, die Fotografin oder Fotolaborantin werden wollen.

Die Fleischerinnung Kulmbach-Stadtsteinach suchte 1972 einerseits Fleischer und andererseits Fleischerei-Verkäuferinnen. Letzterer sei „ein wirklich typischer Frauenberuf“, schrieb die Innung und versprach den Bewerberinnen eine „umfassende Ausbildung im Verkauf und im Herrichten appetitlicher Aufschnittplatten“. Reine Männersache waren der Metallbau und die Bauschlosserei und ebenso die Tätigkeit in der Weberei bei der Kulmbacher Spinnerei.

Für das Kulmbacher Bekleidungswerk Adolf Krebs spielte das Geschlecht keine Rolle. Alle sollen „die Stütze eines modernen und fortschrittlichen Betriebes von morgen sein“, hieß es in der Stellenausschreibung. Heute wissen wir, dass die Firma Krebs ebenso wie zahlreiche andere Firmen mit dem Fortschritt doch nicht mithalten konnte. Im Laufe der Jahre sind viele Ausbildungsbetriebe verschwunden.