Versagen als Mutter oder Vater - die Scham darüber ist groß, gilt die Bindung zwischen Eltern und Kind doch als etwas Ursprüngliches. Wie es zu solchen Krisen kommen kann, ist nicht mit einfachen Schuldzuschreibungen zu klären: «Eltern verursachen nie einseitig das Problem ihrer Kinder», sagt Jugendpsychiater Wilhelm Rotthaus. «Sie schaffen allerdings möglicherweise ungünstige Bedingungen für deren Entwicklung.» Bis 2004 leitete Rotthaus die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Viersen in Nordrhein-Westfalen.
Hohe Dunkelziffer
Das sogenannte Parent Battering - übersetzt aus dem Englischen etwa das «Fertigmachen» der Eltern - sei dort immer häufiger aufgetreten, berichtet Rotthaus. Zahlen dazu seien schwer zu erfassen. «Es gibt eine hohe Dunkelziffer. Aber nach international übereinstimmenden Schätzungen zeigen etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen ein derartiges Verhalten.»
Das Bundesamt für Statistik zählte für 2015 in Deutschland rund acht Millionen Familien mit minderjährigen Kindern. Demnach könnte das Problem in die Hunderttausende gehen.
Alle Schichten sind betroffen
Fachleute verweisen auch auf amerikanische Untersuchungen, wonach geschätzt um die zehn Prozent oder etwas mehr der Eltern Gewalterfahrungen mit dem Nachwuchs machen. Einig sind sich die meisten Experten, dass das Problem nicht auf bestimmte Gruppen begrenzt ist. «Aus meiner Übersicht kann ich sagen, dass dieses Phänomen in allen Gesellschaftsschichten auftritt», erläutert Rotthaus. Die Täter seien bis etwa zum 14. Lebensjahr Söhne und Töchter gleichermaßen. «Im späteren Alter überwiegend die Söhne.»
Vor allem der seelische Terror setze den Eltern zu. «Ich erinnere mich gut an eine Mutter, die sagte: "Dass meine Tochter mich schlägt, das ist nicht schön. Aber mit welcher Verachtung sie mir begegnet, das ist schrecklich".» Die Handlungen verstießen zu sehr gegen die generellen Vorstellungen von Elternschaft und Familie - ein Schock für beide Seiten.
"Meine Mutter war machtlos"
Eine einfache Wenn-Dann-Regel gebe es bei den Fällen aber nicht. Die Umstände, die zu der Situation führen, seien sehr individuell, betont Rotthaus. «Ich glaube, man darf nicht so sehr auf den Jugendlichen isoliert gucken.»
Hätten die Eltern beispielsweise selbst psychische oder körperliche Probleme, könnte das eine Eskalation fördern - es kommt zu einer Umkehr der Hierarchie. «Die oder der Jugendliche oder das Kind wird Chef der Familie», erläutert Rotthaus. Das Kind sei damit total überfordert. «Gleichzeitig ist die Rolle hochattraktiv, und man gibt sie nicht so leicht auf.»
Tobias (Name geändert) war auch so ein Familienchef. Der 14-Jährige sitzt in seinem Zimmer in einem Haus für betreutes Wohnen von Jugendlichen in Brandenburg. Die Einrichtung ist karg: ein blaues Bett und ein roter Spind. Auf dem Schreibtisch steht ein Bild: Tobias mit seiner Mutter und der kleinen Schwester. «Wir haben gestritten, ich bin ausgerastet, hatte keinen Bock mehr, auf sie zu hören. Ich habe ihr gesagt, dass sie mir nichts mehr zu sagen hat», erzählt der Berliner. Zugeschlagen habe er aber nie. Nur gedroht. «Meine Mutter war machtlos gegen mich.»
Oft fehlen Regeln und Grenzen
Seit Anfang des Jahres wohnt er hier mit anderen Jugendlichen. Ihre Geschichten klingen oft ähnlich: falsche Freunde, Drogen, keine Lust auf irgendwas, Ärger mit der Polizei. Bei dem 13-jährigen Marcel (Name geändert) hatte die alleinerziehende Mutter einen neuen Freund, mit dem der Junge aneinander geriet. «Wir haben uns auch geschlagen.»
In der Anlage in dem kleinen Brandenburger Dorf legen die Betreuer einen strengen Tagesablauf fest, fast wie bei der Bundeswehr. Dürfen die Jugendlichen am Wochenende oder in den Ferien nach Hause, fallen sie dann aber oft in alte Muster zurück: zu falschen Freunden, Drogen und Ärger mit der Polizei.
In der Wohngruppe dagegen müssen die Jungs regelmäßig in die Schule. Ihr Ziel ist der Hauptschulabschluss. In der Freizeit gehen sie Angeln, arbeiten im Garten oder gehen auch mal ins Kino. Sie wollen zum Beispiel Berufssoldat, Landschaftsgärtner oder Mechaniker werden.
Tobias bereut, was er getan hat
Was daheim schief ging, können die Teenager gar nicht genau sagen. Zu wenig Regeln? «Also, ich habe schon viel Unsinn gemacht, für den ich keine Bestrafung bekommen habe», sagt Tobias. Aber ganz ohne Konsequenzen sei es nicht gewesen - sonst säße er ja nicht hier. Er erzählt, sein Verhalten gegenüber seiner Mama tue ihm leid. Persönlich habe er ihr das aber noch nie gesagt.
Die Kinder und Jugendlichen seien mit der Situation oft genauso unzufrieden wie die Eltern, erläutert Psychologe Rotthaus. «Ich hatte beispielsweise ein Mädchen, das mir immer wieder erzählte, wie sehr sie darunter litt und dass sie das gerne ändern möchte.» Als dann die Eltern zur Sitzung hinzukamen, habe das Mädchen Mutter und Vater aber auf die übliche Weise beschimpft und niedergemacht.
Der Ausbruch aus dieser frustrierenden Lage ist schwierig. «Die Eltern denken, dass sie wahrscheinlich die einzigen in ganz Deutschland sind, denen sowas passiert», sagt Rotthaus. Je größer das Problem dann werde, desto mehr schotteten sich viele Eltern nach außen ab. Doch schon die Suche nach Hilfe sei ein wichtiger erster Schritt. Allerdings könne das die Lage auch nochmals zuspitzen. «Denn wenn sich die Eltern durchringen, zu Beratungsstellen zu gehen und die dann sagen, "Sie müssen mal Grenzen setzen" und die Eltern das dann versuchen, dann geht es erst richtig los.»
Es gibt auch anonyme Hilfsangebote
Trotzdem sei der Weg nach außen wichtig. Bei Problemen mit Gewalt spiele Geheimhaltung oft eine Rolle, sagt Rotthaus. «Die Aufhebung der Verschwiegenheit und Heimlichkeit ist etwas ungeheuerlich Wirksames.»
Erste Hilfe bei Familienproblemen leistet auch Thorsten K. von einem Computer aus. Der 50-Jährige möchte seinen richtigen Namen ebenfalls unter Verschluss halten, da seine Gespräche streng vertraulich sind. Er arbeitet bei der deutschlandweiten Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, kurz BKE. Im Postfach oder per Chat erreichen den Sozialpädagogen pro Woche in der Regel ein oder zwei neue Beratungsfälle. Manche Eltern möchten nicht mehr alleine zu Hause bleiben, weil sie Angst vor den Schlägen des Kindes haben.
Der Pädagoge hilft zumindest während der ersten Schritte. Und auch Jugendliche wenden sich an ihn. «In vielen Fällen ist das keine zielgerichtete Gewalt, sondern eine Verzweiflungstat», sagt der Berater. Die Jugendlichen und Kinder handelten aus völliger Ausweglosigkeit. Dass damit eine Grenze überschritten werde, sei seiner Meinung auch den verrohtesten Jugendlichen klar. Diese Gewalt sei ernster zu nehmen als das Zuschlagen von Kindern im Trotzkopfalter. «Das ist den Eltern aber bewusst.»
Martina will ihren Sohn nicht mehr zu Hause haben
Schreiben Mütter oder Väter der Online-Beratung, sollen sie innerhalb von 48 Stunden eine Antwort bekommen. In vielen Fällen mangelt es, wie Thorsten K. berichtet, an einem: an klaren Regeln. Bei Jugendlichen spiele oft auch Sucht eine Rolle. Nicht nur nach Drogen, sondern beispielsweise auch nach Videospielen. «Wenn die Eltern dann den Stecker ziehen, kann es zu Reaktionen wie bei einem Drogensüchtigen kommen.»
Die Eltern Martina und Emir hatten den Stecker gezogen. Und sie sind den wichtigen Schritt raus aus der Verschwiegenheit gegangen. Je mehr die Mutter über ihren Sohn spricht, desto sicherer wirkt sie - auch in ihrer Entscheidung, offen über das Vorgefallene zu reden. Sie möchte Nedim erstmal nicht wieder unter ihrem Dach haben, sagt sie. «Den Hass in den Augen, den will ich nicht mehr sehen.» Sie blickt nur immer wieder auf das Telefon. Und kann die SMS nicht löschen.
dpa