Leben nicht um jeden Preis Pflegeministerin Huml fordert: Mediziner, lasst Menschen gehen

Von Sarah Bernhard

Wenn es um die Themen Sterben und Tod geht, ist Melanie Huml (38) die richtige Adresse. Nicht nur, weil sie seit Oktober letzten Jahres bayerische Pflegeministerin ist. Sondern auch, weil sie sich schon in ihrer Zeit als Ärztin am Bamberger Klinikum für den Ausbau der Palliativmedizin in Bayern eingesetzt hat. Ein Gespräch über den Tod, aktive Sterbehilfe und Humls Vision für die Zukunft.

Pflegeministerin Melanie Huml beim Redaktionsgespräch im Juni 2013. Foto: Wittek Foto: red

Frau Huml, haben Sie Angst vor dem Sterben?
Melanie Huml:
Das ist eine schwierige Frage, man setzt sich ja nicht täglich damit auseinander. Aber wenn zum Beispiel im Bekanntenkreis jemand an einer Krebserkrankung verstirbt, der sogar noch ein paar Jahre jünger ist als ich, mache ich mir schon Gedanken. Oder ich überlege, was wäre mit meinem kleinen Sohn, wenn ich in einen Autounfall verwickelt werde? Ich bin ja oft mit dem Auto unterwegs. Aber dieser Gedanke ist nicht mein ständiger Begleiter.

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Haben Sie dieses Thema auch schon in der Familie besprochen?
Huml:
Ja, und das kam uns auch sehr zugute, als meine Großmutter einen schweren Schlaganfall hatte. Es war gut, dass alle wussten, sie möchte keine künstliche Ernährung, sondern sie möchte, dass wir sie gehen lassen. Für mich als Medizinerin war das nicht einfach, weil ich ja weiß, wie man noch helfen könnte . Aber es war ihr Wunsch und das haben wir respektiert. Sie war auf einer Palliativstation, ist da gut versorgt worden und durfte friedlich einschlafen.

Das Wissen um die Möglichkeiten der Palliativmedizin ist aber noch nicht überall angekommen: Eine Studie der Schwenninger Krankenkasse besagt, dass sich fast zwei Drittel der Deutschen Sorgen um die Zeit vor dem Tod machen.
Huml:
Der Umgang mit dem Sterben ist ein Thema, das viele weit von sich weg schieben und lieber nicht besprechen. Dabei geht es bei der Palliativmedizin gerade darum, dass man versucht, dem Patienten die Schmerzen zu nehmen. Ich erlebe immer wieder, dass Familien auf mich zukommen und sagen: Das, wovor meine Mutter oder mein Vater so Angst hatte, dass er alleine gelassen wird, dass er Schmerzen hat und keine Hilfe bekommt, diese Angst war auf der Palliativstation nicht mehr da. Bei denen, die Palliativmedizin und Hospizarbeit kennengelernt haben, geht auch der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe zurück.

Sie sagen immer wieder, dass Sie aktive Sterbehilfe ablehnen. Aber sollte nicht jeder Mensch das Recht haben, am Lebensende zu sagen: Ich mag nicht mehr?
Huml:
Die Frage ist: Wo fangen wir an und wo hören wir auf? Für mich gibt es bei der aktiven Sterbehilfe eine klare Grenze. Weil ich nicht will, dass jemand als Mensch das Gefühl hat, er könnte für die Gesellschaft Ballast werden, und deshalb diesen scheinbar einfacheren Weg wählt. Aber ich verstehe, wenn jemand sagt: Ich möchte, dass ihr mich gehen lasst. Aber die Lösung ist nicht aktive Sterbehilfe, sondern dass wir als Mediziner bereit sind, zu sagen: Ja, wir lassen euch sterben. Das ist der Unterschied.

Aber was ist zum Beispiel mit einem Mensch, der vom Hals abwärts gelähmt ist und sich nicht vorstellen kann, je wieder glücklich zu sein?
Huml:
Vor kurzem war ich auf einer Palliativstation in Niederbayern. Eine Ärztin wollte den letzten Wunsch einer Patientin erfüllen und hat alle ihre Patienten in den „Circus Krone“ eingeladen. Und Sie können sich nicht vorstellen, wie diese Menschen auf diesen Termin hin gelebt haben. Ich glaube, das ist eher der Ansatz: Wir sollten schauen, wie wir die Menschen auf ihrem letzten Lebensweg sinnvoll begleiten können. Auf Palliativstationen werden ja auch immer wieder Hochzeiten und Geburtstage gefeiert.

Der Tod als Teil des Lebens?
Huml:
Genau. Wir müssen viel stärker begreifen, dass das Sterben zum Leben dazugehört, dass es ein ganz natürlicher Teil des Lebens ist. Deswegen sage ich auch, dass man einen Menschen durchaus auch sterben lassen können muss, auch wenn man das nicht aktiv befördert, sondern ihn in seinen letzten Stunden betreut. Klar mag es die eine oder andere ganz extreme Situation geben. Aber ich halte es nicht für richtig, für diese Einzelfälle das Gesamtsystem aufzubrechen und die aktive Sterbehilfe als eine reale Möglichkeit anzubieten.

Wir haben kürzlich im Rahmen unserer Serie berichtet, dass der Freistaat in diesem Jahr 350 000 Euro in die Palliativversorgung investiert. Ein empörter Angehöriger fragte mich, warum das so wenig sei. Ich gebe die Frage weiter.
Huml: Weil es nicht die gesamte Fördersumme ist. Hospize fördern wir mit 10 000 Euro pro Bett, Palliativstationen fördern wir im Rahmen der Krankenhausförderung wie jede andere Krankenhausstation auch. Und die neuen SAPV-Teams, die spezialisierte ambulante Palliativversorgung zu Hause leisten, bekommen eine Anschubfinanzierung von 15 000 Euro. Die 350 000 Euro investieren wir in diesem Jahr rein in die ehrenamtliche Hospizarbeit.

Haben Sie eine Vision, wie es mit der Versorgung von Sterbenskranken weitergehen soll?
Huml:
Ich würde mir wünschen, dass es noch mehr SAPV-Teams gibt. Deswegen bin ich froh, dass neben Bamberg im Herbst auch Bayreuth ein solches Team bekommt. Aber auch die Vergütung von stationären Hospizen und Palliativstationen muss verbessert werden. Das ist etwas, worüber man auf Bundesebene reden muss - ich arbeite daran, dass wir das verstärkt ausbauen können.