Wenig Klarheit: Zwei Zeugen waren in der Tatnacht noch Kinder Biker-Prozess: Blasse Erinnerungen nach fünf Jahren

Von Heike Hampl

Die sechs Angeklagten schweigen zur Tatnacht. Die Zeugen widersprechen sich. Am Mittwoch kam wenig Klarheit in den Prozess gegen sechs Mitglieder des Motorradclubs Grave Diggers Bayreuth-Wunsiedel. Sie sollen Norbert P., den Präsidenten der Easyriders, zusammengeschlagen haben und ihm einen lebensgefährlichen Tritt verpasst haben.

Sechs Männer sitzen vor dem Bayreuther Schwurgericht auf der Anklagebank - sie sollen einen anderen Biker lebensgefährlich verletzt haben. Symbolfoto: Arne Dedert/dpa Foto: red

Manchmal, sagt der Vorsitzende Richter Michael Eckstein, wird die eigene Erinnerung zur Realität. Auch, wenn sie falsch ist. Damit nimmt Eckstein den 18-jährigen Zeugen in Schutz, der gerade im Zeugenstand von den Verteidigern zerlegt wird und dabei am ganzen Leib zittert. Ein Verteidiger ruft dem Zeugen gar zu: „Wollen Sie mich eigentlich verarschen?“

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Die Nacht - ein Trauma

Der Zeuge, Stiefsohn des Opfers, habe eine starke emotionale Bindung zum Opfer, sagt Eckstein. Die Tatnacht, als eine Gruppe Schläger sich vor seinen Augen auf den Stiefvater stürzte, als ein Täter laut sagte: „Dem mach ich jetzt die Lichter gar aus“, diese Nacht sei ein Trauma. Vor fünf Jahren war der Zeuge gerade 13 Jahre alt gewesen. Helfen konnte er seinem Stiefvater nicht – „ich sah das Blut spritzen und wie die Männer auf ihn eingetreten haben“, sagt er am Mittwoch vor Gericht.

Viele offene Fragen

Dabei dreht sich alles um die Frage: Wer hat was genau getan? Wer hat Pfefferspray gesprüht? Wer hat geprügelt? Wer hat getreten? Wer war an diesem Abend in Goldkronach überhaupt dabei? Und haben die Zeugen die Täter erkannt oder erst hinterher ihre Identität herausgefunden?

Angeklagte schweigen

Sechs Männer sitzen auf der Anklagebank, sechs bis acht sollen am Tatabend gesehen worden sein, zwei bis drei davon sollen erkannt worden sein. Den ganzen Mittwoch versucht das Gericht erneut, eindeutige Antworten zu bekommen. Der Stiefsohn des Opfers sagt, er habe drei Männer in der Tatnacht erkannt. Zu Beginn der Ermittlungen verwechselte er Spitznamen, kann nicht mehr genau sagen, ob er die Namen der Angeklagten schon zum Tatzeitpunkt wusste oder erst hinterher erfahren hat. Auch andere Dinge, die er vor Gericht aussagt, stimmen nicht mit der polizeilichen Vernehmung oder den Aussagen anderer Zeugen überein. Nachdem die sechs Verteidiger für jedes Wort des jungen Mannes nur mehr Kopfschütteln übrig haben, entlässt Richter Eckstein den Zeugen.

Er ruft dafür dessen Schwester auf. Sie war in der Tatnacht gerade elf Jahre alt. Heute betritt sie als 16-Jährige den Zeugenstand. „Ich kann mich an alles genau erinnern“, sagt sie. Zwei Jahre nach dem brutalen Angriff musste die junge Frau in psychologische Behandlung. Sie litt unter Schlaflosigkeit und sogenannten Flashbacks – das Geschehen tauchte also immer wieder vor ihrem inneren Auge auf. Sie ist sich sicher: Zwei Männer, die jetzt auf der Anklagebank sitzen, waren bei der Tat dabei. Ob sie getreten, geprügelt oder Pfefferspray gesprüht haben, habe sie aber nicht gesehen. Einen Mann erkenne sie deswegen genau, weil er sie am Arm gepackt und weggestoßen habe, als sie ihre Mutter vor den Schlägern beschützen wollte. „Mein Arm war danach blau“, sagt die heute 16-Jährige.

Sind fünf Jahre zu lang?

Auch die Ehefrau des Opfers sagt aus, sie hatte ihre Vernehmung bereits einmal angebrochen. Sie könne sich nicht mehr genau erinnern, wie man ausgerechnet auf die sechs Angeklagten gekommen sei. Zwei oder drei habe sie erkannt, die anderen habe man ihr hinterher genannt, nachdem sie quasi eigene Ermittlungen angestellt hatte. Sie wirbt um Verständnis für die unklaren Aussagen: „Das Ganze ist doch jetzt fast fünf Jahre her.“

Der Prozess am wird am kommenden Dienstag fortgesetzt.