Frankfurt/Main - Den weltweiten Ruhm als Schriftstellerin hat Anne Frank, die am 12. Juni ihren 90. Geburtstag feiern würde, nie erlebt. Das jüdische Mädchen aus Frankfurt, das im Versteck der Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam sein berühmtes Tagebuch schrieb, starb 1945 an den Folgen von Hunger, Krankheit und unmenschlichen Lebensbedingungen im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Die Unesco nahm das Tagebuch in die Liste des Weltdokumentenerbes auf. Am Mittwoch (8. Mai) erscheint auf dem deutschen Buchmarkt eine Sonderausgabe des Tagebuchs von Anne Frank, in dem erstmals die originale Vollversion zusammen mit der sogenannten Version b des Tagebuchs veröffentlicht wird.

Anne hatte ihr Tagebuch teilweise umgeschrieben, nachdem sie im Radio den Aufruf eines niederländischen Ministers gehört hatte, die Leiden der Niederländer unter der deutschen Besatzung zu dokumentieren. Das Mädchen, das davon träumte, Schriftstellerin zu werden, hoffte auf eine Veröffentlichung des Textes nach Kriegsende. Diese Fassung des Textes wird als Version b bezeichnet. Version a ist das Tagebuch, wie Anne es ohne Vorentwurf und zunächst nur für sich schrieb. Die Sonderedition des Tagebuchs in beiden Versionen hat den Titel "Das Hinterhaus - Het Achterhuis". Diesen Titel hatte Anne Frank einst für die Veröffentlichung ihres Berichts über das Leben im Versteck geplant.

"Dies ist wirklich ein einmaliges Buch und für uns eines der zentralen Bücher, die auch transportieren, wofür wir stehen oder worum wir uns als Verlag kümmern wollen - Aufklärung, Menschenrechte, die Zeit des Nationalsozialismus. Von daher steht dieses Buch für den Verlag schon im Zentrum verlegerischer Identität", sagte Alexander Roesler, Programmleiter Sachbuch des Fischer-Verlags, über Anne Franks Tagebuch.

Anne Franks Text, nicht nur in Deutschland Schullektüre und in Dutzende Sprachen übersetzt, hat für Roesler eine universelle Botschaft, die über die Zeit des Nationalsozialismus und Anne Franks Erfahrung mit Verfolgung und Exil hinausgeht. "Anne Frank findet eine Sprache für diese spezielle Zeit der Pubertät, in der man sich in einer Entwicklung befindet", sagte Roesler. Die Konflikte mit den Eltern, die Suche nach der eigenen Stimme - und all dies unter den besonderen Bedingungen im Versteck. "Das ist natürlich ein ganz starker Text. Das muss man gar nicht künstlich wach halten - der spricht zu vielen, gerade in diesem Alter, über den Nationalsozialismus hinaus."

Die Sonderedition ist nicht das einzige Verlagsprojekt zum 90. Geburtstag Anne Franks: Neben einer überarbeiteten Leseedition der Tagebuch-Fassung wird es nach Verlagsangaben eine kritisch-wissenschaftliche Edition geben. Diese Ausgabe erscheint voraussichtlich im Herbst 2020, in einer neuen Übersetzung, in der es nach Angabe Roeslers eher um korrekte Übersetzung als um den in der Leseausgabe bevorzugten sprachlichen Ausdruck geht. Denn Anne Frank wurde zwar in Frankfurt geboren, identifizierte sich aber mit ihrer neuen niederländischen Heimat und schrieb auch ihr Tagebuch auf Niederländisch.

In der kritisch-wissenschaftlichen Ausgabe werden auch Anspielungen Annes im Tagebuchtext aufgelöst und erläutert. Spektakuläre Neuentdeckungen gebe es da wohl weniger, so Roesler. "Das sind eher Mikrodetails, die vor allem für Wissenschaftler und Spezialisten von Interesse sind."

Mit einem "Graphic Diary", 2017 in deutscher Version erschienen, wurde zudem versucht, Anne Franks Tagebuch einer neuen Leserschaft zu erschließen. Ari Folman, einer der beiden Autoren, arbeite an einem Animationsfilm über Anne Frank und ihr Tagebuch, hatte kürzlich Yves Kugelmann gesagt vom Anne Frank Fonds in Basel, der von Annes Vater Otto Frank gegründet wurde und die Rechte an sämtlichen Schriften Anne Franks verwaltet. Die Stiftung fördert Projekte im Sinne von Anne Frank - unter anderem zur Stärkung von Rechten von Frauen und Kindern.