Wandern Zwischen Meer und Bergen

Am Ziel vor dem Hotel in Berchtesgaden. Von dort ging es zurück mit dem Zug. Geblieben sind Jürgen Schallers geschwollene Knöchel, die aber nicht schmerzen, wie der Wanderer versichert. Foto: red

TROSCHENREUTH. Es ist eine Freude, Jürgen Schaller zuzuhören, wenn er von seiner langen Wanderung von Sylt nach Berchtesgaden erzählt – weil er ein waschechter Fürther ist, dem der Kabarettist scheinbar angeboren ist. Obwohl er schon lange in Troschenreuth lebt, hat Schaller noch immer diesen Fürther Dialekt – und trug ihn hoch in den Norden. Verstand ihn dort jeder? „Klar. Ich hab immer gesagt: Ich bin ein waschechter Mittelfranke. Nur wir sprechen das rollende R.“

1427 Kilometer zu Fuß, ohne viel Training – wie kam er, 63 Jahre jung und frisch in Rente, auf diese Idee? „I wollt zeign, dass ma no net zum altn Eisen ghört, dass mer no mithaltn kann. Ich wollt ja kan neuer Weltrekord aufstellen, aber es hat mi intressiert, ob mer locker-flockig so viele Kilometer schafft.“

Mit dem Zug nach Sylt

Also den Rucksack gepackt, ab in den Zug und rauf nach Sylt. Das war im Mai. Nach acht Wochen war er in Berchtesgaden vor den Alpen angelangt und genoss erst mal einen wunderbaren Blick auf Salzburg und die tollen Wegkreuze an den idyllischen Wanderwegen. „Mannshoch, ans schenner als des andere.“ Aber dort gibt es auch Einödhöfe mit ihren Hunden, die ihm manchmal laut bellend und mit gefletschten Zähnen gegenüber standen. „Da stellt sich einem das Nackenhaar zu berch.“ Hatte er noch mehr Gefahren zu meistern? „Am Vatertag sitzen verdächtig drei Männer mitten im Wald auf einer Bank. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, dachte ich mir, aber wie sich schnell herausstellte, waren es ganz patente Kerle.“

Kaum Menschen getroffen

An der Gesamtstrecke gemessen traf Schaller relativ wenig Leute, außer bei den Übernachtungen. Er führt es auf seine Wander-App zurück, die ihn am Anfang fragte, wie fit er sich einschätzt. Hätte er hier „Anfänger“ eingegeben, wäre er wahrscheinlich über flache Radwege geführt worden und hätte Leute getroffen. Aber weil er sich als top einstufte, landete er auf steilen Pfaden. „Wo ka normaler Mensch läuft, bloß Verrückte. Aber des warn oft die schönsten Wege.“

Nützliche App

Diese App schätzt er sehr, weil sie meist auf den Meter genau die Abzweigungen angibt, auch wenn man sie nicht immer auf den ersten Blick erkennt. Doch hin und wieder landete er mitten im Wald und weg war der Weg. „Oder i hab mi a halbe Stund mit Brennnesseln und Dornengestrüpp rumgschlong. So richtig abenteuerlich halt, aber wenn was passiert, dann host verlorn. Ob die von der App überhaupt alle ihre Wege selber g’loffn sind? Und wenns’d dann in deiner Not es Internet brauchst, hast kaan Empfang. Des is brutal in Deutschland. Du glaubst gor net, wo mir alles ka Internet ham. In Sylt, bei de Reichen, da hätt i nachts um Zwölfer rumeiern kenner, aber in der Prärie?“

Unnützes Gepäck heimgeschickt

Leider zog die App erheblich Saft aus seinem Handy, was zwei Powerpacks als Ersatzstrom nötig machte. Und die wogen schwer im Rucksack. Der hatte insgesamt elf Kilo, obwohl Schaller zweimal Päckchen mit Überflüssigem heimschickte. „I hob aber nie den Eindruck ghabt, dass i da unnütze Sachen dabei ghabt hätt. Mein Nassrasierer und den Schaum hab i trotzdem zurückgeschickt. Mit dem Effekt, dass mi mei Bart dauernd gjuckt hat und ich mir des Zeuch widder kafft hab.“

Druckstellen und Schmerz

Seine Bergschuhe ersetzte Schaller nach zwei Dritteln des Wegs durch Wanderhalbschuhe. Zuvor hatten sie bei durchschnittlichen Tagesetappen von 28 Kilometern gedrückt. „An etlichen Tagen hab i Druckstellen ghabt, da ham des Pflaster und alle Dämpfung nix gnutzt. Jeder Schritt war Schmerz. Es linke Knie, es rechte Knie, der klaane Zeh – aber dann war widder alles weg. Wennst die Lüneburger Heide anschaust, denkst es gar net: Die is ganz schee hügelig.“ Und des macht sich bei den Druckstelln bemerkbar. „Do denkst: Oh leck hey, du kannst kaan Meter mehr laafn! Aber am nächsten Toch is alles wieder gut.“

Überall Wirtshaussterben

Der Hammer kam dann im Altmühltal, als ihm ein nettes älteres Ehepaar eine Abkürzung durch den Wald empfahl. „Da hätt i fast nauf krabbeln könner, su steil woar des.“ Er drehte danach ein Selfie-Video, das Chancen für die Youtube-Hitliste hat, so schweißnass und witzig ist er.

Seine Erschöpfung sah ihm mancher Dörfler an, an dem Schaller vorbeikam. „Mensch, Frau, der is doch total verdurscht!“, sagte zum Beispiel ein Mann. „Hol amol a Wasser raus!“ Leider gab es nicht mehr viele Gasthäuser in den Dörfern. Wirtshaussterben allerorten.

"Wos is des für a Lump?"

Oder die Familie in Drochtersen, die ihn anmarschieren sah. „Hob i denkt: Die denkn etz, wos is des für a Lump, der da kummt? Um dem vorzubeugen, gehst drauf zu und sagst: Wo bin i denn eigentli? Ich schmarr die Leut immer an, weil, wennst den ganzen Tag alleins bist und deine besten Freind nur blöken, muhen oder wiehern und du verstehst kaa Wort, da brauchst a Unterhaltung.“ In dem Fall entstand ein super Gespräch über Fußball, weil der SV Drochtersen-Assel dank DFB-Pokal schon gegen den FC Bayern München kickte (0:1) und an diesem Samstag gegen Schalke 04 das nächste Traumlos erwischt hat.

Kugeln aus dem Turm

Überall traf Jürgen Schaller interessante und hilfsbereite Menschen. Unterwegs fand er auch einmal einen freundlichen älteren Herrn mit E-Bike, der ihn ausfragte und im Gegenzug den nahe gelegenen Turm erklärte, wie man früher darin Munition hergestellt hatte. Blei tropfte durch Siebe herunter und wurde in der Mitte zu einer Gewehrkugel und ganz unten zu einer Schrotkugel. „Total interessant. Aber sonst kannst net alles anschaue, dann bist ja zehn Jahr unterwegs.“

Jeder Tag besonders

Würde Schaller eine solche Tour noch einmal machen? Auf diese Frage hatte er schon einem Freund geantwortet, der ihn unterwegs angerufen und gefragt hatte, ob er noch Lust habe. „Das war keine Überlegung. Blöde Frage! Ich hab mich jeden Morgen um fünf, wenn ich in aller Gemütlichkeit meine Füße getaped hab, auf den Tag gefreut. Jeder Tag war was Besonderes. Jeden Morgen haben die Endorphine gleich mitgeschwungen. Es hat Spaß gemacht, es war ein gewisses Abenteuer. Daraus entsteht fast so etwas wie eine Sucht.“

 

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