Vor der Wahl Das Handwerk profitiert stark von Europa

HWK-Hauptgeschäftsführer Thomas Koller findet, dass die EU die Vorteile des gemeinsamen Europas noch besser transportieren muss. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Das regionale Handwerk bekennt sich zur EU. Aber Hauptgeschäftsführer Thomas Koller hat auch einige Kritikpunkte. Ein Gespräch über Bürokratie, Märkte und Fördermittel.

Herr Koller, ganz allgemein: Warum ist Europa wichtig für das Handwerk?

Thomas Koller: Dazu muss man erst mal sagen, dass das Handwerk internationaler ist, als man landläufig meint. Zwar ist die Kundschaft oft aus der Region, doch über die Wertschöpfungsketten hinweg ist man sehr schnell verbunden mit Europa und mit der ganzen Welt. Das Handwerk profitiert sehr stark von offenen Grenzen, von Freizügigkeit und der gemeinsamen Währung. Was man anders herum auch daran sieht, wie die wieder eingeführten Kontrollen an der Grenze zu Österreich das Handeln behindern.

An welchen Gewerken kann man das konkret festmachen? Welche profitieren stark von Europa, wo ist das vielleicht kaum ein Thema?

Koller: Ich glaube nicht, dass es Bereiche gibt, die überhaupt nicht betroffen sind. Spätestens, wenn es um den Zukauf von Produkten geht, landen wir sehr schnell bei Geschäftsbeziehungen innerhalb Europas oder gar der ganzen Welt. Und auch hier gibt es dann wieder Handelsabkommen, die die EU abgeschlossen hat. Natürlich ist da ein Automobilzulieferer deutlich stärker tangiert als andere. Man muss aber auch über die Verflechtungen reden. Für das bayerische Handwerk sind Österreich und Tschechien die wichtigsten Partner und Auslandsmärkte.

Die EU steht ja auch für Normen und damit Rechtssicherheit?

Koller: Da müssen wir weltweit denken. Europa muss sich zwischen den USA und Asien positionieren, Deutschland allein könnte das in der heutigen Welt nicht mehr, das macht Europa. Es müssen Standards des Handwerks eingehalten werden. Das Handwerk muss aber zum Beispiel auch an Daten herankommen – denken Sie nur an die vielen Kfz-Werkstätten. Die brauchen Zugang zu den Daten der Hersteller. Und um das standardisiert zu gewährleisten, brauchen Sie eine übergeordnete Institution mit genug Kraft und Macht – die EU. Das gilt in Zeiten der Digitalisierung in immer mehr Bereichen. Es geht aber auch darum, technische Standards zu schaffen – ein Beispiel ist das Smart Home. Die Hersteller sitzen in vielen verschiedenen Ländern. Wenn es keine allgemeinen Standards gibt, behindert das die Handwerker vor Ort, auch in ihrer Entwicklung. Da tut die EU aus unserer Sicht sogar noch zu wenig.

Da wollen Sie also mehr Europa?

Koller: Es gibt Bereiche, wo mehr Europa nötig ist, und Bereiche, wo weniger ausreicht. Bei der Sicherung der Außengrenzen wollen wir eine starke EU, die das noch deutlich mehr zu ihrem Thema machen muss, damit das klar geregelt und damit beherrschbar wird. Aber nicht, wenn es zum Beispiel um Berufsregulierungen oder berufliche Bildung geht.

Ist Europa für den Handwerker vor Ort ausreichend greifbar?

Koller: Nicht nur für den Handwerker ist das schwierig. Ich glaube, dass es für die Bürger überhaupt schwerer wird, die weltweiten Dimensionen, die technologisch wie in der Staatengemeinschaft zum Tragen kommen, richtig einzuschätzen. Und da fragen sich dann auch viele: Was ist mein persönlicher Mehrwert aus Europa?

Muss die EU sich also besser verkaufen?

Koller: Es ist wirklich wichtig, besser zu transportieren, wo der Mehrwert der EU auch für den Einzelnen liegt. Es ist aber auch wichtig, dass sich die Union auf wesentliche Dinge konzentriert und nicht zum Beispiel immer neuen bürokratischen Kleinkram produziert, der die Handwerker auf die Barrikaden bringt. Vor allem dann, wenn Regelwerke für Großunternehmen gemacht werden, die dann aber vom Fünf-Mann-Betrieb genauso umgesetzt werden müssen.

Das heißt, Europa kümmert sich zu wenig um kleine Unternehmen?

Koller: Ja! Der EU ist aus unserer Sicht die Bedeutung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) für den Binnenmarkt zu wenig bewusst, und da wollen wir eine Klärung sehen.

Es gibt aber auch die Klage, dass die EU oft gute Dinge 
anstößt, es bei der Umsetzung 
in nationales Recht dann aber zu – aus Sicht der Wirtschaft – unnötigen Verschärfungen kommt.

Koller: Ja, eine der zentralen Forderungen ist ja die Eins-zu-Eins-Umsetzung in Deutschland, statt immer noch eins draufzusetzen. Darunter leiden dann oft vor allem die kleinen Betriebe. Und bei denen wird dann auch oft ganz genau hingeschaut, weil man es gut kontrollieren kann.

Die EU schüttet ja auch sehr viel Geld aus. Profitiertdas Handwerk davon?

Koller: Na ja, der EU-Haushalt ist deutlich niedriger als der des Bundes. Aber ja, das Handwerk auch in Oberfranken profitiert von EU-Geldern, und zwar mehr als viele denken. So wird zum Beispiel die sogenannte ÜLU, die überbetriebliche Lehrlingsausbildung, bezuschusst, sodass die Ausbildungsbetriebe weniger dafür bezahlen müssen. Oder wenn die Handwerkskammer in ihre Bildungseinrichtungen investiert, wie es in den kommenden Jahren ja ansteht, kommen nennenswerte Fördermittel aus Brüssel.

Jetzt wurde ja gerade 15 Jahre Osterweiterung gefeiert. Da gab es vorher große Bedenken im Handwerk. Im Rückblick: Hat alles gut geklappt?

Koller: Ja, weil wir damals die entsprechenden Übergangsregelungen durchgesetzt haben. Heute ist das Miteinander gut. Ich würde mir da mit unserem Nachbarn Tschechien zwar noch mehr wünschen, aber das liegt wohl unter anderem an der Sprachbarriere. 

Nochmal zusammengefasst: 
Was wünschen Sie sich von 
der EU?

Koller: Allgemein Konzentration auf die großen Leitlinien, wie etwa beim Thema Migration, und zugleich weniger Einmischung im Detail. Nicht alles von oben überstülpen. Konkret: Die Finger lassen von gemeinsamer Verschuldung, von einer europäischen Sozialversicherung, von einer europäischen Arbeitslosenversicherung oder gar einem europäischen Mindestlohn. Stattdessen Rechtssicherheit stärken, Normierung und internationale Standards vorantreiben. Wir sind auch strikt gegen Pläne, die KMU-Definition von 250 auf 500 Mitarbeiter anzuheben. Weil dann die zur Verfügung stehenden Mittel auf viel mehr Unternehmen verteilt werden und für die wirklich kleinen Unternehmen und damit für unsere Klientel weniger bleibt.

Die grundsätzliche 
Stellung des Handwerks zu Europa ist?

Koller: Wir stehen Europa positiv gegenüber. Wir brauchen ein einheitliches Europa. Und wir empfehlen unseren Mitgliedern deshalb aktiv: Geht zur Wahl. 

 

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