Vor 80 Jahren Aus der Klinik in die Tötungsanstalt

Quelle: NARA II, RG 549, Records of Headquarters, U.S. Army Europe (USAREUR), War Crimes Branch, War Crimes Case Files ("Cases not tried"), 1944-48, Box 490, Case 000-12-463 Hartheim (P) VOL I/A (Dokumentationsstelle Hartheim).

Bayreuth/Kutzenberg. Vor 80 Jahren, am 1. September 1939, begann mit dem deutschen Angriff auf Polen nicht nur der Zweite Weltkrieg. Zeitgleich lief im Verborgenen der Vernichtungsfeldzug der Nazis gegen körperlich behinderte und psychisch kranke Menschen an. Zum Opfer fielen ihm bis zum Sommer 1941 mehr als 70.000 Menschen, darunter Hunderte aus Bayreuth und Oberfranken. Eine Gedenkstätte für sie soll erst in den kommenden Jahren in Kutzenberg bei Lichtenfels errichtet werden.

Behinderte und psychisch Kranke galten in der Nazi-Ideologie als "lebensunwertes" Leben. Kurz nach Beginn des Polenfeldzugs wies Adolf Hitler per Führerbefehl an, dass Ärzte befugt werden sollten, „daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“. Der schriftliche Führerbefehl wurde auf den 1. September 1939 zurückdatiert. Um ihn zu verschleiern, wurde er nicht in Form einer Verordnung oder eines Gesetzes veröffentlicht, heißt es in dem vom Paritätischen Wohlfahrtsverband getragenen Informations- und Gedenkportal „Gedenkort T4“.

Aktion T4

Tarnorganisationen wurden gegründet, um den heimlichen Massenmord durchzuführen. Untergebracht wurden sie in der Berliner Tiergartenstraße 4, genannt T4-Zentrale. Nach ihr wurde die Aktion T4 benannt. Pflegeheime und Anstalten mussten Meldebögen über ihre Patienten ausfüllen, angeblich für statistische Zwecke. Tatsächlich entschieden ärztliche Gutachter allein anhand dieser Aktenlage, ob diese Menschen ermordet werden sollten. Ziel war die Tötung von 70000 Behinderten, um Erbkrankheiten auszurotten und die Kosten für die Anstaltspflege zu senken, heißt es im Online-Portal Zukunft braucht Erinnerung, das unter anderem für den Grimme-Preis nominiert war.  

Bayreuther Anstalt geräumt

 In Bayreuth gingen die Mordpläne in Berlin zeitlich einher mit Planungen, die Heil- und Pflegeanstalt zu leeren, sagt Bezirksheimatpfleger Günter Dippold. Die Anstalt mit geistig Behinderten in offenbar beunruhigender Nähe zum besten Wohnviertel und zum Festspielhaus habe nicht zu den Plänen der Nazis gepasst, aus Bayreuth eine Gauhauptstadt zu machen. 1940 sei die Bayreuther Anstalt geräumt worden. 511 Patienten seien in die Anstalten nach Kutzenberg bei Lichtenfels, Erlangen und Ansbach verlegt worden. Nach Kutzenberg kamen außerdem Patienten aus Behinderteneinrichtungen in Burgkunstadt, Himmelkron und Gremsdorf (bei Neustadt Aisch).

Aus Kutzenberg verschleppt

Als Folge der Aktion T4 wurden von September 1940 bis Juni 1941 insgesamt 446 Menschen aus Kutzenberg „in Tötungsabsicht verschleppt“, sagt Dippold. Den Anfang gemacht hätten zehn jüdische Patienten, die in die Tötungsanstalt in Brandenburg an der Havel verlegt worden seien. Von den anderen 436 Patienten seien gut zwei Drittel in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim nach Oberösterreich und ein knappes Drittel in die Tötungsanstalt Sonnenstein bei Pirna in Sachsen verlegt worden – in grauen Omnibussen mit abgedunkelten Scheiben.

Ermordung in der Gaskammer

In Hartheim, einer von insgesamt sechs Tötungsanstalten des Reiches, seien die Menschen in Gaskammern mit Kohlenmonoxid vergiftet worden, das aus Duschköpfen in angeblichen Waschräumen strömte – einer der Probeläufe für die spätere industrielle Massentötung von Menschen. Das Gas, so Dippold, wurde von den IG Farben produziert und geliefert. Mit Totenscheinen, auf denen die Todesursache und der Sterbeort gefälscht war, habe man die Ermordung vertuscht, heißt es bei der Dokumentationsstelle Hartheim. Oft habe man als Todesursache Lungentuberkulose angegeben, um die Verbrennung der Mordopfer in Krematorien zu begründen und die Wahrheit zu verschleiern. Insgesamt wurden in Hartheim allein im Rahmen der Operation T4 bis zum Sommer 1941 rund 18000 Menschen ermordet.

Dippold ist nur ein Fall bekannt, dass ein Verschleppter nach Kutzenberg zurückkam: Der Patient hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg Auszeichnungen erhalten und war offenbar versehentlich deportiert worden.

Kalte Euthanasie

Auch die Patienten, die der Deportation entgingen, waren in Kutzenberg in Lebensgefahr. Die Anstalt sei gezielt mit Lebensmitteln unterversorgt worden, die Patienten erhielten zu wenig zu essen und mussten schwere Arbeiten in der Landwirtschaft verrichten, beschreibt Dippold diese „kalte Euthanasie“.

Protest der Kirche

Trotz aller Verschleierungsversuche der Nazis sickerte Wissen über die Morde durch.  Prominente Kirchenvertreter, allen voran der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen mit einer berühmt gewordenen Predigt am 3. August 1941, protestierten. Die Massentötungen der Aktion T4 wurden beendet. Danach wurden in Hartheim arbeitsunfähige Häftlinge aus mehreren Konzentrationslagern ermordet, so dass die Gesamtopferzahl hier bis zum Jahr 1944 auf bis zu 30.000 stieg.

Der Chef in Kutzenberg

Anstaltsleiter in Kutzenberg war damals Dr. Josef Lothar Entres. Der praktizierende Katholik war wegen seiner Distanz zum Regime dorthin strafversetzt worden und versuchte nach Dippolds Worten der Überlieferung zufolge, die Situation der Patienten nach Möglichkeit zu verbessern. So habe er 1941 mit Hilfe von Ordensschwestern einen Gemüsegarten angelegt, um die Unterversorgung mit Lebensmitteln zu lindern. Entres sei noch während des erst in den sechziger Jahren angelaufenen Ermittlungsverfahrens gestorben.

Jetzt erst Gedenkstätte geplant

Mit der Erinnerung an die massenhafte Ermordung von Behinderten haperte es lange. Erst mehr als 60 Jahre danach, im Jahr 2003,  wurde in der ehemaligen Tötungsanstalt Schloss Hartheim eine Gedenkstätte eröffnet, die jetzt neu gestaltet wird und im Frühjahr 2020 wieder öffnet. In einer Kapelle in Kutzenberg und seit 1998 im Bezirkskrankenhaus erinnern Gedenktafeln an die Opfer. Eine Gedenkstätte soll nun beim anstehenden Neubau der Klinik in Kutzenberg unter der Regie der Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken (Gebo) entstehen. Noch gibt es nur die Absicht, aber kein Konzept dazu. Warum man damit so lange gewartet hat? Dippold sagt nur: „Gute Frage“.

Die zentrale Gedenkstätte der Oberpfalz

Seit Dezember 2016 gibt es in Regensburg eine zentrale Gedenkstätte für nach jüngsten Angaben 642 behinderten und psychisch kranken Menschen, die während der Nazizeit aus der damaligen Heil - und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll verschleppt wurden. Ebenso wie die meisten Deportierten aus Kutzenberg wurden sie in der Tötungsanstalt in Hartheim bei Linz vergast. Man wolle mit der Gedenkstätte den Opfern „ihr Gesicht wieder geben“, hatte Bezirkstagspräsident Franz Löffler erklärt. Der „Gnadentod“ habe nichts mit Gnade zutun, vielmehr sei es um die Vernichtung von Menschen gegangen. Im Zentrum der Gedenkstätte steht die restaurierte Gedenktafel, die 1990 am dortigen Bezirksklinikum angebracht worden war. Die Tafel enthält deutlich mehr Informationen als die in Bayreuth: Darauf heißt es: „In der Verblendung, Leben können lebensunwert sein, wurden in der Zeit des Nationalsozialismus 639 Frauen, Männer und Jugendliche von hier aus nach Hartheim bei Linz gebracht und ermordet, mehr als fünfhundert weitere gegen ihren Willen sterilisiert. Viele hundert Menschen litten und starben in diesem Krankenhaus an den Folgen staatlich verordneter extremer Überbelegung und Mangelernährung.“ Umgeben ist die Tafel in einem Kirchhof von Porträtaufnahmen von 268 Opfern, teils unscharf oder im Negativ. Die Bilder lassen sich drehen, es gibt auch drei Spiegel, in denen sich der Betrachter selbst sieht. Das soll verdeutlichen, dass die Einweisung in die Psychiatrie in der Nazizeit jeden treffen konnte – zum Beispiel Gelähmte, die nach einem Schlaganfall nicht mehr richtig sprechen konnten, Alkoholiker oder chronisch Erschöpfte. Kunsthistoriker Bruno Feldmann und Architektin Karoline von Montgelas konzipierten die Gedenkstätte. Die Namen der Opfer sind bekannt, ließen sich aber den Bildern nicht mehr zuordnen.

 

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