Völkerverständigung Weidenberg und Plouhinec seit 30 Jahren Freunde

WEIDENBERG. Bernd Eismann tat an diesem Montagabend 1984, das, was er an Montagabenden öfter tat. Er hatte Chorprobe. Danach saß er mit den anderen Sängern der Kantorei der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde im Pimmlerhaus, als es plötzlich um Fremdsprachenkenntnisse ging. „Du kannst doch Französisch“, sagte einer. Und schon war Eismann Dolmetscher eines Gesprächs, das den Beginn einer deutsch-französischen Partnerschaft markierte.

Die Franzosen, die an diesem Montagabend in Weidenberg anklopften, kamen nicht zufällig. Sie legten 1340 Kilometer zurück, um Freunde zu finden. Genauer gesagt: eine deutsche Partnergemeinde.

Startpunkt ihrer Reise war Plouhinec, ein Ort im Süden der Bretagne am Atlantik mit etwa 5300 Einwohnern. Die nächste größere Stadt ist Lorient. Die Gruppe landete nicht zufällig im Fichtelgebirge. Eismann: „Sie wollten eine Gemeinde mit Hügeln und Bergen als Gegensatz zum Meer.“

Das Gespräch nach der Chorprobe weckte Interesse – auf beiden Seiten. Eismann, der mit seiner Familie häufig in Frankreich ist, nahm sich im nächsten Urlaub ein Ferienhaus in Plouhinec. Und auch die Bretonen schickten „Späher“ ins Frankenland. Das Ergebnis: Man gefiel sich – und die Idee der Gemeindepartnerschaft nahm Konturen an. Weidenbergs früherer Bürgermeister Wolfgang Fünfstück (Freie Wähler) begrüßte das Vorhaben, forderte aber: Den Vertrag mit Leben füllen müssten die Bürger selbst.

Gesagt, getan. 1987 wurde der Gemeindepartnerschaftsverein (GPV) Weidenberg gegründet. In Plouhinec gab es bereits ein Pendant. Die Franzosen hatten schon eine Partnerschaft mit einer Gemeinde aus Irland. 1989 unterzeichneten Weidenberg und Plouhinec den offiziellen Partnerschaftsvertrag. Er besiegelt die Freundschaft zwischen zwei Gemeinden, deren Länder früher als Erbfeinde galten. Sie hält nun schon 30 Jahre.

„Den europäischen Gedanken lebendig zu gestalten, ist unsere Triebfeder“, sagt Martin Brühl, seit zehn Jahren GPV-Mitglied und seit 2014 Vorsitzender. Doch es ist nicht nur das. „Es sind auch viele persönliche Freundschaften entstanden“, sagt Eismann, Brühls Vorgänger als GPV-Vorsitzender. „Meine Familie hat immer einen Übernachtungsplatz in Plouhinec. Selbst wenn die Gastgeber nicht da sind, wissen wir wo der Schlüssel liegt.“

Geist der Solidärität und Toleranz

Seit 1992 gibt es regelmäßige Jugendtreffen. „Heuer sind wir im St. Michaelswerk in Grafenwöhr untergebracht“, sagt Eismann. Dort wird unter anderem der Truppenübungsplatz besichtigt. Dabei sein werden nicht nur Deutsche und Franzosen. Mittlerweile hat sich Weidenberg zum Zentrum eines europäischen Partnerschaftsnetzwerks entwickelt, das sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Osten erweiterte – ins tschechische Smrzovka (Morchenstern) und ins polnische Juchnowiec Koscielny.

„Die Partnerschaft hat sich im Laufe der 30 Jahre sehr positiv entwickelt. Alle Treffen finden in einem von tiefer Freundschaft, Solidarität und Toleranz geprägten Geist statt und erlauben es, sich besser kennen zu lernen“, sagt Jo Thomas. Seine Worte wurden übersetzt von der gebürtigen Pariserin Bernadette Willmitzer, die in Emtmannsberg wohnt und regelmäßig für den GPV dolmetscht.

Der 70-Jährige Jo Thomas ist seit zehn Jahren Vorsitzender des Partnerschaftsvereins in Plouhinec. Zur Kellernacht oder zum Andreasmarkt kommt er regelmäßig nach Weidenberg. Besonders gefällt ihm der herzliche Empfang der Menschen, die guten Bratwürste und – das betont er – das fränkische Bier.

Der Gerstensaft ist am Atlantik sehr beliebt. Seit einigen Jahren feiern die Bretonen extra für die Freunde aus Oberfranken ein mittlerweile legendäres Bierfest. Jahr für Jahr reist dazu eine Delegation aus Weidenberg an. „In den ersten Jahren haben wir das Bier im Reisebus mitgebracht“, sagt Martin Brühl. Der 61-Jährige lebt zwar mittlerweile in Bindlach, blieb dem GPV Weidenberg mit seinen derzeit 167 Mitgliedern aber treu.

Bernd Eismann ist mittlerweile 75 und wohnt in Döberschütz. Der Dolmetscher von einst wird auch 2019 wieder dabei sein, wenn Weidenberg gen Frankreich fährt. In der Bretagne gibt es ein vielfältiges Programm – und zum Abschluss einen offiziellen Festakt. Mit Nationalhymnen vor dem Kriegerdenkmal und einem Festzug durch den Ort. Und dann spielen in Frankreich, wo einst die deutschen Besatzer mit Marschmusik einzogen, die Weidenberger Musikanten auf. Mit Liedern von Freundschaft und Frieden.

Das Weidenberger Partnerschaftsnetzwerk

Italien: Noch länger als die Partnerschaft zu Plouhinec unterhält Weidenberg eine Patenschaft zur Doppelgemeinde Unsere liebe Frau im Walde - St. Felix in Südtirol – gegründet, um den Deutschsprachigen beizustehen.

Frankreich: Vom 28. Mai bis 2. Juni läuft in der Bretagne die 30-Jahr-Feier der Partnerschaft zu Plouhinec. Acht Weidenberger kommen per Fahrradstaffel. In zwei Gruppen geht es westwärts – abwechselnd auf dem Sattel und im Auto. Die Gegenveranstaltung findet 2020 in Weidenberg statt. Die Jubiläen zu den anderen Partnergemeinden werden dann mitgefeiert.

Tschechien: 2000 begann die Partnerschaft zu Smrzovka (Morchenstern). Die Stadt hat etwa 3500 Einwohner, liegt in Nordböhmen und war bis 1945 von vielen Deutschen bewohnt. Der Kontakt nach Tschechien kam durch Heimatvertriebene zustande. Etwa 1000 fanden nach dem Krieg in Weidenberg ein neues Zuhause. Die meisten stammten aus dem Kreis Gablonz, zu dem aus Morchenstern gehört.

Polen: Die jüngste Partnerschaft existiert seit 2010 zu Juchnowiec Koscielny. Die Stadt hat knapp 16 000 Einwohner und liegt im Nordosten Polens unweit der Grenze zu Weißrussland. Den Kontakt zu seiner Heimatgemeinde vermittelte der frühere römisch-katholische Pfarrer in Weidenberg, Wojciech Wysocki.

 

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