Virtuelle Realität in Marktredwitz Auge in Auge mit dem Jesuskind

Matthias Bäumler

Fans aus ganz Deutschland interessieren sich für die virtuelle Marktredwitzer Landschaftskrippe. Die Technik bietet einen neuen Zugang zum immateriellen Kulturerbe.

Marktredwitz - Auf einmal fühlt sich der Herr im feinen Anzug wie King Kong. Ohne Anstrengung hebt er eine Kuh an und stellt sie zehn Meter weiter ab. Der Mann hält kurz inne. „Oh, da oben auf dem Berg ist eine Kapelle“, sagt er und stapft sogleich mit Riesenschritten mitten hinein in die Alpenlandschaft. Wer sich in die virtuelle Welt der Marktredwitzer Kripperer begibt, den lässt das Erlebte so schnell nicht los. Möglich ist das etwas andere Abenteuer seit wenigen Wochen im Egerland Kulturhaus. Die virtuelle Krippe ist die neueste Errungenschaft von Museumsleiter Volker Dittmar, der über die Technik vor allem jüngere Semester auch für die „analoge“ Krippensammlung interessieren will.

Initiator des wahrscheinlich weltweit einzigen virtuellen Krippenrundgangs ist Stefan Frank, der auch Leiter des Jugendkunst-Mobils im Landkreis ist. Vor fünf Jahren hatte er die Idee, doch erst vor zwei Jahren ließ sich diese dank einer Förderung in Höhe von 80 000 Euro realisieren. „Schon als Kind hat mir das Aufstellen der Krippe daheim am meisten Freude bereitet. Klar hatten wir nicht so viele Figuren wie es sie hier im Museum gibt, aber einige waren es schon“, sagt er im Gespräch mit der Frankenpost. Volker Dittmar und sein Team haben mittlerweile viele Hundert Figuren in der Ausstellung und noch mehr im Depot. Stefan Frank reichen 160 Figuren, mehrere Häuser und einige weitere Objekte wie Brunnen oder Feuerstellen. Diese hat er in eine weitläufige Landschaft modelliert, die sich fortwährend verändern lässt.

Völlig neue Blicke

Also, dann mal los. Stefan Frank setzt dem Besucher die VR-Brille auf, die wie eine Art überdimensionierte Skibrille aussieht. Auf einen Schlag ist der Eingangsbereich zu den Ausstellungsräumen verschwunden. Wow. Statt vor Flyerständern und Vitrinen befindet sich der Besucher in einer oberbayerischen Voralpenidylle, wie sie die beste Vorabendserie nicht besser kreieren könnte. Frank reicht zwei Joysticks, erklärt deren Funktion und schon kann es losgehen. Zunächst etwas unbeholfen, aber von Minute zu Minute sicherer, stapft der Besucher vorbei an einer Bäuerin, die Hühner und Gänse füttert, grüßt zünftig ein paar im Biergarten den Sommerabend genießende Bauern und gibt acht, dem Schäferhund an der Schafherde nicht zu nah zu kommen. Schnell hinauf auf den Berg, um an der kleinen Kapelle innezuhalten. Schon bimmeln die Glocken. Wahnsinn. Idylle pur.

Eine Welt im Wohnzimmer

Auch der bekennende „Hobbykripperer“ wird bei seinem Besuch in der Computerwelt die traditionsreiche Kunstlandschaft völlig neu erleben. Das Gackern der Hühner, das geschäftige Grummeln im Biergarten oder aber das Glockengeläut vermitteln ein Gefühl, als wäre man tatsächlich mittendrin in der Marktredwitzer Krippe.

Im Grunde ist es ja tatsächlich so. Alles ist real und doch wieder nicht. Das Glockenläuten hat Stefan Frank zum Beispiel in Berndorf bei Kemnath aufgezeichnet. „Es ist das abendliche Gebetsläuten. Hat mich gewundert, wie lange das dauert“, sagt er. Wer einige Zeit im virtuellen Raum spaziert, der verliert sich darin.

Daher muss sich kein Museumsbesucher wundern, wenn er die Treppe zum Eingang hinaufgeht und im Vorraum Menschen sieht, die etwas unkoordiniert mit ihren zwei Joysticks in die Luft greifen, sich drehen, bücken und wie kleine Kinder völlig aufgehen im Hier und Jetzt.

Hinter dem Erlebnis steckt Technik pur. Jede der 160 Figuren und Objekte haben Frank und ein Helferteam jeweils bis zu 1800 mal von allen Seiten fotografiert. Dadurch kann der Wanderer durch die Krippe jedes Schaf oder jeden Bauer betrachten, wie es bisher nie möglich war.

Gewiss, wer selbst eine Landschaftskrippe sein Eigen nennt, kennt die Figuren und betrachtet sie ebenfalls von allen Seiten. Aber eben nicht so wie in der virtuellen Realität. Sobald die Brille am Kopf sitzt, handelt es sich bei den Figuren nicht mehr um kleine, einige Zentimeter große Gebilde aus Ton. Jedes Risschen an einem Arm tritt nun riesig plastisch zutage und ist so groß wie der Besucher. Wer die Figur nimmt und umdreht – dies ist dank des Joysticks möglich –, kann auf der Unterseite die Inventarnummer erkennen.

Großbauern in der Zigarrenkiste

Im Gegensatz zum Betrachten einer normalen, hinterm Vitrinenglas aufgebauten Landschaftskrippe macht es eine diebische Freude, das eine oder andere Geheimnis aufzudecken. Warum nicht mal um das wuchtige oberbayerische Bauernhaus rumlaufen? Normalerweise ist nur dessen großbäuerlich anmutende Vorderseite zu sehen. Auf der Rückseite bietet sich ein völlig anderes Bild. Hier ist das Holz nicht gestrichen und daher noch etwas von „Zigarren“ zu lesen. Wer immer das Haus einst gebaut hat, der verwendete dafür eine alte Zigarrenkiste.

Und dann liegt es da, ganz klein und armselig: das Jesuskind in der Krippe. So Auge in Auge mit der Figur schlechthin, das hat was.

Taumelnde Besucher

Zurück in der Realität stehen Volker Dittmar und Stefan Frank vor dem riesigen Curved-Bildschirm und grinsen. Sie kennen den Wow-Effekt nur zu gut. „Leider konnten wegen Corona noch nicht so viele Besucher, wie wir es uns wünschen würden, die virtuelle Krippe besuchen. Aber diejenigen, die sich auf den Rundgang begeben haben, die waren begeistert“, sagt Frank. Wobei sich der Rundgang in der Realität auf vielleicht zwei, drei oder auch fünf Schritte beschränkt, die der Besucher unter den wachen Augen des Museumspersonals umhertaumelt.

Fans bis aus Berlin

Neulich hat sich eine Busladung mit Krippenfans aus Berlin im Museum auf die virtuelle Reise begeben – natürlich streng corona-konform in kleinen Grüppchen. „Wir hatten Besucher von fünf bis 78 Jahren“, sagt Volker Dittmar.

Da die Marktredwitzer Kultur der Landschaftskrippen seit Herbst im offiziellen Rang eines immateriellen Kulturerbes steht, ist Dittmars und Franks Mission für Marktredwitz noch wichtiger geworden – immerhin ist mit dem Titel auch die Verpflichtung verbunden, die Tradition lebendig zu erhalten.

„Wenn es wieder möglich ist, werde ich mit der virtuellen Krippe Schulen besuchen. Anfragen liegen bereits vor“, sagt Stefan Frank. Die oberbayerische Landschaft mitsamt Heiliger Familie lässt sich in drei Kisten verstauen und innerhalb von 15 Minuten aufbauen.

Als Volker Dittmar eine Schublade des Containers öffnet, auf dem der Riesenbildschirm thront, liegt in einer Wanne ein Klumpen feuchter Ton. „Das ist nicht irgendein Ton. Diesen haben wir im Keller des Damhafnerhauses gefunden, als wir vor dessen Abriss die letzten Originalstücke bargen. Die Familie Meyer mit dem Hausnamen Damhafner ist eine der bekanntesten Krippenfigurenbauer-Dynastien in Marktredwitz gewesen. Der letzte aus der Tonkünstler-Familie war Karl Meyer, der 1972 gestorben ist.

Das einzig erhaltene Stück Original-Ton und die virtuelle Krippe nur Zentimeter voneinander entfernt – das ist Museumspädagogik, wie sie sich Experten für die Zukunft wünschen. In Marktredwitz ist sie Realität.

 

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