Unwetter-Nachlese „Das kann kein Kanal schaffen“

Wunden lecken nach einem Wochenende, das es in sich hatte: In Bindlach fällt es noch schwer, auf Normal-Modus zurück zu kehren. Viele Haushalte sind am Samstag und Sonntag in der großen Gemeinde mit ihren vielen Ortsteilen von Wassermassen betroffen, deren Dimension das Unwetter von Juni vergangenen Jahres deutlich übertroffen hat.

Bindlach/Bayreuth - „Chaosphase mit einem diffusen Geschehen.“ Das ist die Beschreibung des Bindlacher Bürgermeisters Christian Brunner für das Ereignis, das die Gemeinde mit nahezu all ihren Ortsteilen am Samstag – und ein zweites Mal am Sonntag – ereilt hat. Ein Unwetter, „das so stark war, dass auch 85-jährige Bindlacher, mit denen ich gesprochen habe, sagen, sie könnten sich an solche Ausmaße nicht erinnern“, sagt Brunner.

Im Bereich eines 100-jährlichen Ereignissen

Brunner, der am Samstag und am Sonntag in der Einsatzleitung und im gesamten Gemeindegebiet unterwegs war, sagt am Montag im Gespräch mit unserer Zeitung: Das Unwetter habe sich am Samstag ab etwa 14.30 Uhr an den Hängen gestaut und so massiv abgeregnet, „dass es – wie mir aus dem Landesamt für Umwelt und auch von dem Institut, das unser Kanalnetz berechnet, bestätigt wurde – für Kommunen unmöglich ist, für diese Niederschlagsmengen einen Kanal auszulegen“. Man müsse von einem 50- bis 100-jährlichen Ereignis ausgehen, so groß seien die Wassermengen gewesen. „Kanäle sind auf dreijährliche Ereignisse ausgelegt.“ Nach inoffiziellen Angaben sei beim ersten Aufbrausen am Samstag Stöckig – wieder einmal – am stärksten vom Regen betroffen gewesen: „110 Liter auf den Quadratmeter binnen einer Stunde“, sagt Brunner. Im Hauptort seien es 100 Liter gewesen, Richtung Ramsenthal habe man 50 Liter messen können. „Das passt auch zum Schadensbild“, sagt Brunner.

Mit einem Keller fing alles an

Der erste Einsatz sei am Samstag für die Feuerwehr ein vollgelaufener Keller in der Birkenstraße in Stöckig gewesen, danach habe die „Chaosphase“, wie Brunner es nennt, begonnen. Einsätze überall. Der – gelungene – Versuch, „die kritische Infrastruktur wie Hochbehälter und Klärwerk“ zu schützen. Und im Anschluss im Industriegebiet zwischen Bayreuth und Bindlach zu pumpen, um das Volllaufen der Betriebe zu verhindern. Zu dem Zeitpunkt am Nachmittag sei die Einsatzleitung vom Bindlacher Kommandanten Marco Neugebauer auf Kreisbrandrat Hermann Schreck übergegangen, allein am Samstag seien 40 Feuerwehren mit mehr als 300 Einsatzkräften in Bindlach im Einsatz gewesen, sagt Brunner. „Es wurden Abschnitte gebildet, die betroffenen Straßenzüge Stück für Stück abgearbeitet. Wir hatten im ganzen Hauptort keinen Straßenzug, aus dem keine Schadensmeldung gekommen ist. Extrem erwischt hat es am Samstag unter anderem Gemein, Euben und Zettlitz, aber am Sonntag auch Allersdorf und Dressendorf.“

Polder löst erstmals aus

Zum ersten Mal ausgelöst hat der Polder Flürlein, das 50 000 Kubikmeter Wasser fassende Hochwasserstaubecken zwischen Bindlach und Allersdorf, das 2010 fertiggestellt worden war, und das Wasser aus dem Furtbach und vom Oschenberg puffern soll. „Der Polder hat funktioniert und das Wasser um den Hauptort herumgeleitet“, sagt Brunner erleichtert. Speziell am Samstag sei das Unwetter „mit dem vom Juni vergangenen Jahres in keiner Weise vergleichbar“ gewesen: „Die Menge und Intensität des Regens war deutlich höher. Was dazu geführt hat, dass natürlich dann am Sonntag jeder neue Tropfen einer zu viel war“, sagt Brunner, der am Sonntagabend gegen 18.30 Uhr vor Ort im Gespräch mit dem Kurier „eine erste leichte Entspannung und leicht sinkende Pegel“ feststellt.

„Wie auf der Titanic“

Während die Einwohner der Bindlacher Ortsteile am Montag ihre Keller trocknen und zerstörte Geräte zur Abfuhr bereit stellen, hat das Möbelhaus Pilipp nach Aussagen einer Unternehmenssprecherin aus der Ansbacher Zentrale „ganz normal geöffnet, auch die Auslieferung läuft“. Allerdings könne man noch nicht sagen, welchen Schaden eindringendes Wasser angerichtet hat. „Wir sind noch bei der Aufnahme des Schadens.“ Wie im vergangenen Jahr, sagt Brunner, sei bei dem Möbelhaus die einzige Möglichkeit gewesen das Wasser in Güllefässer zu pumpen, abzufahren und hinter dem Bauhof Richtung Trebgast zu leiten. „Bis nachts um 1 Uhr gab es den Pendelverkehr.“ Eine Anwohnerin aus der Straße Hinterlehen, deren Anwesen in dieser Straße mit am stärksten betroffen war, sagt im Kurier-Gespräch am Montag, sie sei fix und fertig von der Beseitigung der Wassermassen in ihrem Keller am Samstag und Sonntag. „Das Wasser ist aus der Toilette hochgeschossen im Keller, das war wie auf der Titanic“, sagt die Bindlacherin, die das Ausmaß der Schäden noch gar nicht abschätzen kann: „Das Wasser stand 30 Zentimeter hoch im Keller.“

Bürokratie hemmt

Was Brunner ärgert: Bayreuth und Bindlach arbeiten an einem Hochwasserschutz-Konzept, um gerade Wasser von der Hohen Warte – das zum Beispiel Stöckig beeinträchtigt – puffern zu können. Auch aus dem Hussengut berichten Anwohner am Montag von reihenweise vollgelaufenen Kellern. „Es gibt für den Hochwasserschutz drei Varianten. Allerdings streiten sich Wasserwirtschaftsamt und Landesamt für Umwelt darum, welche Niederschlagswerte eigentlich für die Varianten-Diskussion anzusetzen sind. Diese Bürokratie bremst uns, hier ist die Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt, das kann man auch keinem Bürger erklären. Vor allem nicht Betroffenen, die es zum zweiten Mal in einem Jahr erwischt hat.“

Nachbarn unterstützen sich gegenseitig

Unterm Strich, sagt Brunner, sei Bindlach „angesichts der Heftigkeit des Unwetters noch halbwegs glimpflich“ davon gekommen. „Ein blaues Auge, kein Voll-K.O.“ Vor allem wegen der unermüdlichen Arbeit der Einsatz- und Hilfskräfte „und der Nachbarn, die sich gegenseitig unterstützt haben“. Das Unwetter, sagt Brunner, „sei wirklich etwas ganz Extremes“ gewesen.

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