Formula Student Studenten bauen Elektro-Rennauto

Sophia Goldner

Nach drei Jahren Entwicklung ist er nun fertig: der neue Bolide von „HofSpannung“. Feierlich enthüllen die Mitglieder das Rennauto beim Roll-out.

Unter einem grauen Tuch verborgen, steht der kleine Rennwagen auf dem großen Podium. Über 100 Gäste aus Hochschulen und Industrie warten gespannt, bis der Schleier gelüftet wird. Musik, Nebel und eine Lichtshow steigern die Spannung.

Drei Jahre hat Christian Kießling  neben seinem Studium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof an dem Rennwagen getüftelt und geschraubt. „Viele meiner Freunde haben an eine Seifenkiste gedacht, als ich ihnen von dem Projekt erzählt habe“, sagt der angehende Werkstofftechniker schmunzelnd.

Die Luft im Saal knistert, während die Vorsitzende des Vereins „HofSpannung Motorsport“ auf die Bühne geht. Es ist ganz still. Alle warten gespannt drauf, was Lea Schmidt zu sagen hat. „Die Pandemie hat es uns nicht leicht gemacht. Doch trotz Lieferschwierigkeiten, steigender Materialpreise und Personalmangels haben wir es geschafft und können euch heute das fertige Rennauto zeigen.“ Auch Jürgen Lehmann, der Präsident der Hochschule Hof, widmet dem Verein ein paar Worte: „Ich bin unendlich stolz, was hier passiert. Man muss nicht die besten Noten haben, wenn man als Team so unschlagbar ist wie ,HofSpannung’.“

Christian Kießling kommt ursprünglich aus Schönbrunn. Obwohl das  Dorf bei Wunsiedel fern von den großen Formel-1-Rennstrecken in Barcelona oder Abu Dhabi liegt, begeistern ihn die schnellen Fahrzeuge  sehr: „Ich schaue mir gerne die Rennen im Fernsehen an.“ Dennoch hat seine Motivation für „HofSpannung“ einen ganz anderen Ursprung: „Ich habe früher in meiner Kindheit gerne gebaut.  Lego-Technik hat mich sehr fasziniert. Die Steine  zu zerlegen und  anschließend wieder anders zusammenzubauen, fand ich sehr interessant. Das ist auch der Grund dafür gewesen, dass ich ein Ingenieurstudium angefangen habe.“

Dass es sich bei dem modernen Rennauto nicht um eine rudimentäre Seifenkiste handelt, wird spätestens klar, als  Talea Schmidt aus dem Businessteam die Vertreter des  Elektro- und Mechanik-Teams  vor den Gästen interviewt. Dabei stellt sich heraus, dass die Vereinsmitglieder die komplizierte Technik des rasanten Gefährts immer weiter entwickeln. Das erkennt auch Jens Löbus, Geschäftsführer des Digitalen Gründerzentrums Einstein 1: „Ihr habt den tollsten und innovativsten Verein hier. Ihr wisst, wie man komplexe Probleme einfach löst. Ihr bleibt immer am Ball und seid mit Herzblut dabei.“ Im Interview stellt sich heraus, dass das Rennauto vollelektrisch  angetrieben wird. Der Motor leistet  knapp 136 Pferdestärken. Allerdings sind laut dem zweiten Vorsitzenden und Leiter der Mechanik-Abteilung Johannes Dietrich nur 80 Kilowatt bei den Rennen zulässig. Das entspricht ungefähr 109 Pferdestärken.  Das Neu-Rennauto „Clyde“ beschleunigt von 0 auf 100 in 3,2  Sekunden. Somit ist es etwas schneller als das Vorgänger-Modell „Bonnie“. Die   Topspeed ist offiziell nicht bekannt. Bis Tempo 145 Stundenkilometer schafft es die Tachonadel maximal, dann wird allerdings abgeriegelt. Eine der wichtigsten Neuerungen ist das Aerodynamik-Paket, das für mehr Abtrieb sorgt.

In seinem Studium lernt Christian Kießling  alles über Werkstoffe, ihre  Einsatzmöglichkeiten, die Prüftechniken und das Projektmanagement. Allerdings fehlt ihm die praktische Umsetzung im Alltag. Im Verein findet er einen Ausgleich dafür. „Bei ,HofSpannung’ entwickle ich mich persönlich enorm weiter. Man lernt bei dem Rennauto-Projekt so unfassbar vieles, was man vom  Umfang her in keinem Studium lernen könnte. Damit meine ich nicht nur das  Know-how. Im Verein ist man  gezwungen, Verantwortung zu übernehmen. Ich musste in der Vergangenheit bereits  Teilprojekte eigens durchführen. Man weiß, dass sich die  anderen auf einen verlassen.“

Das Team spielt ein  Video ab. Es ist mit epischer Musik untermalt und gibt einen Einblick in den Entstehungsprozess des neuen Gefährts. Dann ist es  so weit. Das „HofSpannung“-Team macht sich bereit, um das neue Rennauto namens „Clyde“ zu enthüllen. Aufgeregtes Murmeln verbreitet sich langsam im Saal, während die Teamleiter der vergangenen drei Jahre heldenhaft zum verhüllten Rennwagen marschieren. Eindrucksvoll stellen sie sich um das Fahrzeug auf. Zwei Mitglieder positionieren sich  etwas weiter vorne. Dann beginnt die Show.  Alles wird in Nebel gehüllt. Man sieht nichts. Lediglich die aufregende Musik lässt erahnen, dass gleich Eindrucksvolles zu sehen sein wird. Eine Lichtshow begleitet   die Enthüllung. Im Nebel sieht man die Umrisse der beiden Vordermänner, wie sie sich strecken, um das graue Tuch vom Rennwagen  zu entfernen. Elegant ziehen sie es von „Clyde“ herunter.

„Bei ,HofSpannung’ haben wir ein Mechanik-, Elektro- und Business-Team“, erklärt Christian Kießling. Er selbst war zuerst im Mechanik-Team. Dort hat er eigenständig eine Versuchsreihe durchgeführt, um ein besseres Material für die Verkleidung des Rennautos zu finden. Seitdem dies abgeschlossen ist, unterstützt er das Business-Team. Dort kümmert er sich beispielsweise um die Kommunikation innerhalb von „HofSpannung“, er kontaktiert aber auch die Sponsoren. „In den letzten Wochen vor dem Roll-out war im Verein  Stress pur“, erzählt Kießling. „Bis dahin mussten wir das  Rennauto komplett fertigkriegen und das Event komplett durchplanen. Deshalb haben  viele Mitglieder Tage und Nächte durchgearbeitet und nur wenig geschlafen –  höchstens drei oder vier Stunden.“

Zum Vorschein kommt dann endlich ein schwarzer Rennwagen mit pinkfarbenen Akzenten. Die weißen Schriftzüge auf dem Wagen ehren die Sponsoren. Er ist eine kleine Version der Formel-1-Autos und steht ihnen auch optisch in nichts nach: flach wie eine Flunder, Spoiler vorne, Flügel hinten, hochwertige Verkleidung, ergonomischer Fahrersitz. Lediglich die Abmessungen erinnern an ein Kart. Das alles eigens von Studenten entwickelt. Der Saal staunt.

Hinter solch einem für einen Verein  enormen Engagement steht offensichtlich mehr als nur die Freude am Lego-Spiel. Auf Nachfrage erklärt der Werkstofftechnik-Student: „Ich habe gesehen, dass in der Gruppe sehr aktive, kreative und lustige Menschen sind. Wir haben alle Bock, zusammen was Großes zu schaffen.“ Er sieht das „HofSpannung“-Team mittlerweile sogar als    große Familie: „Ich habe in der Zeit, in der ich dabei bin, bestimmt sechs bis zehn Freunde fürs Leben gefunden.  Unser Verhältnis ist sehr gut. Trotzdem ist Kritik manchmal wichtig, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.“

„Unser heutiges Roll-out  ist der erste Schritt – in Richtung Italien, in Richtung Wettkampf“, verkündet die Vorsitzende stolz. Die Leute applaudieren und stehen auf, um Fotos von dem Auto zu machen.

Seine berufliche Zukunft führt  Christian Kießling nach eigener Aussage  allerdings nicht unbedingt in ein Motorsport-Team. „Da sind die Besten der Besten. Mir gefällt es, Dinge zu organisieren und mit anderen zu kommunizieren – vielleicht wird daraus mal etwas. Diese Fähigkeiten habe ich übrigens auch dem Verein zu verdanken“, sagt er.

Weniger glamourös als das Original ist die After-Show-Party nach dem Roll-out. Rasch wird das   kleine Schwarze gegen die knallpinken Teamshirts ersetzt. Statt Champagner  gibt es Bier.

Der Verein
„HofSpannung“ ist das Formula-Student-Team der Hochschule Hof. Formula- Student ist ein internationaler Konstruktionswettbewerb. Die Studenten sollen dafür eigenständig einen funktionstüchtigen Rennwagen entwickeln und fertigen. Auf Events messen sich die Teams untereinander. „HofSpannung“ tritt in diesem Jahr in Italien an.
 

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