Uni-Studie Warum Seniorengenossenschaften boomen

Jung hilft alt bei Jaz: Carolin Adelhardt zeigt Hilde Klein, wie das Surfen mit dem Tablet. Der Verein Jaz hätte gern mehr junge Mitglieder. Foto: Archiv/Andreas Harbach

BAYREUTH. Können Seniorengenossenschaften eine Antwort auf den demografischen Wandel geben? Dieser und anderen Fragen sind Bayreuther Studenten nachgegangen. Eine Arbeit, die Generationen zusammengebracht hat – und gleichzeitig zeigt, wie groß die Kluft zwischen ihnen ist.

Jung und alt zusammen in Bayreuth – das ist nicht nur der Name der Seniorengenossenschaft (Jaz), die sich vor gut einem Jahr gegründet hat, das beschreibt auch die Situation in dem Hörsaal, in dem Prof. Georg Kamphausen und seine Studenten am Freitag die Ergebnisse der Studie vorstellen.

Im Publikum sitzen neben den Studenten Vertreter und Mitglieder der drei untersuchten Seniorengenossenschaften in Bayreuth, Kronach und Lichtenfels sowie weiterer Seniorenorganisationen. Durch die Kurier-Berichterstattung über Jaz seien sie auf das Thema aufmerksam geworden, sagt Studentin Silvia Wiegel.

16 Organisationen in Bayern

Wiewohl es um Senioren geht, ist das Thema jung. Vor zehn Jahren gab Seniorengenossenschaft in Bayern noch nicht, mittlerweile hat das Sozialministerium 16 Seniorengenossenschaften mit je 30 000 Euro Anschubfinanzierung gefördert, in Oberfranken neben den drei genannten eine weitere in Wunsiedel.

Folge des Wandels

Der Boom sei eine Folge des demografischen Wandels und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen, sagt Kamphausen. Die Menschen würden immer älter, wenn sie in den Ruhestand gehen, hätten sie oft noch 20, 25 Jahre Lebenszeit vor sich. „Erstmals haben heute auch alte Menschen eine Zukunft.“ Diese Zukunft müsse aber anders als früher gestaltet werden, weil der Kontakt innerhalb der Familien problematischer geworden sei. Kamphausen spricht von „Defamilisierung“: Geburtenrückgang, hohe Mobilität und oft Wegzug der Kinder führten dazu, dass man selber fürs Alter Vorsorge treffen müsse.

Trennung der Generationen

Die Menschen wollten ihre Lebenszeit selber gestalten, autonom sein. Gleichzeitig wachse das Bedürfnis nach Anerkennung und sozialer Funktion und Integration. Es gebe den Drang, sich mit anderen seiner Generation zusammenschließen. Gerade das führe zu einer Trennung der Generationen. Vor diesem Hintergrund sei der Ansatz von Jaz, die Generationen zusammenzuführen, „ein Schuss in die richtige Richtung“, sagt Kamphausen.

Das Prinzip

Mehr als 420 Mitglieder hat Jaz in einem Jahr gewonnen (wir berichteten), fast 1000 Mitglieder zählt die 2010 gegründete Kronacher Seniorengemeinschaft, knapp 300 sind es in Lichtenfels. Das Prinzip: Die Mitglieder bieten Dienstleistungen an – ohne in Konkurrenz zu Profi-Organisationen zu treten – und können welche abrufen. Bei Jaz kann dies wahlweise gegen Bezahlung erfolgen. Das Ziel: Menschen im Alter oder bei Behinderung ermöglichen, möglichst lange zuhause leben zu können.

Jeder Dritte passiv engagiert

An 1300 Mitglieder der drei Genossenschaften hatten die Studenten Fragebögen verschickt, fast jeder Zweite antwortete, zudem gab es einige ausführliche Interviews. Ergebnis: Bildung und Einkommen der Mitglieder sind im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung leicht überdurchschnittlich. Die Mehrzahl hat entweder noch keine Leistung angeboten oder noch keine abgerufen. Jeder Dritte hat bisher sogar weder das eine noch das andere getan. Als mögliche Erklärung für dieses passive Engagement werden die Vorsorge für die eigene Zukunft, das Bedürfnis nach Kontakt im Alter oder der Wunsch, eine gute Idee zu unterstützen, genannt.

Was besonders gefragt ist

Die meisten Mitglieder sind verheiratet oder haben Partner, jeder Dritte bekommt nie Hilfe von der eigenen Familie, 37 Prozent gaben an, manchmal Hilfe von der Familie zu erhalten. An Leistungen nachgefragt werden vor allem Gartenarbeit, Begleitungen etwa zum Arzt, Einkauf oder Behörden und begleitete Fahrdienste, als besonders wichtig wird zudem Hilfe im Haushalt angesehen. Das Durchschnittsalter liegt bei gut 72 Jahren, mehr als drei Viertel der Mitglieder sind älter als 65 Jahre.

Ergänzung, nicht Ersatz

Die Genossenschaften sähen sich nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu bestehenden Strukturen zum Beispiel von Wohlfahrtsverbänden, sagte Kamphausen. Es sei aber sehr fraglich, ob der Wohlfahrtsstaat die Erwartungen angesichts des demografischen Wandels auch künftig erfüllen könne.

Die Jugend fehlt

Ein wenig Kopfzerbrechen bereitet Jaz-Geschäftsführerin Monika Helgert und Bianca Fischer-Kilian, Gründerin der Seniorengemeinschaft Kronach, dass nur wenige junge Menschen beigetreten sind. „Wir wollen nicht wie ein Altenverein aussehen“, sagt Helgert und fragt ihrerseits die Studenten: „Wollt ihr nicht Mitglieder bei uns werden?“ „Reicht es nicht, wenn die jüngeren Alten in den Genossenschaften den Hochbetagten helfen?“ fragt Studentin Silvia Wiegel zurück. Tut es nicht, erwidert eine ältere Diskussionsteilnehmerin. Als Großmutter erlebe sie, wie phantastisch es sei, was zwischen ihr und ihren Enkeln „fließen“ könne – wenn sie denn mal da sind. Helgert drückt es so aus: Ältere hätten gern junge Menschen um sich, „das tut ihnen gut“.

Werbung an Schulen

Wie es gehen könnte, verriet Fischer-Kilian: „Wir haben nach Werbung an Schulen 15 Schüler gewinnen können.“ Aber was können diese Schüler in einer Seniorengenossenschaft erwarten, außer einer Aufbesserung ihres Taschengeldes? Kamphausen formuliert es so: Man müsse auch lernen, dass man der Gesellschaft etwas zurückgeben müsse. „Die Welt besteht nicht nur aus Freiwilligkeit.“

 

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