Uni Bayreuth Studium in Zeiten der Digitalisierung

BAYREUTH. Die Digitalisierung verändert unseren Alltag und das Berufsleben. An den Universitäten beeinflusst sie in immer größerem Maße Forschung und Lehre. Über die Informationsflut sowie neue Formen des Lehrens und Lernens sprachen wir mit Prof. Torsten Eymann, Vizepräsident für Informationstechnologie und Unternehmertum an der Uni Bayreuth.

Wo macht sich die Digitalisierung an der Universität bemerkbar?

Prof. Torsten Eymann: Eine Universität engagiert sich in Forschung und Lehre, daher sind Digitalisierung in der Forschung und Digitalisierung in der Lehre jeweils eigene Themenkomplexe. Hinzu käme die Digitalisierung der Verwaltung, wobei das nicht anders ist als in anderen Behörden und Unternehmen. Die Digitalisierung der Lehre ist der jeder Schule, Aus- oder Weiterbildungseinrichtung sehr ähnlich.

Vor 20, 30 Jahren hatte niemand Smartphones, E-Mail, Google oder Wikipedia. Wie hat das die Lehre verändert?

Eymann: Bei der Digitalisierung der Lehre hat sich viel verändert. Heutige Studierende und Schüler können immer über Google und Wikipedia etwas nachschauen. Es gibt Kurse auf dem Internet oder Vorlesungen anderer Hochschulen, die man sich angucken kann, auch englischsprachige aus dem Ausland. Wir haben also ganz viel Material. Früher haben die Studierenden die Bücher in der Bibliothek gelesen und ein Skript zu den Vorlesungen erhalten. Das war ihr Zugang zu Wissen und Information. Heute ist das ganz anders.

Inwiefern?

Eymann: Auch als Lehrende haben wir heute eine andere Rolle. Wir sind nicht mehr diejenigen, die das Wissen beschaffen und in einer Vorlesung präsentieren, weil man da sonst nicht herankommt. Wir kuratieren heute: im Endeffekt erstellen wir eine Playlist, wie man im Musikbereich sagen würde. Wir machen die Musik nicht mehr selber. Wir sagen: Zu dem Thema bietet sich folgendes gutes Material an. Unser Job ist es jetzt, zu gucken, welche Qualität die Informationen im Internet haben.

Zitieren nach Wikipedia geht gar nicht?

Eymann: Ein amerikanischer Professor hat dazu einen Artikel verfasst: „Why you can’t cite wikipedia in my class“ (dt.: „Warum Sie bei mir nicht Wikipedia zitieren dürfen“). Jeder kann etwas hineinschreiben, die Quelle ändert sich die ganze Zeit. Wenn der Student daraus für seine Bachelorarbeit etwas entnimmt, kann im nächsten Moment jemand anderes etwas verändert haben, was dann bei der Korrektur auffällt. Sie finden im Internet zu allem etwas. Man kann Medizinstudenten, die zum Beispiel etwas über Impfungen lernen wollen, nicht einfach aufs Internet loslassen. Früher stand zwischen ihnen und dem Wissen ein Filter, der Bibliothekar oder der Professor, der ausgewählt hat, was wirklich wichtig und korrekt ist. Die Lernsituation heute ist eine völlig andere.

Gelingt es Ihnen überhaupt noch, sich bei dieser Flut an Informationen einen Gesamtüberblick zu verschaffen?

Eymann: Ich habe tatsächlich nicht die Möglichkeit, über alles Bescheid zu wissen. Wenn ich ein gutes Lehrbuch gefunden habe, kann ich auf andere Leute verweisen. Ich weiß zwar vielleicht nichts über einen bestimmten Bereich, wie zum Beispiel Mikroplastik, aber ich kenne jemanden wie Christian Laforsch, der dazu etwas weiß. Ich verlinke, wenn Sie so wollen. Das Studium ist heute eine komplett andere Welt.

Wie verändert die Digitalisierung die Prüfungssituation von Studenten?

Eymann: Im späteren Arbeitsleben gibt es die Situation nicht, dass ich etwas auswendig Gelerntes wiedergeben muss. Alles ist verfügbar, alles kann nachgeschlagen werden. Daher sind die Prüfungen mittlerweile auch anders, und ich muss zum Beispiel die unterschiedlichen Antworten gegeneinander abwägen. Die Studierenden lernen mit Lernprogrammen am Computer. Das einzige Mal, dass Papier ins Spiel kommt, ist während der Prüfung.

Warum prüfen Sie noch nicht am Laptop?

Eymann: Das ist gerade ein großes Thema. Elektronische Prüfungen haben wir in Teilen, zum Beispiel in Konstruktionslehre/Computer Added Design (CAD). Vor Ort können Sie die Studentenausweise überprüfen und die Identität feststellen. Wenn die Prüfung irgendwo in der Welt gemacht wird, ist das schwieriger. Man kann zum Beispiel verlangen, dass eine Webcam installiert und der Prüfling damit aufgenommen wird.

Ist das E-Learning schon sehr weit verbreitet?

Eymann: Die Lernsoftware, die wir eingerichtet haben, heißt Moodle. Jeder Dozent hat für seine Lehrveranstaltung einen eigenen Datenspeicher. Der Student muss sich einloggen und kommt so an die Folien als PDF und anderes, was da eingestellt wird. Man kann sich für einen Kurs anmelden und kommt zu einer Webseite und wird über Inhalte per E-Mail informiert. Man kann interaktive Übungsblätter oder kleine Quizze einstellen, bis hin zu elektronischen Klausuren. Wir verwenden Moodle, um Materialien abzulegen wie Skripte und können Benachrichtigungen verschicken, die alle erreichen.

Muss ich überhaupt noch physisch präsent sein in Seminaren oder Vorlesungen?

Eymann: Ich habe eine Vorlesung im Audimax, 1. Semester Betriebswirtschaftslehre, Programmierung. In der allerersten Woche ist alles knallvoll, 400 Studierende. Die Vorlesung wird auf Video aufgezeichnet, die Skripte gibt es als PDF-Datei zum Herunterladen, und am Ende steht eine Open-Book-Klausur, bei der man alles mitbringen darf. Ab der vierten, fünften Woche sitzen nur noch 150 Leute drin. Aber zur Vorlesung gibt es Tutorien, dort lernt man Programmierung durch Übung direkt am Computer. Die Tutorien sind voll, dort lernt man durch Üben. Wir nennen das „Blended Learning“, online und physisch gemischt. Das funktioniert gut.

Vereinzeln die Studenten nicht, weil sie weniger soziale Kontakte haben, da sie ja nicht mehr in die Vorlesung müssen?

Eymann: Gerade beim „Blended Learning“ sollte man sich immer noch in Gruppen treffen und über die Inhalte diskutieren. Ansonsten hat man nichts davon. Ein ähnliches Konzept nennt sich „Flipped Classroom“. Ich drehe die Wissensvermittlung um: Statt Wissensvermittlung im Hörsaal und Übungen als Hausaufgabe gibt es Wissensvermittlung vorab durch eine aufgezeichnete Vorlesung aus dem Internet. Im Hörsaal mache ich eine Übung zu meiner Vorlesung. Die Möglichkeit der sozialen Interaktion kann im Hörsaal letztlich besser genutzt werden.

Werden die Studenten in den Schulen darauf vorbereitet?

Eymann: In den Schulen haben wir genau die gleichen Möglichkeiten. Ich muss die Leute zum eigenständig Lernen, Wissen beschaffen und abwägendem Diskutieren bewegen. Universitäten sind schon immer ein Experimentierfeld, wie es später im digitalen Klassenzimmer aussehen könnte. Unsere Professoren bilden ja die Lehrer von morgen aus, daher setzen unsere Kollegen in der Biologie und der Mathematik auf elektronische Didaktik und sagen nicht: „Kreidetafel ist das Beste, was es gibt.“ Aber das muss alles noch viel durchlässiger werden, wir müssen das mit den Schulen gemeinsam entwickeln.


Zur Person: Prof. ​Torsten Eymann ist seit 2004 Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insb. Wirtschaftsinformatik an der Universität Bayreuth und stellvertretender Leiter der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer FIT. Seit 2015 ist er Vizepräsident der Universität Bayreuth für Informationstechnologie und Entrepreneurship. Von 2009 bis 2015 engagierte er sich als Präsident des Betriebswirtschaftlichen Forschungsinstituts für Fragen der mittelständischen Wirtschaft an der Universität Bayreuth e.V. (BF/M).

Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der vertrauenswürdigen Steuerung komplexer und risikobehafteter IT-Umgebungen, insbesondere im Cloud Computing und Software-as-a-Service, sowie Ubiquitous Computing und Ambient Intelligence im Gesundheitswesen.

 

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