Tokio - Die Olympische Flamme ist in Japan eingetroffen. Ob sie aber auch am 24. Juli im Nationalstadion von Tokio zur Eröffnung der XXXII. Sommerspiele lodern wird, bezweifeln immer mehr aktuelle und ehemalige Athleten, Sportfunktionäre und -politiker.

"IOC-Präsident Thomas Bach hängt zwar an den Spielen, aber es wäre schlau, sie um ein Jahr zu verlegen", sagte Zehnkampf-Olympiasieger Willi Holdorf der Deutschen Presse-Agentur. Der 80 Jahre alte Leichtathlet gewann 1964 bei den Spielen in Tokio die Goldmedaille.

Noch deutlicher wurde der frühere Fußball-Weltmeister Paul Breitner. "Wenn ich diese unverantwortlichen Profilneurotiker des IOC sehe, kommt mir das Kotzen! Die wollen allen Ernstes ein Hochamt des Dopings in Tokio im Sommer. Sind die blind? Wissen die nicht, was jetzt abgeht?", sagte der 68 Jahre alte Bayer Breiter im Interview der Zeitungen "Münchner Merkur" und "tz" und ergänzte: "Ja, verdammt nochmal, wer braucht in diesen Zeiten diese Spiele? Niemand!"

Die Sportausschussvorsitzende des Bundestages spricht von einer "Hinhaltetaktik". Diese diene "einzig den Interessen des IOC und des Organisationskomitees in Tokio", sagte Dagmar Freitag der Deutschen Presse-Agentur und fügte hinzu: "Die Athleten, ohne die es übrigens das Produkt Olympische Spiele nicht geben kann, sind eindeutig die Leidtragenden."

Von den Aktiven setzt es entsprechend Kritik. Die strikte Haltung des IOC, an den Tokio-Spielen wie geplant festzuhalten, kann Boxerin Nadine Apetz nicht verstehen. "Die Bedingungen für die Qualifikation sind momentan katastrophal, wir wissen nichts, und die Athleten sind auf unterschiedlichen Leistungsniveaus", sagte die Athletensprecherin des Deutschen Boxsport-Verbandes dem "Spiegel". Eine Verschiebung der Spiele wäre die beste Lösung. Apetz: "Ich sehe nicht, dass Olympia stattfindet."

Ähnlich argumentiert die deutsche 400-Meter-Meisterin Luna Bulmahn aus Hannover. "Es wäre den Sportlern gegenüber nicht fair, wenn die Spiele bei unklarer Lage stattfinden würden", meinte die 20-Jährige im Interview der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Allein im Olympischen Dorf wären so viele Athleten auf einem Haufen, dass die Ansteckungsgefahr sehr hoch wäre. "Das IOC kann es sich eigentlich nicht erlauben, dass sich nur ein einziger Sportler während Olympia mit Corona infiziert", so Bulmahn.

Dass die Spiele nicht längst abgesagt sind, kann die die Doppel-Olympiasiegerin von 1972, Heide Ecker-Rosendahl, nicht nachvollziehen."Sie haben nur Angst um ihre Finanzen oder das Gesicht zu verlieren. Ich finde das sehr bedenklich", sagte sie der dpa. Sie finde es "erstaunlich, wie wenig Rücksicht man auf die Athleten" nehme.

Es sei allerhöchste Zeit, dass das IOC das Thema Chancengleichheit und Qualifikation überhaupt einmal diskutierte, meinte Freitag. "Das hörte sich vor wenigen Tagen ja noch völlig anders an, nach dem Motto: 'The Show must go on'", sagte die SPD-Politikerin. Ein fairer Wettkampf setze auch die Einhaltung von Regeln, Dopingkontrollen und Chancengleichheit bei dem Erreichen von Qualifikationsnormen voraus. "Nichts davon ist zur Zeit gegeben. Und wird es bis Juli auch nicht mehr geben können", meinte Freitag.

Und selbst die Deutsche Olympische Gesellschaft forderte das IOC zum Handeln auf. "Das IOC sollte den Mut haben, die Olympischen Spiele von Tokio 2020 abzusagen und die Menschen, die Sportler, die Sportwelt nicht länger im Ungewissen lassen", sagte DOG-Vizepräsident Hans-Joachim Lorenz. Es gehe nicht mehr um die Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation, die nach Ansicht von IOC-Präsident Thomas Bach abzuwarten sei. "Es geht um die eigene Entschlossenheit! Es geht auch um Fairness", sagte Lorenz.

Der norwegische Sport-Dachverband NIF forderte das IOC auf, eine mögliche Verlegung der Sommerspiele in Tokio wegen der Coronavirus-Pandemie in Betracht zu ziehen. "Angesichts der höchst unklaren Situation in Norwegen und in weiten Teilen der Welt ist es weder verantwortlich noch wünschenswert, norwegische Sportler zu den Olympischen oder Paralympischen Spielen 2020 nach Tokio zu schicken, bevor die Weltgemeinschaft diese Pandemie hinter sich gelassen hat", wurde Sportpräsidentin Berit Kjøll in einer Pressemitteilung zitiert. Der NIF fungiert als Nationales Olympisches und Paralympisches Komitee für Norwegen.

In einem Brief an IOC-Präsident Bach wies Kjøll darauf hin, dass Norwegen im Zuge der Corona-Krise jede Art von organisiertem Sport und sportliche Veranstaltungen verboten habe. Das sei eine große Herausforderung für den norwegischen Sport.

Der vielstimmige Chor der Kritiker findet beim IOC offenbar kein Gehör. Nach dem Motto "Business as Usual" wird am traditionellen olympischen Prozedere festgehalten. Per Flugzeug aus Griechenland traf die Olympische Flamme auf dem japanischen Militärstützpunkt in Higashimatsushima ein. Allerdings war die Zeremonie kleiner als geplant. 200 Schüler, die ursprünglich eingeladen waren, durften wegen der Coronavirus-Gefahr nicht teilnehmen. "Wir wissen zwar nicht, wie lang der Tunnel sein wird, in dem wir uns jetzt alle befinden, aber wir möchten, dass die olympische Flamme ein Licht am Ende dieses Tunnels ist", twitterte Bach.

In einem Interview mit der "New York Times" wehrte sich der IOC-Chef weiter gegen jegliche Spekulation über eine Verlegung. "Natürlich bedenken wir verschiedene Szenarien, aber im Gegensatz zu vielen anderen Sportverbänden oder Profi-Ligen sind wir viereinhalb Monate entfernt von den Spielen", erklärte der 66-jährige Deutsche.

"Wir sind von dieser Krise betroffen wie alle anderen, und wir sind besorgt wie alle anderen", sagte Bach. "Wir leben nicht in einer Blase oder auf einem anderen Planeten." Was diese Krise so einzigartig und so schwer zu überwinden mache, sei die Unsicherheit. "Deshalb wäre es in keiner Weise verantwortlich, jetzt ein Datum festzulegen oder eine Entscheidung zu treffen, die auf der Spekulation über die zukünftigen Entwicklungen beruht." Auch die Organisatoren und die Regierung des Ausrichterlandes halten an den Plänen fest, Olympia vom 24. Juli bis 9. August und die Paralympics von 25. August bis 6. September auszurichten.

Der US-Medienkonzern Discovery mit sein Tochter-Unternehmen Eurosport sieht unterdessen die Unsicherheiten gelassen. "Da wir für alle Fälle abgesichert sind, erwarte ich keinen substanziellen Schaden für Discovery bei jeglichen Entscheidungen im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Tokio", sagte Finanzvorstand Gunnar Wiedenfels (42) der "Süddeutschen Zeitung". Der Konzern hatte vor fünf Jahren die TV-Rechte an den Olympischen Sommer- und Winterspielen von 2018 bis 2024 für geschätzte 1,3 Milliarden Euro erworben.

Unterstützung erhält Bach vom deutschen Kanu-Verbandschef Thomas Konietzko. "Stellen Sie sich vor, was das für ein positives Zeichen für die Welt wäre, wenn es uns gelingt, die Olympischen Spiele als erste Veranstaltung nach dieser weltweiten Krise stattfinden zu lassen", sagte der DKV-Präsidet der Zeitung "Neues Deutschland".