Turbulente Zeiten für die Handwerkskammer „Die Stimmung ist nach wie vor etwas angespannt“

Handwerkskammer-Präsident Matthias Graßmann (Zweiter von links) sprach mit Wirtschaftskorrespondent Roland Töpfer (links) und Matthias Will, Wirtschaftsressortleiter von Frankenpost und Neue Presse, über seine schwierigen ersten Monate an der Spitze der HWK. Foto: Michaela Heimpel

Matthias Graßmann hat als Handwerkskammer-Präsident ein schwieriges Amt übernommen. Wie hat er die ersten drei Monate erlebt? Was treibt ihn an? Und was lief jahrelang schief in der HWK?

Hof/Coburg/Bayreuth - Die Handwerkskammer für Oberfranken (HWK/Bayreuth) hat schwierige Zeiten hinter sich. Präsident und Hauptgeschäftsführer mussten gehen, juristisch ist der Millionenskandal um die Steuerberatungstochter GTO noch längst nicht aufgearbeitet. Seit rund 100 Tagen ist Matthias Graßmann neuer HWK-Präsident. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über die Konjunktur, den Skandal um die GTO und die aktuellen Herausforderungen für die Handwerksbetriebe.

Herr Graßmann, haben Sie es schon mal bereut, dass Sie das Amt übernommen haben?

Matthias Graßmann: Nein, bereut habe ich es nicht. Aber es ist schon sehr sportlich.

Der Skandal um die HWK-Tochter GTO hat viel Unruhe ins Handwerk gebracht. Wie ist die aktuelle Stimmung?

Die Stimmung ist nach wie vor etwas angespannt, das kann man nicht abstreiten. Es ist notwendig, dass man viele Gespräche führt, erklärt, darstellt, um wieder Ruhe reinzukriegen.

Was treibt die Leute vor allem um?

Sie konnten sich so einen Sachverhalt, wie er mit der GTO und GTU passiert ist, nicht vorstellen. Wir haben sehr viele ehrenamtlich Tätige, die sich mit Herzblut, mit Engagement einbringen, und dann sieht man auf der anderen Seite, was in einer Handwerksorganisation auch möglich ist.

Da sind Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren gegangen?

Ja, mit Sicherheit.

Wie lange dauert es, bis das Vertrauen wieder zurückkommt?

Wir hoffen, dass wir auf einem guten Weg sind. Deshalb auch die absolute Transparenz der Aufklärung. Wir wollen alles auf den Tisch legen. Wir denken schon, dass wir da Schritt für Schritt vorwärtskommen. Aber es dauert seine Zeit.

Die HWK fordert hohen Schadensersatz von früheren Führungspersönlichkeiten. Wie realistisch ist es, dass Geld zurückfließt?

Unsere Anwälte gehen davon aus, dass wir die eingeklagten Summen am Ende des Tages auch bekommen.

Anwälte sind da manchmal sehr optimistisch.

Das ist die Aussage, die wir haben.

Wie lange wird es dauern?

Wir hätten uns das etwas schneller gewünscht. Aber das obliegt der Justiz, und die ist unabhängig.

Der Millionenskandal um die GTO macht auch mal schlaflose Nächte?

Absolut. Das hat viele schlaflose Nächte ausgelöst, weil die Dimension hat sich keiner von uns im Vorstand vorstellen können. Der ganze Vorgang ist völlig am Vorstand vorbeigegangen. Es gab keine Information, keinen Austausch, keinen Hinweis.

Aber wenn eine Steuerberatungsgesellschaft über Jahre hinweg kaum Gewinne schreibt, hätte man da nicht genauer nachfragen müssen?

Absolut, wenn wir es im Vorstand gewusst hätten. Aber natürlich in erster Linie die, die im Aufsichtsrat saßen. Die Renditen bei Steuerberatungsgesellschaften in Bayern liegen im Schnitt bei rund 30 Prozent. Man kann sich vorstellen, was das für ein Gewinn hätte sein müssen. Einem Steuerberater können Sie nicht erklären, was da passiert ist.

Der Vorstand war mit dem Ergebnis der GTO gar nicht befasst?

Nein.

Hätten Sie aktiver werden müssen?

Es wurde die heile Welt dargestellt. Es war nach außen hin alles in Ordnung, perfekt. Es gab keine Hinweise.

Auch eine ,,heile Welt“ könnte stutzig machen.

Wenn wir in der Vollversammlung den Haushalt verabschieden, dann gehen wir als ehrenamtlich Tätige davon aus, dass die Zahlen einer Prüfung durch die Regierung von Oberfranken unterliegen. Und wir haben mit dem bayerischen Wirtschaftsministerium eine weitere Kontrollin­stanz. Man geht davon aus, dass diese Kontrollmechanismen die Zahlen durchleuchten. Als Ehrenamtlicher gehen Sie nicht in jede einzelne Position des Haushalts mit über 30 Millionen Euro Volumen.

Haben die Kontrollbehörden geschlafen?

Das ist eine spannende Frage.

Sie sind jetzt rund drei Monate im Amt. Wie hoch ist der Zeitaufwand?

Momentan ist der Zeitaufwand ex­trem. Das sind bestimmt 20 bis 30 Stunden pro Woche. Ich bin ein Selbstständiger, 40 Stunden kenne ich sowieso nicht. 60, 70 Stunden sind normal. Aber diesen hohen Zeitaufwand für die HWK kann und will ich auf Dauer nicht durchhalten. Das hat mit Ehrenamt nicht mehr viel zu tun, aber momentan ist es eben notwendig.

Sie bekommen dafür eine Aufwandsentschädigung. Wie hoch ist die?

Da weiß ich jetzt nicht, ob ich die nennen darf. Da hat man sonst vielleicht die ganzen Kollegen in Bayern in der Diskussion. Die Pauschale ist dafür gedacht, den Zeitaufwand einigermaßen abzudecken. Aber das hat mit einem Gehalt nichts zu tun, gar nichts.

Die Pauschale ist von Kammer zu Kammer unterschiedlich?

Es gibt gewisse Bandbreiten, in denen man sich bewegen soll. Das hängt ab von der Größe der Kammer, wie viel Mitgliedsbetriebe man hat. In Oberbayern mit 90 000 Mitgliedsbetrieben ist das mit Sicherheit eine ganz andere Hausnummer als in Oberfranken mit seinen 16 000 Betrieben.

Vizepräsidenten und Vorstände bekommen auch Aufwandsentschädigungen?

Die Vizepräsidenten bekommen eine Aufwandsentschädigung, die Vorstandsmitglieder ein Sitzungsgeld. Aber das ist wirklich alles sehr überschaubar.

Konkrete Summen wollen Sie nicht nennen?

Nein, kann ich leider nicht.

In Ihrem Malergeschäft mit rund 20 Beschäftigten ist der Chef jetzt oft weg. Wie kompensieren Sie das?

Einen Großteil fängt meine Frau auf und ich habe einen sehr guten Mitarbeiter im Büro, der gerade viele Überstunden machen muss. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Es ist mit Sicherheit keine dauerhafte Lösung.

Was ist Ihr Antrieb fürs Präsidentenamt?

Nach dem Ausscheiden von Hauptgeschäftsführer Thomas Koller und Präsident Thomas Zimmer saßen wir im Vorstand zusammen und fragten uns: Was machen wir jetzt? Jetzt stehen wird da. Wir haben eine Trümmerlandschaft vor uns, aber es muss ja weitergehen, die Kammer muss funktionsfähig bleiben. Die Situation war angespannt und gereizt, aber wir brauchten eine Lösung, eine sehr schnelle Lösung. So hat sich der Vorstand darauf verständigt: Matthias, du bist der Vize. Jetzt musst du ran. Man hat dann schon ein Stück weit die Verantwortung gespürt. Und der Vorstand sagte zu: Wir packen mit an. Das ist für mich eine große Entlastung. Da ziehen momentan alle an einem Strang.

Das Amt des Hauptgeschäftsführers wurde neu zugeschnitten?

Wir hatten bisher unkündbare Verträge, die aus einem Beamtendenken der Kammer heraus kamen. Da gab es viele Privilegien, man hatte keine Möglichkeit einzugreifen. Für mich war ganz wichtig: Wenn ich Präsident werde, wird es einen solchen Hauptgeschäftsführer der Marke alt nicht mehr geben, sondern einen ganz normalen Arbeitsvertrag, wie er in der freien Wirtschaft üblich ist – orientiert am öffentlichen Tarif. Einstellungen ab Abteilungsleiter erfolgen nun in gemeinsamer Absprache zwischen Vorstand und Hauptgeschäftsführer.

Können Sie sich Ämter auf Landes- oder Bundesebene vorstellen?

Nein, da habe ich keine Ambitionen.

Der Bau brummt, Handwerker sind überall knapp. Glänzende Perspektiven?

Jein. Unser ganz großes Problem ist der Nachwuchs. Wir sind auf einem historischen Tiefstand. Wir geben bundesweit 50 Millionen Euro im Jahr für Imagekampagnen aus, die sehr gut sind. Wir machen sehr viel in Bayreuth. Aber nichtsdestotrotz fehlt dieser Funke, junge Menschen für unsere Berufe zu interessieren. Aus unserer Sicht liegt das auch daran, dass die Rahmenbedingungen in unserer Republik nicht mehr passen.

Das heißt?

Wenn Sie die politische Diskussion beobachten, werden Sie feststellen, dass die Leistungsträger unserer Gesellschaft nur noch bedingt eine Rolle spielen. Wir diskutieren sehr viel über Randgruppen, wir diskutieren über alle möglichen Themen. Wir haben immer mehr Bürokratie oben drauf. Brandschutz und Schallschutz treiben die Baupreise so nach oben, dass sie irgendwann nicht mehr bezahlbar sein werden. Die Lohnkosten werden weiter nach oben gehen. Wir werden Verrechnungssätze im Handwerk von 60, 70, 80 Euro haben.

Wollen viele Junge den Handwerksbetrieb nicht mehr übernehmen?

Jeder dritte Betrieb in Oberfranken steht in den nächsten etwa fünf Jahren zur Nachfolge an. Warum übernehmen oft die eigenen Kinder die Betriebe ihrer Eltern nicht mehr? Weil die Rahmenbedingungen nicht mehr passen.

Müssen nicht auch die Betriebe attraktiver werden?

Es passiert ja schon sehr viel. Ein Maurer verdient im ersten Lehrjahr 1200 Euro. Und trotzdem haben wir keinen Nachwuchs in diesem Bereich.

Ein Imageproblem?

Die große Politik setzt nach wie vor auf Abitur und Studium. Das sehen Sie auch bei der Förderung. Universitäre Einrichtungen bekommen 100 Prozent Förderung. Da wird sehr viel Geld in den Raum gestellt. In der dualen Ausbildung, wenn wir neu bauen würden, bekommen wir maximal 75 Prozent.

Gute Handwerker verdienen heute oft mehr als Akademiker.

Absolut. Aber das müssen Sie erst in die Köpfe reinbringen.

 

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