Erster Tunnel Oberfrankens Kauerndorf: Grüne wollen Bauwerk stoppen

Zu teuer, zu gefährlich und ein zu großer Eingriff in die Landschaft. Grüne und Bund Naturschutz sehen keinen Sinn im Tunnel. Sie schlagen Alternativen vor.

Der Tunnel ist geplant, der Spatenstich steht bevor. „Jetzt ist der letzte Moment, wo es noch Sinn macht, es zu hinterfragen“, sagt Magdalena Pröbstl. Die Vorstandssprecherin der Grünen im Kulmbacher Kreisverband will zusammen mit Parteifreunden und dem Bund Naturschutz in letzter Sekunde den Tunnelbau in Kauerndorf verhindern. „Wenn erst einmal ein Loch im Berg ist, brauchen wir nichts mehr machen.“ Magdalena Pröbstl räumt ein, dass diese Kritik spät kommt. Doch über die Finanzen sieht sie einen Ansatzpunkt, den Tunnel noch stoppen zu können. Die geplanten Kosten von rund 90 Millionen Euro könnten sich angesichts der allgemeinen Kostenentwicklung am Ende auf mehr als 160 Millionen Euro belaufen. Die Kauerndorfer Umgehung werde exorbitant teurer als geschätzt. Das müsse ein Grund sein, sich die Pläne nochmals anzuschauen. Pröbstl fragt sich: „Ist das noch zeitgemäß?“ Der Verkehrsbelastung sei sie sich bewusst. Aber es gebe Möglichkeiten, den Menschen adäquat eine Alternative zu bieten, und die sie auch noch weitaus kostengünstiger. Die Tunnel-Kritiker haben ihre Argumente jetzt schriftlich zusammengefasst.

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Pröbstls Ansatz: Es müsse doch möglich sein, den Anliegern Angebote zu machen, die für sie richtig sind. „Damit die Anwohner in ihrer Heimat in Ruhe leben können, sind wir der Überzeugung, dass es nötig wäre, alternative Baugrundstücke fernab vom Verkehr zur Verfügung zu stellen. Gepaart mit einer anständigen Summe für das Verlassen der Bestandsbauten gäbe dies eine echte Verbesserung der Lebensqualität.“

In der Stellungnahme wird eine Rechnung aufgemacht: Selbst wenn die 30 betroffenen Anlieger je 1,2 Millionen Abfindung erhielten, kämen nur 36 Millionen Euro zusammen. „Das ist weit weniger als die geschätzt mindestens 150 Mio Euro für den Bau und die daraus resultierenden Unterhaltskosten.“ Hinzu komme: „Wir glauben, dass der Bau des Tunnels weder die Lebensqualität noch den Wert der Häuser steigert.“ Es sei an der Zeit, sich um eine Gesetzesänderung zu kümmern, die so etwas möglich macht. Kauerndorf könnte dazu den Präzedenzfall liefern.

Der Verkehr werde nach wie vor immer schlimmer. Oft seien Umgehungen eine notwendige Lösung, schreibt Pröbstl. „Doch müssten diese verhältnismäßig sein und müssen ausdrücklich nicht gewährleisten, dass Lkw mit Tempo 80 durchfahren können. Die Auffahrt auf die Umgehung Untersteinach hätte auch ‚kleiner’ und optisch angenehmer gelöst werden können durch einen großen Kreisverkehr.“

An vielen Ecken müsse angesetzt werden, um Deutschland für zukünftige Generationen nachhaltig lebenswert zu gestalten. Da gehe es auch um einen bewussteren Umgang mit Ressourcen. Der Staat sei durch Corona und nun durch den Krieg in der Ukraine finanziell stak belastet. „Dazu kommt die Kostenexplosion bei vielen Bauprojekten. Wenn dieses auch noch relativ sinnfrei ist, winkt ein Eintrag ins Schwarzbuch.“

Ausdrücklich stellen sich die Tunnelkritiker auf die Seite der „geplagten Bürger von Kauerndorf“, wird betont. „Wir wollen aber eine nachhaltige und wirkliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Der Ist-Zustand ist absolut unerträglich! Das kann und darf so nicht bleiben!Genau deshalb haben wir uns dort getroffen. Wir wollten uns ein Bild machen vom Tunnel, den Konsequenzen des Baus und von Alternativen, die den Bürgern eine wirkliche Verbesserung der Lebensqualität bringen könnten. Und wir stellen einige Fragen in den Raum, und bitten darum, diese noch einmal zu überdenken.“ Als Grundlage dafür haben die Tunnelgegner Argumente zusammengestellt.

Verkehrsberuhigung: Die Kritiker fragen sich, ob Kauerndorf durch den Tunnel die Befriedung erhält, die es verdient. Die Bundesstraße verlaufe dort dann nicht mehr, aber es entstünden zwei riesige Verkehrsknotenpunkte, die den Verkehr immer noch hörbar um den Ort herum leiten. „Wer aus Trebgast kommt, muss durch Kauerndorf, um dann auf die Auffahrten Richtung Himmelkron oder Kulmbach zu kommen.“ Wenn der Tunnel wegen Höhenkontrolle, Unfall oder Instandhaltung gesperrt werden muss, werde der gesamte Verkehr über die alte Strecke fahren. Damit bleibe es im Ort bei einer Verkehrsbelastung. Hinzu komme: „Die Anbindung Richtung Bayreuth wird durch diesen Weg noch stärker befahren werden.“ Jede ausgebaute Straße habe mehr Verkehr zur Folge. „Somit würde die Hauptstraße Kauerndorf zu einer richtigen Verkehrs-Hauptstraße werden. Das wiederum wird die Lebensqualität weiterer Anwohner beeinträchtigen. Die Probleme würden sich verlagern.“

Umweltschutz und Landschaftsschutz: „Unsere Landschaft wird sprachlos machend massiv verschandelt. Die Umgehung Untersteinach hat Richtung Himmelkron eine Mondlandschaft hinterlassen. Die Verkehrsknoten der Kauerndorfer Umgehung werden noch extremer, die Aufschüttungen durch den Tunnel müssen gelagert werden. Das werden unsere Kinder und Enkel auf Generationen sehen!“

Finanzen: Die Gelder seien bereitgestellt. Das alleine könne kein Argument für den Bau sein. Die Kritiker nennen als Beispiel die Brücke der Untersteinacher Umgehung. Sie sei mit 40 Millionen Euro geplant gewesen, aber habe sich um 82,5 Prozent auf rund 73 Millionen Euro verteuert. „Das bedeutet, hochgerechnet auf den Tunnel kämen wir von 90 Millionen Euro auf mehr als 164 Millionen. Ist das noch verhältnismäßig?“ Mit dem Bau sei es nicht getan. Instandhaltung und Energiekosten würden sich auf rund eine halbe Million Euro pro Jahr belaufen, die fortlaufend über Generationen bezahlt werden müssen. „ In Zeiten von Krieg und Krisen müssen wir uns fragen, ob das notwendig ist, oder ob es andere, günstigere und sinnvollere Lösungen gibt.

Grundwasser: Wie wichtig Trinkwasser ist, und dass Wasser auch in unseren Breiten immer rarer und wertvoller wird, sei bei jedem angekommen. Der Grundwasserspiegel sinke, die Sommer würden heißer und regenärmer. Der Tunnelbau tangiere etwa 50 Prozent der Wasserversorgung der Stadt Kulmbach im Bereich Tiefbrunnen. „ Beim Bau des Kauerndorfer Tunnels lauern Gefahren. Wenn es bei dem Tunnelbau zu Unachtsamkeiten oder gar zu Havarien kommen sollte, ist unser Wasserzweig gefährdet.“ Grüne und Bund Naturschutz fragen, ob das Grundwasser ausreichend geschützt ist, sollte es im Tunnel zu einem schweren Unfall kommen.

Alternativen: die Kauerndorfer könnten durch eine ständig überwachte Tempobegrenzung auf 40 km/h sofort entlastet werden. Der Sinn des teuren Tunnels müsse nochmals geprüft werden, ebenso die Möglichkeit, die Anwohner fair zu entschädigen und ihnen alternative Baugrundstücke zur Verfügung zu stellen. „Generell sind wir Grünen immer für den Erhalt von Substanz, auch von Häusern, nur muss man hier insgesamt danach fragen, was mehr Sinn macht.“

Fazit: „Natürlich sieht es gut aus, auf einem Foto ein Band zu durchschneiden und somit etwas Sichtbares getan zu haben. Ein Vorzeigeprojekt. In Bezug auf was? Wir wollen eine Diskussion anstoßen, über Alternativen beraten, Kompromisse finden, gemeinsam mit Kommunal- und Bundespolitik voranschreiten und den Menschen in Kauerndorf nachhaltig helfen.“


Gemeinderat spricht von „Dolchstoß“

Forderungen, den Tunnel zu überdenken, finden in Ködnitz kein Verständnis. Man könne getroffene Beschlüsse nicht immer wieder neu in Frage stellen.

Kritik an dem Vorstoß der Grünen und des Bunds Naturschutz zum Stopp des Tunnelbau in Kauerndorf gab es bei der jüngsten Gemeinderatssitzung in Ködnitz. Michael Heisinger sprach die jüngste kritische Veröffentlichung der Tunnelgegner an und forderte eine öffentliche Stellungnahme der Gemeinde Ködnitz: Entsetzt sei er von diesem Vorstoß, der auch von der Grünen-Fraktion im Landkreis unterstützt werde: „Sie fallen unserer Gemeinde und dem Projekt in den Rücken.“ Das sieht auch Bürgermeisterin Anita Sack ganz ähnlich. Kritik an dem Projekt hätte während der Planungsphase geäußert werden können. Jetzt sei alles geplant und kurz vor dem Start. „Man kann doch nicht immer einen Schritt vorwärts und dann wieder zwei Schritte zurück machen.“

Im Nachhinein nachkarten zu wollen und das, obwohl die ganze Sache seit 30 Jahren endlose Diskussionen hatte, das findet Michael Heisinger glatt daneben. Endlich sei die Entscheidung getroffen. Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner habe sich mit Erfolg für die Kauerndorfer eingesetzt. „Jetzt kommt so ein Schuss in den Rücken, dabei auch von einem Bürger unserer Gemeinde.“ Für Heisinger steht fest: „Wenn so ein Projekt beschlossen ist, dann ist es beschlossen, und man kann da nicht unendlich weiter diskutieren. Jetzt ist einfach einmal Schluss.“ Heisinger forderte Bürgermeisterin Anita Sack und den gesamten Gemeinderat zu einer öffentlichen Stellungnahme auf und ist erbost: „Für mich ist das eine Frechheit und eine Riesenschweinerei dieser Leute, die jetzt so ein Fass aufmachen, dabei mit irrwitzigen Vorstellungen.“ Die Kauerndorfer Bürger würden verunsichert und in eine Situation gebracht, die vollkommen unnötig ist“.

Für Anita Sack stellt sich die ache ganz einfach dar. Man könne und müsse im Vorfeld alle möglichen Argumente bedenken. „Aber wenn ich 50 Jahre lang alles mögliche überlege und dann endlich eine Entscheidung treffe, dann muss das auch akzeptiert werden.“ Die Kostenübernahme sei inzwischen beschlossen. Bald soll es losgehen mit dem Riesenprojekt. „Das soll jetzt gemacht werden. Ich freue mich für meine Kauerndorfer und stehe absolut dahinter.“ Die Kritiker, die jetzt aktiv geworden sind, hätten im Vorfeld genügend Möglichkeiten gehabt, ihre Bedenken einzubringen. Das sei durchaus auch geschehen.

Das Staatliche Bauamt habe hervorragend geplant. „Jetzt sind die Mittel freigegeben, da muss es doch auch mal gut sein. Wenn die Tangente fertig ist, sei das für den gesamten Landkreis gut. „Wir können doch nicht dauernd alles wieder neu diskutieren. alles wurde besprochen und abgearbeitet. Die Entscheidung für den Tunnel ist gefallen. Was soll das jetzt, alles wieder von vorn zu debattieren?“ Bereits im kommenden Herbst soll laut Anita Sack mit Vorprojekten begonnen werden. Abholzungsarbeiten für den Bau sind, wie berichtet, bereits gelaufen. Rei/mbu