Truppenübungsplatz Grafenwöhr Spurensuche in den Geisterdörfern

Von Peter Engelbrecht

GRAFENWÖHR. Die Fahrt zu den verlassenen Dörfern hat etwas Trauriges: Nur Mauerreste, Kirchenruinen und Felsenkeller sind geblieben von den einst stolzen Orten. Beim Besuch fällt immer wieder das Wort „Heimat“.

Vor 80 Jahren wurde der Truppenübungsplatz Grafenwöhr in der Oberpfalz durch die Nationalsozialisten nach Westen erweitert, mehr als 3500 Menschen in 58 Orten und Weilern mussten ihre vertraute Heimat verlassen. Heute zeugen nur noch vereinzelte Sandsteinmauern von den einst lebendigen Dörfern. In Erinnerung an die Zwangsabsiedlung organisierte der Heimatverein Grafenwöhr eine Sonderfahrt, an der rund 450 Menschen in acht Bussen teilnahmen. Das Interesse, sich die Wüstungen anzuschauen, die im militärischen Sperrgebiet des Übungsplatzes liegen, war riesengroß. Normalerweise kommt kein Zivilist hier rein.

Nach der Werbung weiterlesen

Schießbahnen und Wracks

Vorbei an einer Vielzahl von Schießbahnen, ausgebrannten Militärfahrzeugen, die als Ziele für die übenden Truppen dienen, geht es auf der Panzerringstraße von Grafenwöhr aus zum einstigen Dorf Haag, das mit seinen mehr als 500 Einwohnern und 75 Häusern 1938 aufgelöst wurde. Erhalten geblieben sind nur noch der Dorfweiher, zwei Felsenkeller, die heute als Quartier für Fledermäuse dienen, und der Friedhof. Den hatte die Bundeswehr wieder hergerichtet. Gleich um die Ecke steht ein Warnschild „Impact Area“, die Schranke Richtung Einschussgebiet steht heute am Samstag ausnahmsweise offen – Schießpause.

"Haag ist meine Heimat"

Ludwig K. Walter schaut sich den Friedhof besonders intensiv an. Seine Großeltern väterlicherseits liegen hier begraben, doch es gibt keinen Grabstein mehr. Der 80-Jährige spricht von einem Verlust der Wurzeln. „Haag ist meine Heimat“, sagt er, obwohl er nie hier gelebt hat. Seine Brüder, seine Onkels und Tanten sind in Haag geboren.

Warnung vor Blindgängern

Der Höhepunkt der Fahrt ist der Besuch der Kirchenruine in Pappenberg. Sie darf normalerweise nicht angesteuert werden, denn sie liegt in der Gefahrenzone nahe des Einschussgebietes. 42 Häuser gab es hier, der Ort zählte 195 Einwohner. Auch Pappenberg wurde 1938 zwangsausgesiedelt. Rund um die Kirchenruine Maria Himmelfahrt hat der Bundesforst ein weißes Trassierband gespannt, um die Besucher darauf aufmerksam zu machen, dass das weitere Areal nicht betreten werden darf. „Bitte nicht die Wege verlassen, es könnten noch Blindgänger und alte Munition im Wald liegen“, warnt Gerald Morgenstern, ein früherer Bundeswehrsoldat, der die Reise in die Vergangenheit mit organisiert hat. Die Kirchenruine selbst darf nicht betreten werden, die mächtigen Sandsteine oben auf dem Mauerrest sitzen locker. Der Regensburger Weihbischof Reinhard Pappenberger hält eine kurze Andacht, spricht mit den Gläubigen das Vater unser.

In der Kirche getauft

Konrad Hubmann wurde als letzter Pappenberger vor der Aussiedlung in der Kirche getauft. „Es tut mir in der Seele weh, dass das Bauwerk verfällt“, ist der 80-Jährige traurig. Er streift etwas ratlos vor der Kirche umher, knipst die Ruine. Und er freut sich, dass ein wunderschöner Nussbaum in der Ruine wächst und dem Verfall irgendwie trotzt. Seine Eltern hätten es ganz schlimm empfunden, hier vertrieben worden zu sein, weiß er aus Erzählungen. Die bodenständigen Bauern hätten es nicht wahrhaben wollen, abgesiedelt zu werden. Hubmann selbst hat keine Erinnerungen mehr an Pappenberg, ist im Alter von einem halben Jahr hier weggezogen. Eine Frau mit Vorfahren aus Pappenberg wurde zwei Jahre nach der Zwangsaussiedlung geboren. Auch sie kennt den Ort nur von den Erzählungen ihrer Eltern. „Hier ist keine Heimat. Meine Heimat ist dort, wo ich jetzt lebe“, sagt die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Obstbäume stehen noch

In Hopfenohe steht ebenfalls nur noch die Kirchenruine, einzelne Hausfundamente existieren noch, und ein paar knorrige Obstbäume. Die weithin sichtbare Kirche liegt an der europäischen Wasserscheide. Der Großvater von Johann Heindl war hier Mesner, war mit seiner Frau quasi der letzte Einwohner des Dorfes. Heindl hatte seinen Großvater immer wieder besucht. „Da kommen Kindererinnerungen auf“, sagt der 79-Jährige. „Als Kinder haben wir in den leer stehenden Häusern Räuber und Gendarm gespielt.“ Als Kind habe er nicht so richtig empfinden können, was seine Großeltern über die Absiedlung gefühlt haben. Sechs Stunden dauert die Fahrt in die Vergangenheit – um 15 Uhr ist sie zu Ende. Die Teilnehmer sind müde, aber auch froh, in die Wüstungen reingekommen zu sein – sie liegen in einer verbotenen Zone.