Tobias Reichmann Europameister spielt in der 3. Liga

Die Sprungkraft ist ein Markenzeichen von Tobias Reichmann (rechts). Noch im Januar dieses Jahres präsentierte er diese Qualität auf höchster Ebene bei der Europameisterschaft in Bratislava, in dieser Szene gegen Norwegens Torwart Torbjörn Bergerud. Foto: Imago/Marco Wolf

Vor einem halben Jahr hat Tobias Reichmann bei der Europameisterschaft noch unter den weltbesten Handballern mitgemischt. Nun überrascht er mit dem Wechsel in die 3. Liga.

Die erste Meldung gab es schon vor ein paar Wochen. Wer es bisher nicht glauben wollte, hat nun aber den Beweis: Tobias Reichmann spielt künftig in der 3. Liga. Der 34 Jahre alte Europameister von 2016, der 106-mal das Trikot der deutschen Nationalmannschaft getragen hat (291 Tore) und unter anderem dreimal den Gewinn der Champions League feierte (zweimal mit Kiel, einmal mit Kielce/POL), hat mit der Mannschaft des TV Emsdetten die Saisonvorbereitung begonnen.

Haspo Bayreuth bleibt in der Staffel Ost der 3. Liga eine direkte Begegnung mit einem der einst weltbesten Rechtsaußen allerdings verwehrt. Der TV Emsdetten, der in der vergangenen Saison als Tabellenletzter aus der 2. Bundesliga abgestiegen ist, gehört der West-Gruppe an. Die Stadt liegt in Westfalen, im nördlichen Teil des Münsterlandes an der Ems. Sie hat nur 36 000 Einwohner, aber ein bemerkenswerter Anteil von rund 4500 davon gehört dem TV an. Von dessen 15 Abteilungen ist die Handball-Sparte die weitaus größte.

Die nahe liegende Vermutung, dass da ein Weltklasse-Profi gegen Ende seiner Laufbahn zu seinen Wurzeln zurückkehrt, erweist sich schnell als haltlos. Schließlich ist Reichmann in Ost-Berlin geboren. Vielmehr handelt es sich bei seinem Wechsel vom finanzkräftigen Bundesligisten MT Melsungen in die halbprofessionelle 3. Liga tatsächlich um einen ganz normalen Karriereschritt von einem Vertragsverhältnis zu einem anderen – nur: warum? „Eine berechtigte Frage“, sagt Reichmann in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Bock auf Handball“. „Die ehrliche Antwort: Weil ich nur magere Angebote hatte. Ich stand lange Zeit ohne etwas in der Hand da, habe dann auch erst Anfang Juli in Emsdetten unterschrieben.“ Ein Warten, bis vielleicht die Verletzung eines Kollegen einen Platz in der Bundesliga frei macht, habe er als zu riskant empfunden. Und eine Fortsetzung des Engagements in Melsungen sei nach einem Zerwürfnis mit dem Management keine Option gewesen: „Mit der Mannschaft hatte ich überhaupt keine Probleme. Aber die Art und Weise, in der der Verein geführt wird, ist mit mir nicht vereinbar. Ich bin nicht der Einzige, der in Melsungen belogen wurde.“ Im Vordergrund habe der Wunsch gestanden, auf jeden Fall weiter Handball zu spielen: „Und ich glaube, die 3. Liga ist jetzt auch nicht so schlecht.“

Die finanziellen Einbußen seien nun natürlich nicht zu leugnen, bekennt Reichmann, aber immerhin lasse sich dieses Engagement nun mit seiner Familie vereinbaren, die weiterhin etwa zwei Autostunden entfernt in Kassel lebt. Er betont aber auch, dass er die neuartige Aufgabe mit ungebrochenem Einsatz in Angriff nehmen werde. Das hat auch damit zu tun, dass er beim TV Emsdetten als Schlüsselspieler in der bisher ungewohnten Rolle im rechten Rückraum eingeplant ist: „Ich will es mir selbst beweisen, vor allem auf der neuen Position im Rückraum. Und natürlich einen großen Beitrag dazu leisten, dass wir hoffentlich auch den Wiederaufstieg schaffen.“ Dabei sei ihm nicht nur die große Verantwortung für das Konzept des Vereins bewusst, sondern auch der wahrscheinliche Ehrgeiz vieler künftiger Gegenspieler, den Star der Liga besonders intensiv zu „bearbeiten“: „Im Rückraum kriegt man natürlich mehr auf die Mütze. Sicher wird man da erst mal ein bisschen eingenordet werden. Auch im Training wird es da schon zur Sache gehen.“

Reichmann geht sogar so weit, dass er den Rückschritt in die 3. Liga keineswegs automatisch als das Ende seiner internationalen Laufbahn betrachtet. „Definitiv“, antwortet er auf die Frage, ob die Nationalmannschaft für ihn noch ein Thema sei: „Ich bin nicht zurückgetreten, bin noch fit und kann auf diesem Niveau auf jeden Fall noch einige weitere Jahre spielen. Wenn Alfred (Bundestrainer Gislason; Anm. d. Red.) mich anruft, dann bin ich auf jeden Fall dabei!“

Autor

 

Bilder