Tiere, Pflanzen und Böden des Jahres Die neuen Naturbotschafter

Stefan Linß

Die Kleine Hufeisennase, die Einbeere und die Rotbuche gehören zu den Tieren und Pflanzen des Jahres 2022. Sie alle sind im Kulmbacher Land heimisch.

Kulmbach - Ob Baum, Blume oder Boden, ob Insekt, Pilz oder Höhlentier – die Geschöpfe des Jahres gibt es in allen möglichen Kategorien. Auch Einzeller sind wieder mit dabei. Die jeweiligen Verbände und Kuratorien haben ihre Naturbotschafter für 2022 in den meisten Fällen schon gewählt. Ein paar gute Bekannte sind in die erlesene Auswahl aufgenommen worden, darüber hinaus aber auch eine Reihe von Wesen, die den meisten Menschen weniger geläufig sein dürften. Alle sollen im kommenden Jahr besondere Aufmerksamkeit erhalten. Wer im Kulmbacher Land mit offenen Augen durch die Natur geht, kann vielleicht das ein oder andere Geschöpf des Jahres ausfindig machen.

Giftiges Glückssymbol – der Fliegenpilz:

Auf den Pilz des Jahres zu stoßen, wird keine große Mühe bereiten. Während der Saison im Sommer und Herbst sprießen die Fliegenpilze vielerorts aus dem Waldboden. Selbst wer unsicher dabei ist, Pilzarten zu bestimmen, erkennt den leuchtend-roten Fruchtkörper mit den weißen Punkten auf dem Hut. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie weist ihn ihrer Laudatio für den knolligen Wulstling darauf hin, dass der Fliegenpilz eine gute Zeigerart für naturnahe Gärten und Parks ist. Er kann sich dort in den vom Menschen geprägten Lebensräumen wieder relativ schnell ansiedeln. Wo die gärtnerische Pflege mit Dünger, Fertigrasen und Mähroboter jedoch überhand nehme, da falle es auch dem Fliegenpilz schwer zu überleben, sagen die Mykologen. Der Fliegenpilz gilt als Glückssymbol. Auf Glückwunschkarten ist er häufig abgebildet. Und auch in Märchenbüchern darf er nicht fehlen.

Der Fliegenpilz ist nach Auskunft der Experten zwar mit dem Grünen Knollenblätterpilz verwandt, aber weitaus weniger giftig. Trotzdem warnt die Gesellschaft ausdrücklich vor jeglicher Art von Verzehr. Die Fruchtkörper enthalten Giftstoffe in schwankender Konzentration.

Schwer und wechselfeucht – der Tonboden:

Der Pelosol ist ein Bodentyp mit einem hohen Tongehalt. Das Kuratorium „Boden des Jahres“ halt den Pelosol zum Titelträger für 2022 gekürt. Der Pelosol gilt als Schwergewicht und als nicht leicht zu bearbeiten. Der Boden ist aus tonhaltigem Gestein entstanden, das verwittert ist. Der Pelosol ist hauptsächlich im Schichtstufenland zwischen Schwarzwald und der Schwäbischen Alb zu finden. Aber auch im abwechslungsreichen Obermain-Schollenland bei Kulmbach kommt der Boden vor. Wie das Bayerische Landesamt für Umwelt erklärt, werden in der Region die tonhaltigen Böden oft als Waldstandorte oder allenfalls als Wiesen genutzt. Für den Ackerbau sind sie wegen der wechselfeuchten Verhältnisse nicht zu empfehlen.

Was es mit der Wechselfeuchte auf sich hat, erklärt das Kuratorium „Boden des Jahres“: Pelosole können Wasser aufnehmen und quellen. Die dünnen Tonplättchen kleben zusammen und es bildet sich Staunässe. In diesem Zustand ist der Boden gut knetbar. Hingegen bilden sich bei längerer Trockenheit Risse und der Boden schrumpft. Die Pelosole zeigen also deutlich, welche Wetter- und Klimabedingungen herrschen.

Orangerot mit Federhaube – der Wiedehopf:

Die Wahl zum Vogel des Jahres 2022 war erneut öffentlich. Der Wiedehopf erhielt mehr als 45000 Stimmen. Damit entschied sich eine große Mehrheit der Teilnehmer für einen der auffälligsten Vögel. Mit seinem orangeroten Gefieder und seiner markanten Federhaube ist der Wiedehopf eine spektakuläre Erscheinung, teil der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) mit. Der Wiedehopf war mit dem Wahlslogan „Gift ist keine Lösung“ angetreten. Denn er benötigt halboffene bis offene insektenreiche Landschaften. Und viele Insekten gibt es nach Auskunft des Verbandes nur ohne Pestizideinsatz. Bei der Zählaktion „Stunde der Gartenvögel“, an der sich Jahr für Jahr viele Freiwillige beteiligen, ist im Landkreis Kulmbach der Wiedehopf noch kein einziges Mal aufgetaucht.

Das ist nicht verwunderlich, denn die wenigsten, die den Wiedehopf zum Jahresvogel gewählt haben, dürften ihn selbst einmal in der Natur gesehen haben, sagt der Nabu. Er komme nur in einigen Regionen Deutschlands vor, zum Beispiel am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg, in Rheinhessen oder in den Bergbaufolgelandschaften der Lausitz in Brandenburg und Sachsen. Dort sei das Klima für den wärmeliebenden Vogel gut geeignet. Im Winter ist der Zugvogel in Afrika anzutreffen.

Bakterien-Fresser im Darm – Blastocystis:

Sehr weit verbreitet ist der Darmerreger vom Typ Blastocystis. Ihn hat die Deutsche Gesellschaft für Protozoologie (DGP) zum Einzeller des Jahres 2022 ernannt. Nach Auskunft der DGP gehören die Blastocystis-Formen zu den häufigsten nicht-bakteriellen Organismen, die im menschlichen Darm vorhanden sind. Der Einzeller ernährt sich dort von Bakterien. Etwa 30 Prozent der europäischen Bevölkerung haben den Erreger im Darm. Meistens ist davon nichts zu merken. Nur eine Massenvermehrung führe wohl zu Durchfall. Wie die DGP weiter mitteilt, sei der Erreger aber nur an etwa einem Prozent der Durchfallerkrankungen beteiligt. Es sei noch immer unklar, ob es wirklich einen kausalen Zusammenhang zwischen einer Blastocystis-Besiedelung und einer Durchfallerkrankung gibt. Deshalb sprechen die Protozoologen von einem rätselhaften Einzeller. Er hat kugelige oder ovale Gestalt und kann unter dem Lichtmikroskop nachgewiesen werden.

Grünblättriger Riese – die Rotbuche:

Die Rotbuche ist der Baum des Jahres. Gleich nach der Nominierung räumte die Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf. Demnach sei die Rotbuche nicht die Buche mit den roten Blättern, die oft in Parks vorkommt. Dieser rotblättrige Baum sei die kultivierte Blutbuche. Hingegen ist Rotbuche der botanisch korrekte Name für die grünblättrige Buche, die in den heimischen Wäldern zu finden ist. Den Namen hat sie von dem leicht rötlichen Holz, das sich von dem der Hain- oder Weißbuche unterscheidet. Meistens wird die Rotbuche schlicht Buche genannt. Nach Auskunft der Stiftung ist die Rotbuche die häufigste Laubbaumart in Deutschlands Wälder. Deutschland gilt als eine Art Kernland der Buche. Gleichzeitig könne die Buche als die am stärksten durch den Menschen zurückgedrängte Baumart bezeichnet werden. „Erst seit etwa drei Jahrzehnten nehmen die Buchen in Deutschlands Wäldern langsam wieder zu: Ihr Anteil liegt derzeit bei etwa 16 Prozent“, schreibt die Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung. Auch im Landkreis Kulmbach ist die Buche häufig anzutreffen. Beispielsweise wird der Buchwald hinter der Plassenburg von Spaziergängern und Wanderern besonders geschätzt.

Auf die spürbar zunehmende Klimaerwärmung und die häufigeren Trockenperioden reagiere die Buche mit einer Reduktion der Blattdichte im Kronenbereich, um die Gefahr eines zu hohen Wasserverlustes durch Verdunstung zu reduzieren. Wie die Stiftung informiert, treten außerdem seit mittlerweile schon zwei Jahrzehnten sogenannte Mastjahre, in denen Buchenbestände auffallend große Fruchtmengen produzieren, sehr viel häufiger auf als früher. Die Buche kann hierzulande bis zu 350 Jahre alt werden und Wuchshöhen von 30 bis 50 Metern erreichen.

Kleiner Höhlenbewohner – die Hufeisennase:

Der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher hat die Kleine Hufeisennase zum Höhlentier des Jahres 2022 erklärt. Die Forscher weisen damit auf die unterirdischen Ökosysteme und die darin vorkommenden Arten hin. In Oberfranken ist die Kleine Hufeisennase extrem selten geworden. Naturschützer haben in den vergangenen Jahren unter anderem im Frankenwald und in der Fränkischen Schweiz versucht, die Höhlenfledermaus zu schützen und ihr sichere Rückzugsorte zu bieten. In den Karstgebieten, die im Kulmbacher Land zum Beispiel rund um Kasendorf zu finden sind, befindet sich ein bevorzugtes Revier. Bei der Kleinen Hufeisennase handelt es sich um eine der kleinsten einheimischen Fledermausarten. Ihren Namen hat sie von dem hufeisenförmigen Nasenaufsatz. Das Rückenfell ist braun und die Unterseite grauweiß, teilt der Verband der Höhlen- und Karstforscher mit. Wenn sie Winterschlaf hält, ist die kleine Fledermaus komplett in ihre Flughäute eingehüllt. Erich Schiffelholz, der Kulmbacher Kreisgruppenvorsitzende des Landesbundes für Vogelschutz, hat bei vielen Veranstaltungen über die schützenswerten Kleinsäuger informiert. „Die Kleine Hufeisennase ist zurück. Ich freue mich, wenn sie sich langsam wieder ausbreitet“, sagt er.

Lebendes Fossil – die Kamelhalsfliege:

Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege ist das Insekt des Jahres 2022. Wie das Kuratorium der Insektenforscher erklärt, werden die Tierchen als lebende Fossilien bezeichnet. Denn es gab sie schon zu Zeiten der Dinosaurier. Nur die Arten, die gut mit Kälte klarkommen, haben überlebt. Eigentlich kommen die Insekten in ganz Mitteleuropa vor, aber sie sind vielerorts noch nie nachgewiesen worden. Dabei könnte die Kamelhalsfliege, die auf Bäumen lebt und sich von Läusen ernährt, auch für Oberfranken recht nützlich werden. Wie die Forscher herausgefunden haben, fressen die Larven der kleinen Fliegen auch einen der größten Schädlinge in den Wäldern, den Borkenkäfer.

Eigentümliche Seltenheit – die Einbeere:

Die Loki-Schmidt-Stiftung hat die Einbeere zur Blume des Jahres 2022 gewählt. Damit will die Stiftung zum dringenden Schutz der alten, naturnahen und wilden Wälder aufrufen. Denn diese Wälder geben der Einbeere und anderen Pflanzen und Tieren langfristig einen Lebensraum und gewähren darüber hinaus die für die Ausbreitung notwendige Zeit. Die recht eigentümliche Pflanze komme in Deutschland noch häufig vor, aber ihre Bestände gehen zurück. In mehreren Bundesländern stehe die Einbeere auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzen, erklärt die Stiftung. Die Einbeere bildet pro Trieb am Ende des Stängels im Laufe des Sommers nur eine Beere, sodass ihre Fernausbreitung mittels Samen begrenzt ist. Die gesamte Pflanze und besonders die Beere sind giftig für Menschen sowie für Insekten, Spinnen, Fische und Hunde.

Am Mühlenweg bei Presseck, der zu den schönsten Wanderwegen im Frankenwald zählt, sind hauptsächlich in den Mischwäldern im Tal die Einbeeren heimisch, teilt die Marktgemeinde mit. Dort, in der abwechslungsreichen Flora, hat die Blume des Jahres 2022 neben Leberblümchen, Buschwindröschen, Maiglöckchen und Waldmeister ihren festen Platz.

 

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