Seltene Tiere kehren zurück „Dem Steinwald geht es besser“

Der Luchs ist zurück in der Region – hier in einer Aufnahme aus dem Wildpark Mehlmeisel. Auch im Steinwald fühlt sich Europas größte Katze wohl. Foto: /Florian Miedl

Seltene Tiere wie der Luchs kehren zurück. Der Wald steht besser da als in anderen Mittelgebirgen. Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg aus Friedenfels hat viel dafür getan.

Friedenfels - Der Steinwald ist etwas Besonderes und birgt ganz besondere Naturschätze – wie etwa die Flussperlmuschel. Seit der vergangenen Woche bringt die Autorin eines Kinderbuches diese geschützte Art den jungen Menschen näher (wir berichteten) – und begeistert auch einen damit, der sich das Bewahren auf die Fahnen geschrieben hat: Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg. Ihm gehören 3000 Hektar Wald, ein beträchtlicher Anteil des gesamtes Steinwaldes. Der Adlige ist auch leidenschaftlicher Jäger – und übt auf seine Weise täglich den Spagat zwischen Nutz und Schutz der Natur. Bekannt geworden ist er nicht zuletzt auch, seit der Luchs im Steinwald wieder heimisch geworden ist.

Herr von Gemmingen-Hornberg, wie geht es denn dem Luchs hier im Steinwald?

Ich hoffe, gut. Wir werden unsere Bewegungskameras erst in den kommenden Wochen wieder aufstellen. Im Herbst hat ja die Luchsin, die auf den Namen Fee getauft ist, drei Junge zur Welt gebracht. Ob alle drei noch leben, wissen wir nicht. Aber es ist sehr wahrscheinlich, da sich diese Tiere bei uns offenkundig wohl fühlen.

 

Luchs-Spuren gibt es auch in benachbarten Mittelgebirgen.

Im Fichtelgebirge wurde 2019/20 eine Luchsin namens Julchen freigelassen. Im Frankenwald hat sich ein Kuder, ein männliches Tier, aufgehalten, ebenso wie im Raum Flossenbürg. Ich bin zuversichtlich, dass ein oder mehrere Kuder den Weg zu uns finden und hier die Population stabilisieren oder gar erhöhen.

 

Von selbst ist der Luchs aber nicht zu uns zurückgekehrt.

Wir mussten schon etwas nachhelfen, indem wir einzelne Exemplare hier aus Gehegen in die Freiheit entlassen haben. Der große Beutegreifer war über Jahrhunderte Teil der Natur hier, bevor ihn der Mensch vor ungefähr 150 Jahren im wörtlichen Sinne „verjagt“ hat.

Nun steht ein weiterer Rückkehrer, der Wolf, in einer teils kontrovers geführten Diskussion.

Zu 50 Prozent werden wir nach meiner Einschätzung im Sommer hier ein Wolfsrudel haben. Das wird Alltag werden bei uns, wie es das etwa schon im Veldensteiner Forst in der Fränkischen Schweiz ist. Und dort klappt auch das Wolfsmanagement.

Bilder von zahlreichen gerissenen Schafen erschrecken empfindsame Seelen und schüren bei manchem Tierzüchter die Wut.

Es geht nicht ohne Konflikt ab. Wir müssen den Nutztierhaltern helfen. Die öffentliche Hand muss deren Arbeit unterstützen, etwa indem sie elektrische Zäune finanziert, hinter dem die Zuchttiere sicher sein können. Hunde als Bewacher sind teuer und nicht immer zuverlässig. Im Übrigen sind uns andere Bundesländer wie Sachsen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern voraus. Bayern hat zwar einen Managementplan Wolf, aber noch viel zu tun. Auch wir Jäger sind in der Pflicht und müssen unsere Abschussplanung anpassen, wenn der Wolf schon zahlreiche Tiere erbeutet hat.

Kommen wir von den Tieren zu den Pflanzen. Der deutsche Wald leidet. Der Mensch ist gefordert.

Grundsätzlich müssen wir alles als Einheit sehen: Tiere und Pflanzen, auch Moose und Flechten. Unsere Familie, mit meinem Sohn Johannes nun in der fünften Generation hier engagiert, bemüht sich, diesen Grundsatz mit Leben zu erfüllen. Es muss den Tieren im Wald gut gehen, aber es ist auch rentable Forstwirtschaft notwendig. Wer diesen Spagat nicht täglich übt, macht es sich zu leicht: Wald vor Wild – der Satz ist zu einfach und nimmt Verantwortlichen das Denken ab.

Was heißt das konkret?

Wir müssen über kürzere Jagdzeiten und verringerte Abschusszahlen reden. Wir haben beispielsweise weniger Rehe geschossen, damit der Luchs hier Beute machen kann. Der frisst ein halbes Reh pro Quadratmeter und pro Jahr etwa 50 dieser Tiere. Und hier setzt auch die Brücke zum Waldumbau an. Es ist erwiesen, dass Wildtiere, die in Ruhe gelassen werden, weniger Schäden hinterlassen. Im Wald gibt es Flächen, an denen ist nichts verdient: steile, extrem feuchte oder trockene Bereiche. Die sollten wir in Ruhe lassen. Und die Naturverjüngung, wie hier vor Ort, halte ich für die beste Strategie. Beispielsweise ist es kein Schaden für den Wald, wenn das Wild 80 Prozent der jungen Triebe auffrisst.

Und wie geht es dem Wald im Steinwald?

Besser als in vielen anderen Mittelgebirgen – auch, weil wir naturnahen Waldbau betreiben.

Kann das auch der ungeschulte Besucher erkennen?

Fahren Sie mal im Frühjahr die Straße von Hohenhard nach Friedenfels, dann sehen Sie hier einen richtig schönen Mischwald, wie er andernorts erst im Entstehen ist. Wir haben aber, verglichen etwa mit dem Harz, auch Standortvorteile wie die Bodenbeschaffenheit oder eine noch ausreichende Niederschlagsmenge. Im Steinwald sind auch die Schäden verkraftbar, die der Borkenkäfer hinterlassen hat. Kurz: Wir sind hier relativ gut aufgestellt.

Also ist der Steinwald für Besucher von besonderem Reiz?

Wir haben viel Wasser, Bäche, Tümpel, verwunschene Felsen, Artenvielfalt, alles relativ unberührt: Eine Landschaft, wie sich ein Ausländer einen Märchenwald vorstellt. Für Gäste, die länger bleiben wollen, ist die Infrastruktur allerdings relativ bescheiden. Attraktive Hotels für Urlauber gibt es praktisch keine.

Jüngst kommen allerdings Tagestouristen in großer Zahl.

Ja, und deren Aufkommen muss in Bahnen gelenkt werden. In Hohenhard haben an Wochenenden schon mal über 100 Autos geparkt. Und bei meinen Runden mit dem Mountainbike zur Platte und zurück habe ich früher null bis fünf Menschen getroffen. Im vergangenen Jahr habe ich bei 400 mit dem Zählen aufgehört. Und die Leute bleiben auch nicht auf den Wegen, manche gehen nur querfeldein. Im Schnee hat man viele Spuren gesehen, die abseits der markierten Strecken führen. Geht das so weiter – und davon ist auszugehen –, dann sind Wegegebote unvermeidlich – und die dringende Bitte, nicht in der Dämmerung oder nachts unterwegs zu sein, wo man die Natur empfindlich stört. Sie glauben gar nicht, wann und wo die Menschen neuerdings überall herumlaufen.

Die Fragen stellte Wolfgang Neidhardt

 

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