Tierarzt im Nirgendwo

Von Thorsten Gütling

Der Weg, der zum Haus führt, wird irgendwann zur Schotterpiste. Eine Bushaltestelle sucht man vergebens. Einen Laden sowieso. Aber den findet man auch in ganz Schnabelwaid nicht. Das nächste Haus ist gut drei Kilometer entfernt. Ein Bach plätschert, ein Hahn kräht. Hin und wieder rattert die Bahn vorbei. Hier morgens mit Unterhose und Kaffeetasse vors Haus treten, die Sonne aufgehen sehen und die Vögel zwitschern hören, für Rudi Retzer ist das das Paradies.

Heute liegt ein Schatten auf dem Paradies am Kitschenrain. Hündin Roxy ist in eine Scherbe getreten. Die Wunde ist tief und muss genäht werden. Frauchen Katrin Held, die Freundin von Rudi Retzer, macht das selbst. Erst am morgen hat sie einer anderen Hündin zwei Tumore entfernt. In der Praxis im Erdgeschoss des Wohnhauses wacht die Hündin gerade aus der Narkose auf. Daneben stehen OP-Tisch, Röntgen- und Sterilisiergeräte. Die 34-Jährige ist Tierärztin und hat in der Einöde eine Praxis eröffnet. Eine Gratwanderung – zwischen matschigen Wiesen und sterilem Operationsbesteck. Helds Taktik: Sandalen. „So oft, wie ich rein und raus muss, würde ich mir sonst den halben Tag lang nur die Schuhe binden“, sagt sie.

Nach der Werbung weiterlesen

Eine Praxis in der Einöde

Eine Praxis in der Einöde, funktioniert das? „Wer mich sucht, weiß, wo er mich findet“, sagt Held. Millionärin habe sie sowieso nie werden wollen. Und so bleibe wenigstens noch Zeit für die eigenen Tiere. Die vier Pferde zum Beispiel. Andernorts koste es 350 Euro im Monat um ein Pferd unterstellen zu dürfen. Dazu kommen Gebühren für die Nutzung einer Pferdekoppel und Geld fürs Fressen. Stall und Koppel hat Katrin Held in der Einöde selbst. Wenn es hier etwas im Übermaß gibt, dann ist es Platz.

Roxy führt die Aufsicht

Sobald Hündin Roxy wieder fit ist, übernimmt sie wieder die Aufsicht. Über sieben Gänse, zehn Enten, zwei Katzen, 22 Hennen, einen Hahn, vier Bienenvölker und etliche Karpfen und Forellen. Bald kommen wieder fünf Schafe dazu, wie jedes Frühjahr. Die sollen das Gras am Ufer der Fischweiher fressen. Im Herbst wandern sie dann in Kochtopf oder Gefriertruhe. Wie einige andere der Tiere auch. „Wir wollen wissen, was wir essen“, sagt Retzer. Der 45-Jährige weiß, wovon er spricht. Er arbeitet im Veterinäramt Bayreuth als Fleischkontrolleur. Deshalb soll zuhause der eigene Lammbraten auf den Tisch. Und an Weihnachten wird die Verwandtschaft mit Enten und Gänsen versorgt.

Finger weg von allem, was Namen hat

In der Einöde Kitschenrain gibt es eine wichtige Regel: Finger weg von allem, was Namen hat. Ein Gänsepaar ist bereits 16 Jahre alt und watschelt seit drei Jahren durch die Einöde. Ein anderes hinkt von Geburt an hinterher. Es als Jungtier zu schlachten, kam Held gar nicht in den Sinn. Zu schön sei das Gefieder. Und wer nicht gut laufen könne, könne ja immernoch ein guter Schwimmer sein, sagt Held. In der Einöde gilt: Wer lange genug dabei ist, gehört zur Familie. Mittlerweile lässt sich sogar Gans Gustl in den Arm nehmen.

Mal richtig laut Trompete spielen

Was Retzer und Held am Leben in der Einöde gefällt? Wenn Retzer abends Trompete spiele, dann störe das keine Menschenseele. „Keine Nachbarn, kein Streit“, sagt Retzer. „Und zum Einkaufen mit dem Fahrrad fahren, das musste ich auch während meines Studiums in München“, sagt Freundin Katrin Held.

Die Zeitung kommt mit der Post

Auf die Zeitung muss morgens etwas gewartet werden, sie kommt  mit der Post. Und länger als zwei Tage in den Urlaub fahren ist auch nicht drin. Die Tiere wollen gefüttert werden. Und Nachbarn, die sich darum kümmern könnten, gibt es nicht. Die nächsten wohnen drei Kilometer entfernt. „Aber weg“, sagen Katrin Held und Rudi Retzer, „wollen wir sowieso nicht. Wir wohnen ja schon da, wo andere Urlaub machen.“